POLITIK
22/11/2017 13:10 CET | Aktualisiert 23/11/2017 08:44 CET

"Türkei kann Europa in 3 Tagen erobern": Erdogan-Zeitung verbreitet wirre Theorie - und liefert absurde Beweise

  • Die türkische Zeitung "Yeni Söz" legt mit Behauptungen nach, die Türkei könne Europa in drei Tagen erobern

  • Bereits im August hatte die Zeitung krude Eroberungsfantasien abgedruckt

  • Der Beweis, den die Zeitung für ihre These anführt, ist allerdings fragwürdig

Die “Yeni Söz” ist eher eine kleine türkische Zeitung. Rund 10.000 Exemplare beträgt die verkaufte Auflage des Erdogan-nahen Mediums.

Dennoch sorgt das Blatt regelmäßig für Wirbel. Denn die “Yeni Söz” inszeniert sich seit Monaten als vorderste Front in der europafeindlichen Kampagne der islamisch-konservativen Regierung in Ankara.

Am 1. August druckte die Zeitung eine Karte des europäischen Kontinents auf der Titelseite. Dazu die Schlagzeile: "Wenn wir heute früh anfangen, könnten wir Europa in drei Tagen erobern."

Nun, fast vier Monate später, legt die “Yeni Söz” nach. Sie behauptet den Beweis für ihre krude These aus dem August gefunden zu haben. Und erklärt erneut: “Die Türkei ist das stärkste Land in Europa.”

yeni soz

Die Schlagzeile im August

Zeitung bezieht sich auf bulgarischen Premier

Die Eroberungsfantasie der Zeitung beruht dieses Mal auf einem Satz des bulgarischen Premierministers Bojko Borissow.

Der hatte sich nach dem Eklat bei einer Nato-Übung in Norwegen, bei der der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan und der türkische Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk offenbar als Feind dargestellt worden waren, für eine andauernde Partnerschaft mit Ankara ausgesprochen.

“Die Türkei ist Europas größter Nachbar, ein riesiges Land und hat die größte Armee Europas, die gut ausgebildet und ausgerüstet ist”, hatte Borissow am Montag erklärt.

Für die “Yeni Söz” offenbar Grund genug, von einem Militärschlag auf dem europäischen Kernland zu fantasieren. “Das ist die Bestätigung unserer Schlagzeile”, schreiben die Macher.

Die “Yeni Söz” verschweigt derweil, dass Borissow seine Aussage wohl vor allem als Botschaft des Friedens und der Annäherung verstanden haben wollte. “Es ist sehr wichtig, dass die Türkei ein wichtiger Partner der Nato und der EU bleibt”, hatte der Bulgare betont.

Borissow sprach sich für eine Normalisierung der Beziehungen aus – betonte aber auch, eine EU-Mitgliedschaft der Türkei sei derzeit “nicht auf dem Tisch”.

Die Zeitung zitierte jedoch vor allem die lobenden Worte des Bulgaren für die türkische Armee. Und versah den Artikel gleich noch mit einem martialischen Bild: das übrigens aus dem Smartphone-Spiel "Armeeausbildung V2" zu stammen scheint.

martialisch

So kam die These im August zustande

Bereits im August war es ein aus dem Kontext gerissenes Zitat, das das abgedruckte Angriffsszenario der “Yeni Söz” begründen sollte.

Die Zeitung lehnte ihre These an den amerikanischen Politologen George Friedman, Gründer des Geopolitik-Instituts Stratfor, an.

Das regierungsnahe Medium schrieb:

"Friedman sagte, die Türken könnten Deutschland an einem Nachmittag und Frankreich, wenn sie überhaupt den Mut haben zu kämpfen, in einer Stunde besiegen. Friedman liegt falsch. Wenn man dem internationalen Forschungsinstitut Gallup glaubt, das gefragt hat, ob die Menschen für ihr Land kämpfen würden, haben die Europäer die weißen Fahnen schon jetzt ausgepackt, falls es zum Krieg kommt.“

Im Jahr 2009 sagte Friedman so bei einer Veranstaltung in Sydney, er glaube, die Türkei habe die "beste militärische Kapazität in Europa – mit der möglichen Ausnahme von Großbritannien".

Von Lachern begleitet schob er den von der "Yeni Söz" zitierten Satz nach: Offenbar eine bewusste Übertreibung, um den möglichen geopolitischen Aufstieg der Türkei zu illustrieren.

Teil einer Strategie

Bereits damals berichtete die HuffPost im Kontext des sich verschärfenden Tons zwischen Ankara und Brüssel über die Titelseite.

Der Türkei-Experte Henri J. Barkey von der Lehigh University warnte vor einer rhetorischen Zuspitzung.

"Erdogan versucht sich, eine neue Unterstützerbasis aufzubauen, die nationalistisch ist, frommer und ausländerfeindlich", sagte Barkey der HuffPost. Damit wolle der Präsident immun gegen die abwehrende Haltung werden, die er aus dem Westen gegen seine "neue Türkei" und seinen neuen Autoritarismus erwarte.

Eine “neue Türkei”, die vor allem mit den Traditionen der Kemalisten bricht. “Erdogan will sich das Land der osmanischen Tradition annähern”, sagte Barkey. Teil dieser Strategie seien auch die rhetorisch zugespitzten Angriffe in Richtung Europa.

Die “Yeni Söz”, so viel ist sicher, hat das begriffen. Und wird sich wohl weiter an jeden Grashalm klammern, um die Türkei als militärische Macht im Kampf gegen den Westen zu inszenieren.

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(jg)

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