POLITIK
20/11/2017 11:40 CET | Aktualisiert 20/11/2017 13:11 CET

"Der deutsche Brexit-Moment" - Deutschlands Medien sehen das Land international geschwächt

dpa
"Der deutsche Brexit-Moment" - Deutschlands Medien sehen das Land international geschwächt

  • Deutschlands Medien zeigen sich nach dem Abbruch der Jamaika-Verhandlungen geschockt

  • Noch ist zwar unklar, wie es weitergeht - doch international steht das Land in jedem Fall geschwächt da

Aus, Ende, vorbei.

Selbst nach mehreren Tagen Nachspielzeit steht am Ende der Abbruch der Jamaika-Verhandlungen - ausgelöst von der FDP. "Es ist besser, nicht zu regieren, als falsch zu regieren", erklärte Liberalen-Chef Christian Lindner.

Es wird keine Regierung aus CDU, CSU, FDP und Grünen geben. Damit stürzt Kanzlerin und CDU-Chefin Angela Merkel in die schwerste Krise ihrer zwölfjährigen Amtszeit.

Deutschlands Medien reagieren am Tag nach dem Ende von Jamaika geschockt - und sehen vier Folgen für das Land.

Mehr zum Thema: "Keine Autorität mehr": Internationale Medien rechnen nach Jamaika-Scheitern mit Merkel ab

1. Es gibt nur Verlierer

"Kein Vertrauen, nur Verlierer", titelt "Spiegel Online". Für das Nachrichtenportal lag es am mangelnden Vertrauen, dass die Jamaika-Parteien nach vier Wochen voller Gespräche gescheitert sind.

Nun hätten die vier Parteien Angst, bemerkt die "Rheinische Post" ("RP"). Aber nicht nur wegen möglicher Neuwahlen. Auch alle bisherigen Koalitionspartner hätten "Angst vor einem erneuten Bündnis mit der Union".

Zudem habe in den Verhandlungen keiner der Beteiligten erkennen lassen, dass er Jamaika wirklich will, bemerkt "Spiegel Online".

Und auch "die oft erprobte Methode Merkel" habe nicht funktioniert: "Keine Idee, keine Führung, allein die Hoffnung, am Ende werde sich in einer letzten, langen Nacht unter Schlafentzug alles irgendwie auflösen."

Doch dazu kam es nicht. Vielmehr habe Deutschland seinen "Brexit-Moment" erlebt.

Oder wie die "Taz" die derzeitige Lage zusammenfasst: "Keine Macht für Niemand".

2. Scheitern ist halb so schlimm

Zwar sind auch für die "Bild"-Zeitung "alle Verlierer". Allerdings versteht das Boulevardblatt das Scheitern der Gespräche nicht als Untergang Deutschlands.

"Es ist ein Moment der Bewährung", schreibt "Bild" - und drängt die Sozialdemokraten zu Koalitionsgesprächen. Die SPD müsse "sich als Volkspartei jetzt gefälligst zu Gesprächen bereit finden".

Wenn auch die zu keinem Ergebnis führen, werde die "berechtigte Wut" der Wähler jeden treffen.

3. Deutschland ist international geschwächt

Für Deutschland ist das Ende von Jamaika "ein Rückschlag", betont die "Süddeutsche Zeitung" ("SZ").

Gerade im europäischen Vergleicht strahle die deutsche Politik plötzlich etwas aus, "was es seit langem nicht mehr gegeben hat: die Unfähigkeit, Probleme so anzugehen, dass sie gelöst werden können".

Deswegen hätte der Abbruch der Verhandlungen vermieden werden müssen. Denn "insbesondere die deutsche Wirtschaft wird das mit Unverständnis, Ärger, vielleicht sogar Wut aufnehmen", warnt die "SZ".

Egal ob nun Neuwahlen oder eine Minderheitsregierung kommen. "Beide Optionen wären nicht gut fürs Land", schreibt auch die "RP".

Ersteres würde demnach vor allem der AfD nutzen. Bei zweiterem wäre Deutschland auf internationalem Parkett aber kein verlässlicher Partner mehr, glaubt die "RP".

"Eine Minderheitsregierung würde Deutschland in der EU dermaßen schwächen, dass die Kanzlerwahl nur eine Farce wäre", unterstreicht "Die Welt"

Einen weiteren Grund nennt die "RP": Gerade bei den derzeit strittigen Themen - Flüchtlingspolitik, Klimawandel und Finanzen - bedarf es stabiler Mehrheiten. "Man kann das politische Schicksal der viertgrößten Volkswirtschaft der Welt nicht dem Zufall überlassen."

4. Ende von Merkels Karriere

Auch deshalb sieht "Spiegel Online" das politische Ende der Kanzlerin bereits kommen.

"Sichtlich gezeichnet sagte Merkel noch in der Nacht, sie würde 'fast sogar von einem historischen Tag' sprechen. (...) Es könnte - irgendwann in der Rückschau - ein sehr wahrer Satz sein."

Ähnlich sieht das auch "RP": "Das Scheitern von Jamaika könnte auch das Ende von Merkels Karriere einläuten." Ist es doch unwahrscheinlich, dass die CDU-Chefin bei Neuwahlen noch einmal antreten würde.

Kurzum: "Merkel steht vor einem Scherbenhaufen."

Über alle aktuellen Entwicklungen nach dem Jamaika-Aus hält euch unser News-Blog auf dem Laufenden.

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(amr)