POLITIK
20/11/2017 09:25 CET | Aktualisiert 20/11/2017 13:06 CET

"Keine Autorität mehr": Internationale Medien rechnen nach Jamaika-Scheitern mit Merkel ab

  • Auch international sorgt das Jamaika-Scheitern für Ratlosigkeit

  • Die meisten Medien sind sich einig: Kanzlerin Merkel hat versagt

  • Im Video oben: Auch FDP-Mann Wissing sieht Schuld an Jamaika-Aus vor allem bei Merkel

Eine weitere lange Nacht, ein weiteres Mal lange Gesichter. Gegen Mitternacht von Sonntag auf Montag wurde klar, was viele bereits befürchteten: Die Bildung einer Jamaika-Koalition ist bereits in der Sondierungsrunde gescheitert.

Auch international sorgte die Nachricht für Aufregung. Deutschland, lange das stabile Machtzentrum Europas steht auf absehbare Zeit ohne Regierung da. Der Euro brach ein, Medien in aller Welt zeichneten düstere Prognosen für Europa.

Bloomberg: "Sinkende Kanzlerin"

Die US-Nachrichtenagentur Bloomberg schrieb, dem Kontinent würde ein “gelähmtes Deutschland” drohen. “Merkels einst unbezweifelbare Fähigkeit, Europa zu lenken, schwindet. Deutschland betritt unbekanntes Terrain und womöglich eine politische Sackgasse.”

“Die sinkende Kanzlerin kann in nächster Zeit keine Stabilität bieten”, urteilt Bloomberg.

"NZZ": "Deutschland vor wilden Zeiten"

Auch die Schweizer “Neue Zürcher Zeitung" ("NZZ") beschäftigt sich vor allem mit Angela Merkel – und ihrer politischen Zukunft. Neuwahlen seien eine ernsthafte Option.

“Dazu könnte Bundespräsident Steinmeier beispielsweise dann aufrufen, wenn Merkel von sich aus das Handtuch wirft”, analysieren die Schweizer.

Das hätte – so glaubt die “NZZ” – dramatische Folgen für das Land: “In dem Fall wäre die Ära der kürzlich noch als mächtigste Frau der Welt gefeierten Pfarrerstochter trotz ihres ungebrochenen Willens doch schon nach 12 statt nach 16 Jahren beendet. Und der Bundesrepublik stünde der heißeste politische Winter ihrer Geschichte bevor.”

”De Volkskrant”: “Wer soll Merkels Nachfolger werden?”

Mit einem möglichen Merkel-Rücktritt beschäftigt sich auch die niederländische Zeitung “De Volkskrant”.

Eine Große Koalition sei unwahrscheinlich, glaubt die Zeitung aus Amsterdam. “Der SPD-Vorsitzende Martin Schulz ließ noch Sonntagmittag erneut wissen, nicht für eine Regierung mit Angela Merkel zur Verfügung zu stehen. Ob die Sozialdemokraten doch mit der CDU verhandeln wollen, falls Merkel sich zum Rücktritt entschließt, ist unklar.”

Die Frage sei nun: “Wer soll ihr Nachfolger werden?” Für die CDU würden schwierige Tage anbrechen, glauben die Niederländer.

”France24”: “Politische Krise”

Das französische Auslandsfernsehen "France 24" sieht Deutschland vor einer lang anhaltenden politischen Krise. Die Franzosen schreiben von “Wochen, vielleicht Monaten der Paralyse mit einer handlungsunfähigen Regierung, das keine große politischen Schritte gehen kann.”

Auch “France 24” bringt einen Rückzug der Kanzlerin ins Spiel. "Neuwahlen kämen nicht ohne Risiko für Merkel, die sich in ihrer Partei Fragen stellen muss, ob sie noch die beste Kandidatin ist, den neue Wahlkampf zu führen."

”Standard”: ”Die Chefin hat nicht geliefert”

Die österreichische Zeitung "Der Standard" spricht von einer schweren Niederlage für die CDU-Chefin. “Keine Kraft für Jamaika in Deutschland”, heißt es aus Wien.

"Unendlich quälend" seien die Verhandlungen gewesen, das Scheitern fast eine Erlösung. Für Merkel allerdings sei das Jamaika-Platzen eine herbe Schlappe.

Das harte Urteil des "Standard": "Es zeigt ganz deutlich, dass sie nicht die Kraft und die Autorität mehr hat, eine Regierung für Deutschland zu bilden."

Schon während der Verhandlungen habe Merkel wie eine Moderatorin gewirkt, “aber nicht wie die gestaltende Kraft". Über weite Strecken sei die Debatte von den Grünen und der CSU dominiert worden, die in vielen Punkten so weit auseinander lagen.

Auch die Österreicher glauben: “Es wird Debatten auch um ihre Person geben, und sie werden sich nicht mehr in Andeutungen erschöpfen. Ganz klar: Die Chefin hat nicht geliefert."

Über alle aktuellen Entwicklungen nach dem Jamaika-Aus hält euch unser News-Blog auf dem Laufenden.

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(mf)