POLITIK
24/11/2017 17:28 CET | Aktualisiert 25/11/2017 08:25 CET

Studie zeigt, was Flüchtlinge über ihr Leben in Deutschland denken

Ina Fassbender / Reuters
Das denken Flüchtlinge über ihr Leben in Deutschland

  • Forscher haben Flüchtlinge nach ihrem Leben in Deutschland gefragt und daraus Handlungsempfehlungen erarbeitet

  • Der Familiennachzug ist demnach extrem wichtig für die Integration

  • Die Asylbewerber brauchen mehr Transparenz, wie es für sie weitergeht

Echte und selbsternannte Experten haben oft ein genaues Bild davon, wie die Integration von Flüchtlingen in Deutschland gelingen kann. Aber was denken eigentlich die Flüchtlinge selbst über ihr Leben in Deutschland? Was ist ihnen wichtig? Wie erleben sie Deutschland?

Der Frage ist der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) mit der Robert-Bosch-Stiftung nachgegangen und hat für die Studie "Wie gelingt Integration?" 62 Asylsuchende ausführlich befragt.

Familiennachzug wäre wichtig für die Integration

Flüchtlinge aus Syrien und anderen Konfliktgebieten, die auf einen Familiennachzug warten, machen sich oft so große Sorgen um enge Angehörige, die in der Heimat oder in Transitländern leben, dass sie sich kaum auf Spracherwerb und Jobsuche konzentrieren können. "Besonders die Aussagen syrischer Befragter zeigten, wie sehr die fluchtbedingte Trennung von Familienangehörigen emotional belastet", stellen die Autoren der Studie fest.

Der Familiennachzug für subsidiär Geschützte Flüchtlinge - überwiegend Kriegsflüchtlinge aus Syrien - ist derzeit für zwei Jahre ausgesetzt. Der Streit, ob das der Familiennachzug wieder erlaubt werden soll, war einer der wichtigsten Streitpunkte in den Jamaika-Sondierungen.

Die Autoren der Studie raten massiv davon ab, den Familiennachzug weiter ausgesetzt zu lassen, das "könnte sich auf die Integration dieser großen Gruppe von Flüchtlingen negativ auswirken." In dieser Zeit eine politisch brisante Aussage.

Die Arbeit als Antrieb und Ziel

Kaum ein Aspekt trat in den Interviews mit den Flüchtlingen so deutlich hervor wie der starke Wunsch, zu arbeiten, um finanziell unabhängig zu werden. Viele Befragte empfinden es als unangenehm, teilweise als beschämend, von Sozialleistungen abhängig zu sein. Viele sagen, sie wollten ihre Zeit und Energie lieber in Arbeit stecken, als tatenlos "herumzusitzen".

Neben finanzieller Selbstständigkeit sehen sie Arbeit auch als Möglichkeit, soziale Kontakte aufzubauen, die deutsche Sprache zu lernen und der Gesellschaft etwas "zurückzugeben".

Einige erhoffen sich nach Angaben der Forscher auch bessere Aufenthaltschancen, wenn sie eine Ausbildung anfangen.

Obgleich der Wunsch nach Arbeit ausgeprägt ist, konnten einige der 62 Befragten aus Syrien, Afghanistan, Pakistan, Somalia, Albanien, dem Kosovo und Mazedonien noch nicht genau sagen, wo es beruflich hingehen sollte.

Das Problem mit der Ungewissheit und der Intransparenz

Wie die meisten Menschen möchten auch Flüchtlinge ihr Leben planen können, heißt es in der Studie. Deswegen ist die Ungewissheit kurz nach der Ankunft für sie schwierig. Für sie seien die bürokratischen Prozesse intransparent.

Tatsächlich sind die Flüchtlinge mit diesem Gefühl nicht allein - selbst politisch interessierte Deutsche tun sich schwer, auch nur zu erklären, welche Arten von Schutz Deutschland Migranten gewähren kann. Von den Details der Regelungen ganz zu schweigen.

So wissen laut Studie die Migranten oft nicht, wen sie bei welchen Fragen kontaktieren müssen. Und am schlimmsten: Sie können überhaupt nicht einschätzen, wie lange es dauert, bis das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) über ihren Fall entscheidet.

"Langes Warten auf das Ergebnis des Asylverfahrens oder das Leben in einer Turnhalle sind deutlich besser zu ertragen, wenn absehbar ist, wie lange dieser Zustand dauern wird. Wird Ungewissheit hingegen zum Dauerzustand, sinkt die Motivation und die Betreffenden bemühen sich weniger um Integration", heißt es in dem Papier.

Die Schutzsuchenden mit schlechter oder mittlerer Bleibeperspektive treiben andere Probleme um. Sie fühlen sich als Asylbewerber zweiter Klasse, wenn es um Gesundheitsversorgung, Sprachkurse oder Jobvermittlung geht. Die Autoren der Studie halten fest: Damit Integration gelingen kann, "müssen die Asylverfahren deutlich beschleunigt werden".

Soziale Isolation

Die Befragten nehmen die deutsche Gesellschaft als ein Gemeinwesen wahr, das zwar gut organisiert ist, aber auch sehr verschlossen.

"Es herrscht Ordnung und es gibt Gesetze. Deutschland hat viele Gesetze", zitieren die Forscher eine 37-jährige Afghanin. In Afghanistan habe sie wegen der angespannten Sicherheitslage nie ruhig geschlafen, "hier, wenn man nachts den Kopf auf das Kissen legt, hat man ein ruhiges Gefühl."

Viele Flüchtlinge klagen über soziale Isolation. Sie kennen meist nur Behördenvertreter und ehrenamtliche Helfer, haben keine privaten Beziehungen zu Deutschen. Einige Asylbewerber sind zwar ganz froh, wenn sie in Deutschland auch Kontakt zu Menschen aus ihrem Herkunftsland finden.

Doch das trifft nicht auf alle zu. Vor allem Flüchtlinge aus Konfliktgebieten halten manchmal lieber Abstand zu ihren Landsleuten. Das gilt besonders für Angehörige religiöser Minderheiten und für Homosexuelle.

Mit Material der dpa

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(jg)

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