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23/11/2017 14:51 CET | Aktualisiert 23/11/2017 14:55 CET

Weil die Stadt Mannheim hunderte Millionen für ihr Theater ausgibt, zieht ein Jungpolitiker blank

  • Es muss nicht immer der Playboy sein: Der Mannheimer Stadtrat Julien Ferrat hat sich für das Amtsblatt ausgezogen

  • Mit seiner Aktion will der 26-Jährige gegen den Kommunaletat protestieren

  • Der Politiker der Familien-Partei kritisiert vor allem die geplante Sanierung des Nationaltheaters

“So sexy kann Kommunalpolitik sein”: Unter diesem Motto protestiert der Mannheimer Stadtrat Julien Ferrat gegen den vorgeschlagenen Haushalt der kurpfälzischen Metropole – nackt.

In der aktuellen Ausgabe des Mannheimer Amtsblatts ist ist ein Nacktfoto des 26-Jährigen abgedruckt; nur sein Intimbereich wird verdeckt von einem Schild mit der Aufschrift: “Nein zum Haushalt”.

"Die Stadt Mannheim muss endlich verantwortungsbewusst mit Steuergeldern umgehen”, sagt der Politiker der Familien-Partei im Gespräch mit der HuffPost. Seines Erachtens nach geht der vorgestellte Haushaltsplan für die Jahre 2018/ 2019 an zu vielen Stellen an den Bedürfnissen der Bürger vorbei.

So sei zwar genug Geld für Prestigeprojekte da, “aber nicht für den sozialen Wohnungsbau oder den Ausbau des Sozialpasses”, durch dessen Vorlage bedürftige Bürger bei verschiedenen privaten oder öffentlichen Einrichtungen Vergünstigungen erhalten.

Ferrat: “Nationaltheater ist Fass ohne Boden”

Mit Unverständnis begegnet Ferrat vor allem der geplanten Generalsanierung des Nationaltheater Mannheim (NTM). 185 Millionen Euro will die Stadt dafür locker machen. Der junge Politiker merkt gegenüber der HuffPost jedoch an, dass das Theater zuletzt lediglich Einnahmen in Höhe von rund 8 Millionen verzeichnen konnte.

Das Nationaltheater Mannheim blickt auf eine lange Tradition zurück. Gegründet wurde es 1777 als Schauspielhaus durch Kurfürst Carl Theodor. Nur fünf Jahre später sorgte die Uraufführung von Friedrich Schillers Drama “Die Räuber” im Nationaltheater für gesellschaftlichen Aufruhr und katapultierte die Spielstätte ins nationale Bewusstsein.

Kulturgut hin oder her – “die Stadt Mannheim muss sich von diesem Fass ohne Boden endlich trennen”, fordert Ferrat. "In den letzten 10 Jahren floss rund eine halbe Milliarde in die Subventionierung des Nationaltheater Mannheim. Das ist mit Sinn und Verstand nicht zu rechtfertigen.”

Die Art und Weise des Protests sei eine Anspielung auf das Märchen “Des Kaisers neue Kleider” des dänischen Schriftstellers Hans Christian Andersen. Es wird allgemein als Allegorie für die Blendungsmethoden der Obrigkeit, oder eben der Politik verstanden.

“Die Stadt Mannheim stellt sehr vieles sehr toll da, aber nüchtern betrachtet ist das, was hier passiert tatsächlich sehr wenig”, erklärt Julien Ferrat.

Bürger mit nackten Tatsachen begeistern

Der Politiker der Familien-Partei will die Bürger dagegen mit nackten Tatsachen überzeugen.

Mehr zum Thema: "World Press Photo 2014": Wie es dazu kam, dass ein Nacktfoto den ersten Platz belegte

Dass diese Form des Protests bestens geeignet ist, um öffentliche Aufmerksamkeit zu erregen, ist dem 26-Jährigen bewusst. “Die Etatberatungen sind ein wichtiges Thema. Leider ist das Interesse für Kommunalpolitik bei manchen Bürgern überschaubar”, sagt Ferrat.

Ob sein Nacktfoto es schafft, mehr Mannheimer für die Politik zu begeistern bleibt abzuwarten.

Auf Facebook bekommt der Stadtrat zumindest viel Lob für die Aktion. “Außergewöhnlich und mutig” findet ein User den Schritt. “Ich mag deinen Drive”, schreibt ein anderer. Viele kommentieren schlicht "Respekt" – immerhin ist nicht jeder Politiker bereit, sein letztes Hemd für das Wohl der Bürger zu geben.

Sollte Ferrats provokante Aktion genügend Zuspruch finden, könnte er bei den Etatberatungen vom 11. bis 13. Dezember Druck auf den Stadtrat ausüben.

Die Stadt Mannheim wollte sich auf Anfrage der HuffPost nicht zu der ungewöhnlichen Protestaktion äußern.

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