ENTERTAINMENT
22/11/2017 16:28 CET | Aktualisiert 22/11/2017 19:32 CET

Warum Deutschland einen Star wie Boris Becker nie verdient hatte

  • Boris Becker wird 50

  • Statt ihn für seine Erfolge zu feiern, überschütten die Deutschen den Tennisstar mit Spott

  • Das sagt mehr über die Deutschen als über Becker - Zeit für die Würdigung eines großen Sportlers

Wenn an einem beliebigen Novemberabend im Jahr 2017 Menschen anfangen, von Boris Becker zu schwärmen, wird es merkwürdig still in den Wohnzimmern dieser Republik.

Voller Begeisterung über den "Leimener" zu sprechen, das ist wie Golf Cabrio fahren, Fernet Branca trinken oder Lindenstraße schauen. Hat man früher mal gemacht. Aber irgendwie ist es heute ein bisschen peinlich, sich daran zu erinnern.

Das ist zutiefst ungerecht. Denn was Boris Becker im Sport geleistet hat, lässt sich kaum an den sechs Grand-Slam-Titeln seiner Karriere bemessen und an den zwölf Wochen im Jahr 1991, in denen er an der Spitze der Tennis-Weltrangliste stand.

Große Sportler sind wie Künstler: Ihr Werk lässt uns den Alltag besser verstehen, es entsteht eine Beziehung zwischen den Taten in den Sportarenen und dem, was wir in unserer Welt erleben. So entstehen mächtige Erzählungen, die uns begleiten.

becker

(Boris Becker in Wimbledon im Jahr 1988. Quelle: Getty)

Unbedingte Leidenschaft gegen die Grenzen des eigenen Unvermögens

Kleine Jungs wollten auf den Fußballplätzen Deutschlands immer schon wie Franz Beckenbauer, Rudi Völler oder Miroslav Klose sein, weil sie hofften, dass etwas von der Lässigkeit, der Eleganz und dem Können auf sie abfallen möge, während sie in viel zu großen Fußballtrikots einem viel zu großen Ball hinterher jagen.

Und Boris Becker ist deswegen ein großer Sportler geworden, weil er den Deutschen gezeigt hat, dass man sich gegen die Grenzen des eigenen Unvermögens durch unbedingte Leidenschaft wehren kann.

Wer in den 1980er- und 90er-Jahren in irgendeiner Lebenslage kämpfen musste, der hatte womöglich die Bilder von einem jungen, rothaarigen Mann im Kopf, dessen weiße Sportkleidung bis zur Unkenntlichkeit verdreckt war, nachdem er wieder einmal hechtend einem Ball hinterher sprang, den er laufend nicht mehr erreichen konnte.

Becker war auf sein Leben als Superstar nicht vorbereitet

Dass uns diese Bilder verloren gegangen sind – und dass wir heute bei Boris Becker eher an Besenkammern, Insolvenzverfahren und stets etwas zu dick aufgetragene Auftritte in der Öffentlichkeit denken müssen – sagt dabei mehr über Deutschland als über Becker aus.

Der ehemalige Tennisspieler ist Teil einer ganzen Generation von Profisportlern, die auf ihren Status als Superstars nicht vorbereitet waren. In den 1960er- und 70er-Jahren war Sport zwar schon ein Massenphänomen, doch große Turniere waren noch nicht zu Mega-Ereignissen geworden.

becker

(Boris Becker mit 17. Quelle: Getty)

Zur Fußball-WM 1974 konnte man häufig noch Tickets an der Abendkasse kaufen. Dementsprechend beschaulich ging es damals auch noch zu. Die deutsche Nationalmannschaft bereitete sich nicht in einem streng abgeschirmten Fünf-Sterne-Ressort auf das Turnier vor.

Hoeneß, Breitner und und Kollegen schliefen in der Sportschule Malente in besseren Jugendherbergsbetten und fuhren, wenn der Frust zu groß war, auch mal besoffen in einem kaputten Auto durch Norddeutschland.

Persönlichkeiten mussten startauglich sein

Die 1980er-Jahre waren in dieser Hinsicht anders. Nicht nur, dass es ab 1984 Privatfernsehen in Deutschland gab, das dem Boulevard Konkurrenz machte. Fast wichtiger noch war das Aufkommen der so genannten „Superstars“.

Zuerst im Pop – Michael Jackson, Madonna, Prince. Später aber auch im Sport. Die Verehrung der Fans richtete sich nun nicht mehr auf eine Musikgruppe oder eine Mannschaft, sondern auf spezielle, startaugliche Persönlichkeiten.

Und Boris Becker wurde nach seinem Wimbledon-Sieg 1985 einer der ersten Superstars, die es im deutschen Sport gab. Der heutige Bild-Kolumnist Franz Josef Wagner wurde damals Beckers Ghostwriter.

Er schrieb in einer mehrteiligen Serie die Geschichte des 17-Jährigen auf. Die „Bild“ hatte damals eine Auflage von über fünf Millionen Exemplaren täglich. Fast ein Viertel der Bundesbürger las die Zeitung regelmäßig.

Werbekunden meldeten sich, andere Medien schalteten sich ein. Mit der Marke „Becker“ ließ sich eine Menge Geld machen.

Mit dem Spott lässt sich Geld machen

Dabei war "unser Boris" damals genauso wenig auf den Öffentlichkeitsrummel vorbereitet wie etwa Lothar Matthäus. Der Fußball-Weltmeister von 1990 galt jahrelang als einer der besten Mittelfeldspieler der Welt.

Heute ist Matthäus genauso Zielscheibe des Spotts wie Becker.

Auch mit diesem Spott lässt sich heute trefflich Geld machen: Matthäus und Becker sind gefallene Helden und führen ihr Leben als öffentlichen Fortsetzungsroman im Boulevard.

Sie können dabei – außer den manchmal abfallenden Honoraren – nichts mehr gewinnen. Über sie wird nur noch so lange gesprochen werden, wie man über sie lachen kann. Und wer die beiden immer noch verehrt, macht sich erst recht lächerlich.

Das ist der dunkle Teil des Starkults: Er verlangt, dass ganze Leben auf voller Länge vermarktet werden. Superstars geraten nie wirklich in Vergessenheit.

Geblieben sind aalglatte Profisportler

Um das Geschäft jedoch durchzuziehen, braucht es auch Kunden, die den Spott kaufen. Und das sind wir. Warum sind wir eigentlich so scharf darauf, Menschen fallen zu sehen? Vor allem Menschen wie Boris Becker, die nie perfekt waren, dadurch aber erst für uns perfekt wurden?

Es sind die Lehren aus den 1980er- und 90er-Jahren, die dazu geführt haben, dass der Profisport heute so clean und so langweilig geworden ist. Jemand wie Becker würde heute vor seinem ersten großen Profiturnier beiseite genommen und einem Medientraining zugeführt werden.

Jeder 18-Jährige im Profifußball weiß heute, was er sich in der Öffentlichkeit erlauben darf und was nicht. Wer besoffen in einem kaputten Auto durch Norddeutschland fahren würde, der wäre nicht auf dem Weg zum WM-Titel, sondern in die Arbeitslosigkeit.

Die Sportstars von heute bieten auch deswegen kein Identifikationspotenzial mehr. Da hechtet niemand mehr gegen seine eigene Unzulänglichkeit an. Alles hat perfekt zu sein. Und Instagram-tauglich.

2017-07-23-1500833626-3203653-DerHuffPostWhatsAppNewsletter6.png

Die wichtigsten News des Tages direkt aufs Handy - meldet euch hier an.

(ben)

Sponsored by Trentino