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22/11/2017 16:48 CET | Aktualisiert 23/11/2017 12:18 CET

4 Betten, 20 Quadratmeter, 1600 Euro: Diese Anzeige zeigt, wie absurd der Kampf um Wohnungen geworden ist

  • Für 400 Euro bietet ein Vermieter in München einen Platz in einem Vierbettzimmer an

  • Der Fall zeigt, wie absurd die Wohnungssituation in deutschen Großstädten inzwischen ist

Es gibt Menschen, die würden alles für eine Wohnung in München tun. Beispielsweise 750 Euro für einen Platz in einer Abstellkammer bezahlen. Oder in eine fünf Quadratmeter große Notunterkunft ziehen.

Oder sich mit drei anderen erwachsenen Menschen einen ehemaligen Büroraum teilen: 20 Quadratmeter, vier Betten, eine Elektro-Kochplatte und ein Klo. Für 400 Euro im Monat. Pro Person.

Bei vier Bewohnern kommen dadurch 1600 Euro Miete zusammen. Kein schlechtes Geschäft - für den Vermieter zumindest.

Mehr Neubürger als Augsburg Einwohner hat

Was sich nach einem schlechten Scherz anhört, ist in München bittere Realität. Der Wohnungsmangel ist extrem. Laut dem regionalen Wirtschaftsplanungsverband wuchs die Region München in zehn Jahren um 300.000 Menschen - das sind mehr, als etwa Augsburg Einwohner hat.

Um den Bedarf an Wohnungen künftig zu decken, müssten pro Jahr 20.000 neue Wohnungen gebaut werden. Im Jahr 2015 waren es nur 12.500. In dieser Rechnung ist nicht nur die Stadt München enthalten, sondern auch die acht Landkreise drumherum, aus denen die Menschen nach München pendeln können.

Und: München ist kein Einzelfall. Ganz ähnliche Probleme gibt es in nahezu allen deutschen Metropolen. Wohnungen sind knapp, die Preise steigen teils dramatisch. Und immer mehr Menschen bleiben bei der Wohnungssuche auf der Strecke.

Die verrückte Ebay-Anzeige

Das erklärt, warum im Oktober dieses Angebot auf der Plattform “Ebay Kleinanzeigen” auftauchen konnte:

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Inzwischen ist die Anzeige offline.

Aber wer kommt auf die Idee, auf diese Weise von der Wohnungsnot in München zu profitieren? Und ist das überhaupt verwerflich? Denn schließlich bestimmt die Nachfrage den Preis.

Wir sind diesen Fragen nachgegangen und gaben uns als Interessenten aus.

Der erste Kontakt zum Vermieter

Den ersten Kontakt hatten wir mit dem Vermieter über seine Handynummer. Tom (Name geändert) stellt zunächst ein paar freundliche Fragen.

Was wir beruflich machen und ob wir aus München stammen, möchte er wissen. Wir sagen: Pressesprecher einer kleinen Firma, nicht aus München, zurzeit wohnhaft bei Bekannten auf der Couch.

"Das hier ist nichts Offizielles"

Das scheint okay für Tom. Aber für uns, das sagt er deutlich, muss etwas anderes okay sein:

“Das hier ist nichts Offizielles. Beim Kreisverwaltungsreferat anmelden, das geht hier nicht."

Das Kreisverwaltungsreferat in München ist eine Behörde für alles. Sie ist Einwohnermeldeamt, Gewerbeaufsicht und vieles mehr.

Tom sagt, mit vier Leuten würden mehr Menschen im Raum leben, als das Amt erlaubt.

Damit hat er vermutlich recht. Zwar gibt es in Bayern kein Gesetz mehr, wie viel Quadratmeter jeder Mieter Platz haben muss. München trifft Einzelfallregelungen. Aber andere Bundesländer rechnen mit mindestens neun Quadratmetern pro Person.

Eine Sprecherin der Stadt sagt, wenn es in einem Raum etwa zwei Betten gebe und jeder Bewohner ein halbwegs privates Leben führen könne, gehe das in der Regel klar. Das geht in Toms Bude nicht, wie wir sehen werden.

Dazu kommt: Das Zimmer war früher ein Büro. Möglicherweise, sagt Tom, sei es nicht als Wohnfläche zugelassen. Auch da liegt er richtig.

"Wenn man in einen Büroraum einfach ein paar Matrazen reinlegt, dann ist da ruckzuck die Baubehörde da”, sagt die Stadt-Sprecherin, ohne allerdings den konkreten Fall zu kennen. Da geht es nicht nur um irgendwelchen Papierkram, sondern um wichtige Fragen wie Fluchtwege und Brandschutz.

Treffen im Stadtzentrum

Wir wollen das Zimmer trotzdem sehen.

“Kein Problem", sagen wir Tom. Es sei ja nur für eine Weile. Ein paar Kurznachrichten und einige Stunden später steht unser Treffen: Donnerstag um 12 Uhr vor einem Haus im Stadtzentrum.

Mehr zum Thema: Diese Frau zahlte 700 Dollar für eine Acht-Quadratmeter-Wohnung – so sieht es drinnen aus

Die Wohnung befindet sich nahe einer vielbefahrenen Straße und nur wenige Minuten vom Hauptbahnhof entfernt. Immerhin: Die Lage stimmt.

Vor Ort begrüßt uns Tom. Er ist kräftig gebaut und hat ein rundes Gesicht mit weichen Zügen.

Mit einem ruhigem Lächeln streckt er uns die Hand entgegen und stellt sich vor. “Freut mich, hier entlang.”

Tom führt uns durch einen langen gefliesten Gang. Vor einer Holztür bleibt er plötzlich stehen. “Da sind wir schon.”

Vier Betten, eine Kochplatte und ein Klo

Er schließt die Tür auf und wir stehen in dem Zimmer. Der Raum ist etwa 20 Quadratmeter groß. In einer Reihe stehen zwei Betten, jeweils 90 auf 200 Zentimeter, rechts daneben ein einfacher Holzschrank und ein Hochbett.

Vier Betten haben wir uns anders vorgestellt.

“Hier ist einer, hier ist einer und da ist einer”, erklärt Tom und zeigt auf die Betten. Die obere Matratze vom Hochbett sei noch frei. Und, ganz wichtig: Das Internet sei im Preis inbegriffen, sagt Tom.

An der anderen Wand: ein Kühlschrank, auf dem eine Elektro-Kochplatte steht. Daneben ein großer Fernseher.

Dafür, dass hier drei erwachsene Männer auf engstem Raum wohnen, ist es bemerkenswert sauber, fast schon steril.

Die Betten sind gemacht und der Boden sieht aus, als ob er frisch gewischt worden wäre. Lediglich ein paar Plastikflaschen stehen neben den Betten. Durch die beiden Fenster kann man hinaus in den Hof blicken.

An der Wand zwischen zwei der Schlafplätze hängt ein hölzerne Bilderrahmen, darin ein Foto von einem hellgrünen Wald aus Bambus-Bäumen.

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Die Zimmergenossen sind nicht zu Hause

Hinter einer daumendicken Holzschiebetür, wie man sie aus japanischen Kung-Fu-Filmen kennt, verbirgt sich der einzige Rückzugsort des 1600-Euro-Domizils: das Bad mit Klo, Waschbecken und winziger Duschkabine.

Alles wirkt sehr ruhig, fast schon etwas unheimlich.

Wer die anderen Mieter sind, fragen wir. Wieder zeigt er auf die Betten: “Der da arbeitet als Fahrer für einen großen Lastwagenhersteller.”

Er sei “ein Schwarzer, aber ein ganz netter Kerl”, versichert uns Tom. “Daneben schläft ein Italiener, ein Koch, und der Letzte ist im IT-Bereich tätig.”

Er erklärt uns, er habe den Raum früher als Büro genutzt. Wenn Geschäftspartner aus dem Ausland kamen, habe er sie hier drin übernachten lassen.

Aber inzwischen mache er das nicht mehr. Deswegen hat er sich entschlossen, den Raum zu vermieten. Als wir fragen, ob die Hauseigentümer damit einverstanden sind, denkt er kurz nach.

Mehr zum Thema: Junger Vater aus Kassel sucht neue Wohnung - und schaltet eine kuriose Anzeige

“Es ist geduldet. Du kannst jetzt nicht sagen: 'Ich bin hier gemeldet.' Es ist halt eher eine temporäre Sache, für ein paar Wochen oder Monate”, erläutert er ruhig.

Wir sind erstaunt, wie tiefenentspannt er uns versucht, etwas anzudrehen, das eindeutig illegal ist.

Wie verrückt muss der Markt sein?

Die Besichtigung dauert nicht länger als drei Minuten. Es gibt ja auch nicht viel zu sehen.

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Dafür umso mehr nachzudenken. Wie verrückt muss ein Mietmarkt sein, dass sich Menschen für 400 Euro im Monat ein Zimmer mit drei anderen Bewohnern teilen?

Treffen dürfen wir die potenziellen Mitbewohner nicht, das macht Tom schnell klar. Wir müssten erst zusagen und die 400 Euro Miete abliefern, in bar natürlich.

Das heißt wohl: Auch die anderen Bewohner hatten keine Chance, wenigstens vorher zu sehen, ob sie mit den Menschen klarkommen, mit denen sie enger zusammenleben sollen, als es die meisten Familien tun.

Sozialer Sprengstoff und krumme Deals

Ähnliche Geschichten wie aus München ließen sich auch aus Hamburg, Stuttgart und Berlin erzählen.

Es sind die immer gleichen Geschichten davon, dass Wohnungen fehlen. Weil die Städte wachsen, weil aber zugleich kaum neue Wohnungen entstehen.

Laut Bundesbauministerin Barbara Hendricks (SPD) müssten jedes Jahr in Deutschland 350.000 Wohnungen gebaut werden. Im vergangenen Jahr waren es nicht einmal 280.000.

Schlimmer noch: Wenn gebaut wird, sind es oft Luxusapartments für Besserverdiener. Weil hier die Rendite stimmt. Vergangenes Jahr entstanden 70.000 Eigentumswohnungen, aber nur 25.000 Sozialwohnungen deutschlandweit. Der Deutsche Städtetag schätzt, dass es bis zu 120.000 Sozialwohnungen brauche, pro Jahr.

Diese Bilanz ist traurig. Sie birgt sozialer Sprengstoff. Und schafft Raum für krumme Deals, wie in München.

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(sk, br)

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