POLITIK
22/11/2017 21:30 CET

Harry Leslie Smith ist 94 Jahre alt - und will vor seinem Tod noch eine Mission erfüllen

Dan Kitwood via Getty Images
MANCHESTER, ENGLAND - SEPTEMBER 24: 91 year old Harry Leslie Smith delivers an impassioned speech about his life and the NHS on September 24, 2014 in Manchester, England. Ed Miliband, the Leader of the Labour Party, delivered his keynote speech to delegates yesterday, and has since admitted missing out a key passage on the UK's financial deficit. The four-day annual Labour Party Conference finishes today in Manchester. (Photo by Dan Kitwood/Getty Images)

  • Harry Leslie Smith ist 94 Jahre alt

  • Bevor er stirbt, will er die Welt noch ein bisschen besser machen

  • Und arbeitet an einem riesigen Projekt

Der Herbstwind, der über Kanada fegt, könnte der letzte sein, den Harry Leslie Smith erlebt. Der Schnee im Winter der letzte, den er fallen sieht. So sieht Smith das. Er ist 94 Jahre alt. Hager, wie viele Menschen, die sein Alter erreichen. Seine Stimme brüchig, wenn er ein bisschen länger spricht.

Aber der Brite, der gerade in Kanada lebt, hat eine Mission: Er will zu den Flüchtlingslagern in Europa, Nordamerika und Australien reisen, zu so vielen wie möglich. Als Warnung an die Gesellschaft, als Appell an die Menschlichkeit.

"Eine der schwierigsten Phasen der Menschheit"

"Fast 100 Jahre lang war ich Zeuge der besten und der schlimmsten Entwicklungen der Menschheit. Und gerade jetzt befindet sich die Menschheit in einer ihrer schwierigsten Phasen überhaupt", schreibt Smith.

Laut dem Flüchtlingshilfswerk UNHCR waren Ende 2016 weltweit 65,6 Millionen Menschen auf der Flucht. So viele wie nie zuvor gezählt wurden. Ein Prozent der Menschheit besitzt laut der Organisation Oxfam so viel wie der gesamte Rest der Weltbevölkerung. Beide Probleme drohen sich weiter zu verschärfen.

Smith will ein Buch über seine Reise schreiben

"Ich will meine Recherchen, meine Eindrücke, meine Wut und Leidenschaft in ein Buch verwandeln, das helfen kann, die Menschen in ihrer Selbstgefälligkeit aufzurütteln", schreibt er über seine Pläne.

"Ich hasse das weit verbreitete Denken, wir seien doch so liebenswerte, hilfsbereite Menschen, wo wir doch in Wirklichkeit diese Gefühle gar nicht haben", sagt er der HuffPost.

Das Elend von Calais

Im November 2015 hat Smith bereits das Flüchtlingscamp im französischen Calais besucht, wo Tausende Migranten, vor allem Afrikaner, unter schlimmsten sanitären und humanitären Bedingungen auf eine Gelegenheit warteten, nach Großbritannien überzusetzen.

"Ich konnte nicht glauben, was ich dort sah", sagt er. "Die Menschen durften nicht raus aus dem Camp, sie waren von allen Seiten von Polizei umgeben. Ihr Leben ist Elend. Das Lager glich mehr einem KZ als einem Lager in einem freien Land."

Er fürchtet, dass diese "vermeidbare Tragödie" der allein gelassenen Flüchtlinge "uns zu einem weiteren Krieg führen kann, so grausam wie der, den ich gegen Hitler vor mehr als 70 Jahren zu kämpfen half".

Es widert ihn an, wie die britische Regierung sich gegen die Flüchtlinge sperrt. Es entsetzt ihn, wie viele Länder Europas mit den Menschen umgehen, die nichts mehr haben.

"Deutschland war sehr großzügig, so viele Menschen aufzunehmen", erklärt Smith. "Die anderen Länder sollten sich schämen. Es ist Zeit, dass sie ihren Teil beitragen."

Die Kindheit in tödlicher Armut

Die Armut der Menschen im Camp hat ihn erschüttert, wie sie vielleicht nur jemanden treffen kann, der selbst Elend erlebt und überwunden hat.

Smith ist einer der Letzten, die aus eigener Erfahrung von den Gräueln des Weltkrieges und dem anschließenden Wiederaufbau berichten können. Und er weiß, wie wertvoll seine Biografie für seine Glaubwürdigkeit ist. "Ich bin eine lebende Brücke in unsere Geschichte", schreibt er.

Smith wurde 1923 in Yorkshire geboren, als Sohn eines arbeitslosen Kohle-Kumpels. "Den Minenbesitzern gehörte alles, den anderen gehörte nichts."

Seine Schwester Marion starb an Tuberkulose, weil Geld für die Medikamente fehlte. "Es war eine fürchterliche Zeit. Wenn man durch die Straßen ging, hörte man die Schmerzensschreie der Menschen aus den Schlafzimmern, die sich keine Medikamente leisten konnten, um ihr Sterben zu erleichtern."

Als Mitglied der Royal Air Force kam Smith im zweiten Weltkrieg nach Hamburg, wo er seine spätere Frau Friede kennenlernte.

Er erlebte den Wiederaufbau nach dem Krieg, sah, wie der Staat sich endlich um jene kümmerte, die vorher entweder in Armut lebten oder wegen der Armut starben.

In den 50er-Jahren zog er mit seiner Frau nach Kanada, verdiente sein Geld mit Orientteppichen. Heute lebt er teils in Großbritannien, teils in Kanada. Und will sich nicht damit abfinden, dass die Menschlichkeit, die er in seiner Heimat hat wachsen sehen, wieder verschwindet.

"Der größte Fehler älterer Menschen ist, keinen Finger mehr zu rühren"

Smiths Verletzlichkeit und seine Erfahrungen verleihen seinen intensiven Texten, seinen poetischen, bisweilen pathetischen Worten, Wucht.

Smith schreibt für die britische Zeitung "Guardian", ist Autor mehrerer Bücher. Zuletzt erschien "Don't Let My Past Be Your Future", "Lass meine Vergangenheit nicht deine Zukunft sein".

Nun wirbt er auf der Crowdfunding-Plattform "Gofundme" für sein wohl letztes Projekt. Gut 46.000 von 60.000 Dollar hat er schon zusammen.

Die Tour würde extrem anstrengend werden für Smith. Wer mit ihm spricht, der fragt sich bang, wie um Himmels Willen er eine emotional und körperlich extreme Tortour durchstehen will.

Er selbst entgegnet: "Ohne Anstrengung erreicht man nichts. Der größte Fehler, den viele ältere Menschen machen, ist zu sagen: Ich bin jetzt in Rente und mache keinen Finger mehr krumm." Er wolle bis zum letzten Atemzug arbeiten. Wenn er helfen könne, die Gesellschaft ein bisschen besser zu machen, dann wäre er "sehr, sehr glücklich".

Der Greis, der in den sozialen Netzwerken zuhause ist

Smith mag, wie er schreibt, seine Vergangenheit näher liegen als die Zukunft. Aber er lebt viel mehr im Heute als sehr viele Menschen, die ein halbes Jahrhundert jünger sind als er. Er trifft offenbar den Ton der Menschen, auf Twitter folgen ihm 145.000 Menschen, jeder seiner Podcasts auf Soundclound zählt Tausende Abrufe.

Smith streitet, mischt sich ein. Er geißelt die Brexit-Politik der britischen Regierung, die Politik des US-Präsidenten Donald Trumps, die Gier der Reichen, den Neo-Liberalismus und die Austeritätspolitik. Er unterstützte die Kampagne des britischen Labour-Politikers Jeremy Corbyn.

Die Hoffnung auf das Gute

Er fordert die jungen Menschen auf, sich ebenfalls einzumischen. Gegen alles, was unfair ist.

Der 94-Jährige macht sich nicht allzu viele Ilusionen über diejenigen, die die Welt jetzt regieren. "Manchmal wünschte ich, die Menschen können so lange leben wie die Galapagos-Schildkröten, damit wir ein wenig weiser werden", schreibt er in seinem jüngsten Buch. "Aber ich bin mir nicht so sicher, ob das klappen würde, nachdem so viele Ältere für den Brexit oder Donald Trump gestimmt haben."

Aber er hofft, dass die jungen Menschen wieder eine faire Welt schaffen. "Vielleicht verfügen die jungen Menschen über die Weisheit, weil sie mit der Selbstsucht der Baby-Boomer-Generation zu leben gelernt haben."

"Ich habe die Hoffnung, weil ich weiß, dass die Menschen eine Aufgabe, die sie als solche erkannt haben, auch erfüllen wollen."

Er glaubt, dass die Menschen die Macht und die Kraft haben, die Welt zum Besseren zu wenden. "Nach 1945 haben wir es auch geschafft."

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Ob Flüchtling, ob Deutscher - wir sind alle nur Menschen. Mit Ideen, Hoffnungen, Meinungen. Darüber könnt ihr euch hier austauschen.

(mf)