POLITIK
23/11/2017 18:07 CET | Aktualisiert 25/11/2017 14:11 CET

Hohe Mieten, zu wenig Sozialwohnungen, viele Barrieren: Wie die Wohnungskrise in München die Ältesten trifft

delihayat via Getty Images
87-Jährige braucht 2 Stunden, um in den vierten Stock zu kommen (Symbolbild)

  • Die steigenden Mieten in der teuersten deutschen Stadt treffen zunehmend die Ältesten

  • So wie Ingeborg und Heinz A., die seit 62 Jahren in der selben Wohnung in München-Untergiesing wohnen

  • Das alte Ehepaar würde gerne ihre Wohnung im vierten Stock ihres Miethauses verlassen - doch das scheint hoffnungslos

Zwei Stunden für 67 Stufen.

Ingeborg A. muss genau abwägen, wann sie ihre Wohnung im vierten Stock verlässt. Als die 88-jährige vor 62 Jahren mit ihrem Mann Heinz in das Wohnhaus im Münchner Stadtteil Untergiesing zog, war das Treppensteigen kein Problem.

"Nun geht alles viel langsamer - wegen der Haxn", sagt Frau A. in typisch Münchner Mundart und meint damit ihre kaputten Knie. Sie selbst versucht zwar so oft es geht aus dem Haus zu kommen, doch ihr 87-jähriger Mann kann die Treppen nur noch mit einem Pfleger gehen - "oder wenn der Arzt kommt."

Ein Umzug in eine barrierefreie Wohnung wäre die Lösung. Aber das Ehepaar erhält zu viel Rente für eine Sozialwohnung - und zu wenig, um sich die hohe Miete in einer anderen Wohnung leisten zu können.

Die beiden sind somit an ihre Wohnung gefesselt - wie wohl Tausende andere in der teuersten Stadt Deutschlands.

Mehr zum Thema: Tut endlich etwas gegen den Mietwahnsinn in unseren Städten!

Mangel an bezahlbarem Wohnraum ist Zündstoff

Derzeit ist jeder fünfte der etwa 1,5 Millionen Einwohner Münchens 65 Jahre oder älter. Aufgrund der steigenden Lebenserwartung und des Nachwachsens geburtenstarker Jahrgänge prognostiziert die 2015 veröffentlichte Studie "Älter werden in München" einen Anstieg der über 75-Jährigen um etwa ein Drittel, von etwa 108.000 im Jahr 2011 auf 142.000 im Jahr 2030.

"Die Lage ist in einer unaufhörlich wachsenden Großstadt wie München besonders schwierig", klagt Ulrike Mascher, Vorsitzende des Sozialverbands VdK Bayern und Präsidentin des Sozialverbands VdK Deutschland.

Sie sagt: "160.000 neue Wohnungen müssen in den kommenden Jahren entstehen, damit die Region mit dem erwarteten Zuzug fertig werden kann."

Denn die hohen Mieten würden selbst Menschen, die eine Durchschnittsrente bekommen, "ganz schnell in Richtung Grundsicherung rutschen" lassen. "Das schafft Zündstoff in einer Großstadt, die auf der anderen Seite von großem Reichtum geprägt ist", warnt SPD-Politikerin Mascher.

Schon jezt machen die immer höher werdenden Wohnkosten der ältesten Generation zu schaffen. Laut dem Münchner Armutsbericht 2017 gelten 80 Prozent der über 65-Jährigen als arm oder zählen zur unteren Mittelschicht. Die "Älter werden in München"-Studie zeigt, dass steigende Mieten und Preisen - nach Krankheiten und sich verschlechternder Gesundheit - zu den größten Ängsten der alten Münchner gehört.

muenchen

Mehr zum Thema: Wohnungskrise in München: Dieser Verein vermittelt Wohnraum an Flüchtlinge und Sozialschwache

Umzug unmöglich

Das alte Ehepaar hat sich mit seiner Situation abgefunden - notgedrungen.

"Jeder Tag ist zu kurz", bemerkt Ingeborg A. "Ich bin die Pflegerin von meinem Mann", erklärt sie. Seit dieser vor fünf Jahren einen Herzstillstand erlitten hat, ist er ein Pflegefall - ihr Pflegefall. Aber auch sie plagt sich seit 2014 mit Kniebeschwerden, seit einem Sturz im März wurde es noch schlimmer. Jede Treppenstufe wird da zu einem kleinen Hindernis.

Deswegen unterstützt ein Pfleger seit einigen Monaten die Rentner. Doch der kommt nur zweimal in der Woche zum Waschen oder Einkaufen. "Das reicht nicht aus", erklärt Frau A., die wie ihr Mann keine private Pflegeversicherung hat.

Sie muss selbst mit anpacken, die Hauptarbeit liegt nach wie vor bei ihr. "Ich stehe viermal in der Nacht auf, um mich um meinen Mann zu kümmern."

Die beiden haben bereits vor Jahren an einen Umzug gedacht. "Es reicht", betont Frau A. "Ich würde sofort eine andere Wohnung nehmen, aber wir bekommen nichts."

Mehr zum Thema: Polnische Krankenschwestern wenden sich zunehmend von Deutschland ab - und verschärfen so den Pflegenotstand

Miete unter 1000 Euro fast ausgeschlossen

Für das alte Ehepaar gibt es drei Optionen - doch alle scheiden für sie aus:

Sozialwohnung: Sie hätten bereits zweimal versucht, eine Wohnung bei einer der städtischen Wohnungsbaugesellschaften zu bekommen. Vergebens, die Rente der beiden wäre zu hoch gewesen.

Hinzu kommt: Zwar gibt es in München rund 78.000 geförderte Wohnungen, allerdings betragen die Wartezeiten zum Teil mehrere Jahre. Bei der mit 35.000 Wohnungen größten Münchner Vermieterin, der Wohnungsbaugenossenschaft Gewofag, beträgt der Leerstand nur 1,2 Prozent, bei der zweitgrößten Genossenschaft GWG (mit 26.700 Wohnungen) gar nur 0,5 Prozent.

Neue Wohnung: Da das Paar bereits seit 1955 in ihrer jetzigen Wohnung wohnt, ist die Miete deutlich geringer als die der anderen Mietparteien. Zudem würden die Rentner gerne in Untergiesing bleiben. "Aber unter 1000 Euro kriegt man hier nichts mehr. Und ich will nicht nach draußen, in die Außenbezirke", erklärt Frau A.

Tina Angerer vom Mietverein München kennt das Problem. "Viele Mieter in Bestandswohnungen versuchen so lange es geht in ihrer Wohnung zu bleiben."

Das hat Auswirkungen auf den gesamten Wohnungsmarkt. "Leute, bei denen die Kinder ausgezogen sind oder der Partner verstorben ist, wohnen mittlerweile alleine in einer großen Wohnung." Auch wenn diese gerne in eine kleinere Wohnung umziehen würden, "finden sie für die gleiche oder eine ähnliche Miete einfach nichts mehr", erläutert Angerer.

Die Zahlen zeigen das: Laut eine Erhebung aus dem Jahr 2014 lagen die Mieten der 55- bis 75-Jährigen Münchner pro Quadratmeter mehr als 3 Euro und damit etwa ein Fünftel unter den durchschnittlichen Mietkosten aller Münchner. Noch größer ist der Unterschied zu den Erstbezugsmieten, dieser beträgt mehr als 6 Euro.

Altersheim: Einen Umzug ins Altersheim lehnt das Paar, das nur einen Sohn und keine Enkelkinder hat, ab. "Ich mag noch nicht ins Heim, dort sind nur alte, kranke Leute", stellt Frau A. klar. "Anders als im Heim, bringe ich in meinem eigenen vier Wänden noch Leben rein. Dahoam is dahoam", bemerkt sie.

Glück mit dem Vermieter

Mit viel Humor versucht die rüstige Dame durch den schwierigen Alltag zu kommen.

Immerhin haben die Rentner Glück mit ihrem Vermieter. Sie kennen ihn schon seit dessen Kindheit, das Wohnhaus in der Nähe des Kolumbusplatz' gehörte schon dessen Vater. "Der Mann ist tolerant und sehr sozial", lobt sie. Er wolle das alte Ehepaar nicht rausdrängen. Etliche ältere Mieter habennicht solches Glück.

Klar ist aber auch: Frau A. ist an der Grenze zur Belastbarkeit angekommen. Ihr Mann Heinz habe früher überall geholfen, sie verwöhnt und "hat mir alles aus der Hand genommen. Sogar die Fenster habe er geputzt. "Nun bin ich der Herr im Haus, jetzt bin ich dran", seufzt Frau A.

Auch bei den Sympathien für die Münchner Fußballvereine sind die Rollen klar verteilt: Er ist Bayern-Fan. Sie hält es mit dem Lokalrivalen 1860. "Ich war schon immer für die Schwächeren."

Mehr zum Thema: Wie ungerecht ist Deutschland? Das sagen Experten und Betroffene:

Martin Schulz kämpft für soziale Gerechtigkeit - aber wie schlecht geht es Deutschland wirklich?

"Wir fühlen uns schuldig für unsere Armut" - was es bedeutet, in einer armen Familie zu leben

Wie gerecht geht es in Deutschland zu? Diese Zahlen zeigen es

Lieber Martin Schulz: Wenn Sie Gerechtigkeit wollen, müssen Sie diesen Millionen Menschen in Deutschland helfen

Eine Grafik zeigt die erschütternde Ungleichheit in den USA - sie muss auch den Deutschen eine Warnung sein

2017-09-07-1504783952-2794140-CopyofHuffPost3.png

Hartz IV, Wohnungsnot, Armut: Viele Menschen in Deutschland sind betroffen - hier sind ihre Geschichten

Sponsored by Trentino