WIRTSCHAFT
26/11/2017 19:50 CET | Aktualisiert 28/11/2017 12:20 CET

"Du darfst gehen, wenn du mich küsst": 6 Frauen berichten, wie sie während des Praktikums belästigt wurden

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"Du darfst gehen, wenn du mich küsst": 6 Frauen berichten, wie ihre Männer sie während eines Praktikums belästigt haben

  • Praktikanten und Studenten stehen auf der untersten Stufe in der Job-Hierarchie

  • Ein Grund, wieso sie so oft von Vorgesetzten sexuell belästigt werden

  • 6 Frauen erzählen in der HuffPost, was sie in Jobs oder Praktika erlebt haben - und wie Männer ihre Machtposition ausnutzten

Sarah* macht ein Praktikum bei einer Tageszeitung. Weil sie noch keinen Führerschein hat, muss sie oft im Auto eines freien Fotografen mitfahren.

"Er hat mir gerne von seinem Penis erzählt", sagt sie. "Davon, wann und wie seine Eier anschwellen und vom unbefriedigenden Sex mit seiner Lebensgefährtin", sagt sie.

Auf einer Fahrt legt er seine Hand auf Sarahs Oberschenkel. Ziemlich weit oben in der Nähe des Schambereichs. Sarah zieht ihr Bein weg. Es war nicht das erste Mal, dass er sie angefasst hat - aber das verstörendste.

Doch bei dem einen Mal bleibt es nicht. In der Redaktion sagt sie, dass sie nicht mehr mit dem Fotografen auf Termine will. Niemand stellt Fragen. "Die Leute dort wussten längst, wie der Typ drauf ist." Zu dem Zeitpunkt ist Sarah 15 Jahre alt, der Fotograf Ende 30.

Frauen in der Ausbildung werden häufig Opfer sexueller Belästigung

Praktikantinnen und Studentinnen stehen in der Hierarchie eines Unternehmens ganz unten und werden nicht zuletzt deshalb häufig von Vorgesetzten sexuell belästigt. Laut der Anti-Diskriminierungsstelle des Bundes sind junge Frauen in der Ausbildung oder anderen befristeten Beschäftigungsverhältnissen besonders häufig von sexueller Belästigung betroffen.

Seien es dumme Sprüche, ständiges Antatschen oder Situationen, in denen eine ernste Bedrohung besteht - 6 Frauen haben der HuffPost erzählt, wie ihre Chefs ihre Machtposition ausgenutzt haben.

Sie sprechen über ihre persönlichen Geschichten, weil sie aufmerksam machen wollen, auf die Verhältnisse bei deutschen Arbeitgebern. Weil sie wollen, dass sich etwas ändert.

Frauen in der Ausbildung häufig Opfer sexueller Belästigung

Annas erster Job ist in einem Café. Das Verhalten des Chefs dort ist geprägt von Sexismus. Unter Bewerberinnen sucht er sich immer die Jüngsten und Attraktivsten aus.

Seine Kommentare zu Bewerbungsbildern älterer Frauen sind herablassend: "Als würde so etwas Kunden anwerben", empört sich Anna. Vor Kunden führt er sie mehrmals vor.

"Mein Chef wies mich im Laden fälschlicherweise zurecht mit der Aussage: 'Hübsch heißt nicht gleich intelligent.'" Er habe Lust daraus gezogen, Frauen als Vorführobjekte zu missbrauchen.

"Du kannst gehen, wenn du mich küsst"

Auch Helena arbeitet zeitweise in der Gastronomie. Sie will sich als Werkstudentin bei einer Event-Catering-Firma etwas Geld dazu verdienen.

Das Kellnern macht ihr Spaß. Eigentlich. Nach der Arbeit auf einem Event fragt sie ihren Vorgesetzten, ob sie Feierabend machen darf. Der antwortet: "Du kannst gehen, wenn du mich küsst."

Helena ist perplex und weiß nicht, wie sie reagieren soll: "Wir waren alleine in der Garderobe und ich bekam Panik." Dann dreht sie sich wortlos um und geht. Eine Woche später kündigt sie.

Bei Kathrin fängt die Belästigung schon zu Beginn ihrer Schicht in der Diskothek an. "Ah, die Süße kommt wieder, die wird später erstmal vergewaltigt." So wird sie von einem der Türsteher begrüßt.

Ihr Kollege weist ihn glücklicherweise zurecht. Doch nicht immer kann sie auf die Hilfe der anderen Mitarbeiter hoffen. "Einmal kam ein Gast zu mir und fragte mich, ob meine Muschi so hübsch sei wie mein Gesicht. Ich war mit der Situation komplett überfordert."

Hilfesuchend schaut sie einen ihrer Kollegen an. Der lacht nur und sagt, sie solle das doch als Kompliment sehen. Während einer anderen Schicht, fasst ein Kollege Kathrin an den Hintern. "Ich hab ihn weggeschoben und gesagt, dass er mich nicht anfassen soll."

Der Chef fährt mit mir zum Baggersee - dort sind sie komplett alleine

Auch in anderen Branchen ist sexuelle Belästigung Alltag.

Für Sarah sollte es nach dem Fotograf bei der Tageszeitung nicht die einzige negative Erfahrung bleiben. Mit 18 Jahren ist sie Praktikantin bei einer Videonachrichtenagentur. Dort zieht der 40-jährige Chef sie aus ihrem Team ab, weil er mit ihr Archivbilder drehen will. Er fährt mit ihr an einen Baggersee "zum Baden".

Sarah weigert sich, sich auszuziehen. Doch ihr Chef beginnt, sie zu massieren. Weit und breit ist kein anderer Mensch. Über eine halbe Stunde lang bittet sie ihn, aufzuhören und mit ihr zurückzufahren.

Mehr zum Thema: "Ich habe immer vor der Arbeit geweint": Wie sexuelle Belästigung mich zur Kündigung getrieben hat

"Ich hatte in dem Moment keine andere Waffe als meine Worte", sagt Sarah. Auf dem Rückweg sagt er ihr, sie dürfe das niemanden erzählen. Im Büro berichtet sie es den Kollegen trotzdem sofort. Eine wirft ihr vor, zu lügen. "Das hat mich unglaublich schockiert."

Auch bei Monika ist es der Chef, der sie während eines Praktikum in einer kleinen IT-Firma belästigt. Ständig macht er vor ihr Kommentare über andere Frauen. Sie seien zu hässlich, grauenhaft gekleidet oder einfach saudumm.

Monika sagt er immer wieder, wie gut sie aussehe. "Er sagte mir, ich solle doch meine Haare offen lassen und einen Rock oder eine kurze Hose anziehen. Denn das würde mehr Männer anlocken." Dabei fasst er ihr immer wieder an die Hüfte oder Schulter. Nach diesen Vorfällen beendet Monika das Praktikum.

”Na Schatz, jetzt sind wir ein bisschen alleine”

Doch auch in ihrem nächsten Praktikum bei einem Radiosender bleibt sie nicht verschont. Nach einem Meeting auf der Terrasse wird sie aus Versehen mit einem Moderator ausgesperrt.

Er ist verheiratet und hat zwei Kinder. Umso überraschender kommt sein unangebrachter Kommentar: "Na Schatzi, das haben die mit Absicht gemacht, damit wir ein bisschen alleine sein können."

Monika kann darüber nicht lachen. "Ich fand die Situation nach diesem Satz nur noch unangenehm." Kurz darauf werden sie glücklicherweise bemerkt. Dem Moderator geht Monika die restliche Zeit des Praktikums aus dem Weg.

In dem Moment, als es passiert ist, wusste keine der jungen Frauen, wie sie reagieren soll.

Als Praktikantin befindet man sich auf der untersten Sprosse der Karriereleiter, man ist völlig austauschbar und oft bleiben einem nur wenige Wochen, um sich zu beweisen. Mehr noch: Oft hängt die berufliche Zukunft davon ab, wie gut man sich in die Hierarchie des Unternehmens fügt und wie wohlgesonnen einem der Vorgesetzte ist.

"Praktikantinnen haben oft das Gefühl, keine andere Wahl zu haben, als alles mit sich machen zu lassen", sagt Ariane Calvo der HuffPost Frankreich. Bevor sie in eine Personalabteilung wechselte, arbeitete sie zehn Jahre als Trauma-Psychologin.

"Es mangelt ihnen an Selbstwertgefühl", sagt Calvo.

Die Männer fühlen sich wegen ihrer Position unantastbar

Das Problem sei auch, dass Praktikantinnen oft nicht wüssten, an wen sie sich wenden sollen, wenn sie Probleme mit ihrem Vorgesetzten haben.

"Hinzu kommt, dass man den Frauen oft vorwirft, dass sie nicht früher etwas gesagt haben", sagt Calvo. "Oder man gibt ihnen das Gefühl, dass sie nicht deutlich genug 'Nein' gesagt haben."

Männer, von denen sexuelle Belästigung ausgeht, fühlen sich aufgrund ihrer Position oft unantastbar. Sie denken, sie können sich alles ohne Konsequenzen leisten. Das erlebt auch Laura. Sie ist Hospitantin an einem großen Staatstheater.

Während einer Probe ersetzt sie eine fehlende Schauspielerin. Ein männlicher Schauspieler, mit dem sie die Szene spielt, ist dafür bekannt, viel zu improvisieren.

Auf einmal nimmt er einen Wassereimer und schleudert ihn Laura entgegen. "Ich stand da, komplett durchnässt, mein helles Oberteil war durchsichtig geworden", erzählt sie.

"Ich hatte Angst, mich zu beschweren"

Der Regisseur lacht - genauso wie der Rest der Männer. "Ich fand das Ganze gar nicht lustig", sagt sie. "Aber ich hatte Angst, mich zu beschweren." Derselbe Schauspieler wirft Laura und anderen Praktikantinnen während der Probenzeit auch danach noch einige Male anzügliche Blicke zu.

Was alle Frauen gemeinsam haben: die Angst, dass man seine ganze Karriere torpediert, wenn man über die Belästigung spricht, die einem widerfahren ist. Dass man vielleicht überreagiert hat.

Kaum jemand möchte überempfindlich wirken oder einen Mann ungerechtfertigt in Schwierigkeiten bringen. Auch viele der Frauen, mit denen wir gesprochen haben, wollten uns ihre Erfahrungen nur schildern, wenn sie dies anonym und ohne zu viel Detailangaben tun können.

Keine wollte riskieren, dass die Vorkommnisse auf sie und damit auch auf ihren Vorgesetzten zurückgeführt werden können. Von einer Hexenjagd auf die Gesamtheit der Männer, vor der viele Skeptiker derzeit warnen, sind wir also selbst in Zeiten von #metoo weit entfernt.

*Die Namen der Frauen wurden von der Redaktion geändert.

Es ist nicht leicht, über schlimme Erfahrungen zu sprechen. Frauen, denen Ähnliches passiert ist, können sich jederzeit beim Beratungstelefon der Antidiskriminierungsstelle des Bundes unter 030/185551865 melden.

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(ujo, lk)

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