WIRTSCHAFT
22/11/2017 18:49 CET | Aktualisiert 22/11/2017 18:52 CET

Ökonom warnt: Eltern setzen Kindern keine Grenzen - das ist die Ursache für den fatalen Konsumwahn

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Wenn Kinder im Spiel sind, wird es noch schwieriger, sein Kaufverhalten zu kontrollieren

  • 6,5 Milliarden Euro geben die Deutschen pro Jahr allein für Spielsachen aus

  • Der Umweltökonom Niko Paech sieht den steigenden Konsum sehr kritisch - der unter Eltern oft besonders ausgeprägt sei, so seine Beobachtung

  • Er sagt: Schuld ist zu einem großen Teil der moderne Erziehungsstil

Es ist eine kaum vorstellbare Zahl: 10.000 Dinge besitzen die Bewohner westlicher Industrienation im Schnitt. "Konsumwahn" nennen das Kritiker und warnen, dass uns die Sucht nach immer neuen Produkten unglücklich mache.

Einer der prominentesten Konsumkritiker ist der Umweltökonom Niko Paech aus Siegen. Für ihn beginnt der falsche Umgang mit dem Überangebot an Dingen bereits bei den Kleinsten. Plastikbagger, blinkende Tiere, Bobby-Cars: Eltern seien besonders gefährdet, ihr Leben mit Gegenständen für die Kleinen zuzumüllen, beobachtet er.

"Der soziale Anpassungsdruck, dem wir ausgeliefert sind, nimmt zu, wenn Kinder im Spiel sind", sagt er. "Dafür sorgt schon deren Einbindung in die Kita oder Schule, wo sie sich mit anderen Kindern vergleichen."

"Eltern scheuen sich davor, ihre Kinder in die Schranken zu weisen"

Was viele Eltern übersehen: Wenn sie Kinder bekommen, müssen sie nicht nur sich selbst vor den Reizen der Konsumwelt schützen, sondern auch die Kinder.

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Und das, so kritisiert Paech, falle vielen sehr schwer. "Eltern wollen zeigen, wie antiautoritär ihr Erziehungsstil ist und scheuen sich deshalb, ihre Kinder in die Schranken zu weisen."

Uns Menschen im Allgemeinen und Eltern im Speziellen habe die wirtschaftliche Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte in eine schwierige Lage versetzt.

"Wir haben eine Entwicklungsstufe unseres modernen Zeitalters erreicht, in dem wir zum einen so viel konsumieren wie noch nie und zum anderen verlernt haben, Konflikte auszuhalten und Grenzen zu setzen", sagt der Nachhaltigkeitsforscher.

6,5 Milliarden Euro pro Jahr für Spielsachen

"So können die Firmen ihre Marketingstrategien ungestört an den Kindern auslassen - und die Eltern sagen nicht Nein."

Die Zahlen geben Paech recht: Eltern verwenden immer größere Summen für die Spielsachen ihrer Kinder. Laut dem Institut für Handelsforschung in Köln waren es bei der letzten Berechnung gut 6,5 Milliarden Euro im Jahr.

Für Paech ist der Zusammenhang klar: Der moderne Erziehungsstil sei mitschuldig, dass schon bei den Kleinsten der aus seiner Sicht fatale Konsumwahn unserer Gesellschaft seinen Anfang nehme.

"Eltern neigen heute dazu, alles, was Konfliktpotenzial hat, wegzudelegieren", warnt er. "Wenn ein Kind den ganzen Tag in der Kita ist, werden viele schwierige Situationen dahin geschoben, wo sie nicht gelöst werden, weil das dortige Personal weder die Autorität noch Verbindlichkeit hat, in das Leben der Kinder einzugreifen."

Konsum macht auf Dauer nicht glücklich

Zusätzlich beobachtet er einen steigenden Wettbewerbsdruck unter Eltern. "An Elternabenden findet ein regelrechter Wettstreit zwischen den Erwachsenen statt: Wer bietet seinem Kind möglichst früh viele Selbstverwirklichungsoptionen. Bereits Fünfjährige werden mit Smartphones ausgestattet oder Sechszehnjährige auf Fernreisen geschickt."

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Aber viele Eltern, gerade aus dem bürgerlichen Milieu, sind doch durchaus reflektiert und kritisch, was ihr Kaufverhalten angeht. Oder nicht?

Der Ökonom sieht das anders. Für ihn hat Maßlosigkeit nichts mit sozialem Status zu tun.

"Der Bildungsgrad und das Umweltbewusstsein können bei den Eltern noch so hoch sein, vor dem Konsumwahn sind die allermeisten nicht gefeit", sagt er.

Viel sinnstiftender ist das "relationale" Glück

Der Grund? "Sie haben Angst, als rückständig oder politisch inkorrekt zu gelten, sobald sie oder ihre Kinder nicht die aktuellen Fortschrittssymbole vorweisen können."

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Das Problem: Konsum kann auf Dauer weder befriedigen noch glücklich machen, warnen Experten. Das gilt auch - oder gerade - für Kinder.

"Die meisten Menschen erwarten zu viel vom Konsum und überschätzen das zukünftige Glück, das sie aus den materiellen Gütern ziehen", sagte der Schweizer Ökonom und Glücksforscher Bruno Frey in einem Gespräch mit "faz.net".

Viel sinnstiftender als Materialismus sei das "relationale Glück". "Das ist die Zufriedenheit, die wir aus Freundschaft, Familie und dem Umgang mit guten Bekannten ziehen."

Hinzu kommt: Bereits bei Kindern ist zu beobachten, dass sie viele Dinge, die sie geschenkt bekommen, gar nicht benutzen oder nach wenigen Minuten achtlos in einer Ecke liegen lassen.

Verzicht statt Maßlosigkeit

"Vieles davon kaufen wir, ohne es je zu konsumieren", bestätigt der Soziologe und Politikwissenschaftler Hartmut Rosa, Direktor des Max-Weber-Kollegs in Erfurt, in der "Zeit". "Wir kaufen uns heute lediglich die Option, Dinge zu benutzen, also den Zugang zu vielen Dingen.”

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Wie aber kann ein Ausweg aussehen? Wenn es nach Paech geht, funktioniert der nur sehr radikal.

"Wir brauchen kleine, dezentrale Bewegungen, die den vermeintlichen Fortschritt ablehnen", fordert er. "Schulen, die keine Smartphones mehr zulassen. Familien, die sich der Digitalisierung und dem Konsumwahn verweigern."

Mit anderen Worten: Entrümpelung, Reduktion, weniger ist mehr. "Sich dem Ganzen fröhlich und provokant zu entziehen, ist das letzte Mittel einer Revolution, das uns in der modernen Welt noch bleibt."

Ganz so kompromisslos wie Paech muss man das sicherlich nicht sehen.

Aber einen Gedanken lohnt es sich allemal im Kopf zu behalten: Wie viele der 10.000 Dinge, die ich besitze, liegen mir wirklich am Herzen und bei welchen würde ich nicht einmal merken, wenn sie verschwinden?

Eine ehrliche Frage auf diese Antwort zeigt: Auf sehr vieles könnten wir ohne Probleme verzichten - und unsere Kinder auch. Denen macht oft ohnehin das neue Hightech-Spielzeug viel weniger Spaß, als mit einem alten Kochlöffel auf eine Blechdose zu schlagen.

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(sma)

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