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22/11/2017 11:44 CET | Aktualisiert 22/11/2017 12:21 CET

Die fünf Stadien der Jamaika-Trauer: Ein politisches Desaster in Zitaten

Axel Schmidt / Reuters
Die fünf Stadien der Jamaika-Trauer: Ein politisches Desaster in Zitaten

  • Das Jamaika-Aus bewegt Deutschland - und die beteiligten Politiker

  • Nimmt man deren Aussagen ernst, scheinen manche ein regelrechtes Trauma davon getragen zu haben

  • Eine nicht ganz ernst gemeinte Chronik der Trauer um Jamaika

“Es ist besser nicht zu regieren, als falsch zu regieren”, mit diesen Worten hatte FDP-Chef Christian Lindner in der Nacht zum Montag den Abbruch der Jamaika-Sondierungen verkündet.

Seitdem überbieten sich die an den Verhandlungen beteiligten Politiker geradezu in Wehklagen. Nimmt man ihre Aussagen ernst, müssen die Wochen der Sondierungen die reinste Hölle gewesen sein. Und dieser Höllenritt wurde am Ende nicht einmal belohnt.

Jamaika ist tot - und Union, Grüne und FDP äußern sich teilweise so, als wäre tatsächlich jemand gestorben.

Anlass für uns, der Depression eine Ordnung zu geben - und Hoffnung zu machen. Wir haben die emotionalsten Zitate für euch gesammelt und den fünf Phasen der Trauer, die die Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross entwickelt hat, zugeordnet. Kübler-Ross wollte mit ihrem Modell Sterbenden und ihren Angehörigen den Umgang mit der Trauer erleichtern.

Auch bei Jamaika gilt: Das Leben geht weiter, die Trauer ist nicht ewig. Am Ende des Tunnels ist Licht.

1. Phase: Das Nicht-Wahrhaben-Wollen

Zu denen, die den Tod von Jamaika nicht wahrhaben wollen, gehört zum Beispiel Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Laut Kübler-Ross ist das eine typische Reaktion von Menschen, die einen schweren Verlust erlitten haben.

Am Dienstag hatte sich Steinmeier sowohl die Grünen als auch mit FDP-Chef Christian Lindner getroffen, wohl in der Hoffnung, dass man die Streithähne doch noch einmal an einen Tisch bringen könne. “Wer sich in Wahlen um politische Verantwortung bewirbt, der darf sich nicht drücken, wenn man sie in den Händen hält”, hielt der Bundespräsident fest.

Lindner zeigte sich gegenüber der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” jedoch beharrlich: Ein neuer Anlauf im Jamaika-Format mache nach seinen Worten „keinen Sinn“.

2. Phase: Die Wut

In den ersten Tagen nach einem schmerzlichen Verlust kann es zu plötzlichen Wutausbrüchen kommen. Nach dem Jamaika-Aus trifft diese Wut vor allem die FDP, allen voran Parteichef Lindner.

Der SPD-Abgeordnete Carsten Schneider fuhr dem Liberalen während der Bundestagssitzung am Dienstag über den Mund. Schneider hatte in einer Rede gesagt, die SPD-Minister stünden im Gegensatz zu anderen Parteien zu ihrer Verantwortung. Lindner hatte daraufhin laut gelacht.

"Ich finde, Sie sollten ganz still sein. Ganz still sollten Sie hier an diesem Tag sein", wütete Schneider in Richtung Lindner.

Weiter erklärt Schneider: "Keine Verantwortung übernehmen, den Ausstieg schon lange geplant zu haben und dann so eine Theatralik an den Tag zu legen, das ist schon ein starkes Stück."

Grünen-Politikerin Christin Melcher unterstellt dem FDP-Chef, nicht aus Patriotismus gehandelt zu haben, sondern aus Eigensucht. “Lindner first, Verantwortung second”, polterte sie auf Twitter.

Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross stellt in ihrem Buch klar, dass sich einige Phasen der Trauer auch wiederholen können. Christian Lindner wird sich wohl noch länger dem Zorn der anderen Parteien ausgesetzt sehen – von der Bevölkerung ganz zu schweigen.

Mehr zum Thema: Was ein Management-Coach zu Lindners Absage und Führungsstil sagt

3. Phase: Das Verhandeln

Jetzt, da Jamaika vom Tisch ist, bleiben nur zwei Möglichkeiten, um Neuwahlen zu verhindern: Entweder, die Union erklärt sich zu einer Minderheitsregierung bereit, oder aber die SPD erklärt sich doch noch bereit zu einer Großen Koalition mit CDU und CSU.

Letzteres gilt als unwahrscheinlich, da die Partei nach den Worten von SPD-Vize Ralf Stegner der Auffassung ist, dass es kein Mandat für eine große Koalition gebe. Stegners Stellvertreter Thorsten Schäfer-Gümbel fügte hinzu, die SPD sei nicht "das Ersatzrad am schlingernden Wagen von Frau Merkel".

Allerdings: In der SPD gibt es auch Stimmen, die eine GroKo befürworten. In den kommenden Tagen kann es hier also durchaus noch Bewegung geben.

Und die Jamaika-Geschädigten aus der FDP und bei den Grünen, was wollen die? Eher unklar, zu tief scheinen Schock und Verwirrung nach dem Jamaika-Aus.

Die Vertreter der Kleinparteien schwanken zwischen der Hoffnung auf eine Groko, Neuwahlen oder Minderheitsregierung.

4. Phase: Die Depression

Wenn man sich anhört, was manche Politiker in den vergangenen Tagen über die gescheiterten Sondierungen gesagt haben, könnte man meinen, sie litten an einem posttraumatischen Jamaika-Syndrom. Besonders hart scheint es die Grünen erwischt zu haben.

“Das war Psychoterror ohne Ende”, klagt der grüne Umweltminister aus Schleswig-Holstein, Robert Habeck. "Wir brauchen jetzt alle 'ne Therapie, glaube ich."

Katrin Göring-Eckardt sagte im Interview mit “Spiegel Online”, sie habe “gelitten wie eine Hündin.”

Laut “Süddeutscher Zeitung” sollen Bundestags-Vize Claudia Roth in der Nacht, als die Gespräche abgebrochen wurden, sogar die Tränen gekommen sein.

Lediglich der politische Bundesgeschäftsführer der Grünen, Michael Kellner, war in der Lage, humorvoll auf die Jamaika-Gespräche zurückzublicken. "Nach diesen Sondierungen muss ich feststellen: Elternabende sind wirklich ein Vergnügen dagegen."

In diesem Fall muss man wohl von Galgenhumor sprechen.

Der Hintergrund: Am 18. Oktober hatte Kellner nach den ersten Gesprächen mit Union und FDP gesagt: "Ich komme gerade gestählt aus zwei Elternabenden in den letzten Wochen. Das heißt, da war das ein gutes Gespräch, ein konstruktives Gespräch."

5. Die Akzeptanz

Die Union und die Grünen werden wohl noch ein paar Tage brauchen, bis sie den Schock über das Jamaika-Aus verdaut haben.

Die Linken-Franktionschefin Sahra Wagenknecht zeigte sich dagegen bereits erleichtert über den Abbruch der Sondierungsgespräche. "Gut, dass das Trauerspiel vorbei ist", erklärte sie auf Twitter.

Mit Material der dpa.

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(ben)

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