POLITIK
19/11/2017 21:00 CET

Wie Nordkoreaner ihrem Diktator unter Lebensgefahr ein Stück Freiheit abtricksen

Jo Yong hak / Reuters
Schon vor Jahren machten Gegner des Regimes in Nordkorea klar, was sie vom Kim-Clan halten

  • Viele Nordkoreaner und auch Ausländer hatten auf eine Öffnung des Landes unter Diktator Kim Jong-Un gehofft

  • Nun sprechen in der "Washington Post" mehr als 25 Nordkoreaner darüber, was tatsächlich im Land vorgeht

Es vergeht kaum ein Tag, an dem Nordkorea nicht in den Schlagzeilen steht. Und trotzdem weiß kaum jemand, was in diesem Land vorgeht. Der junge Diktator Kim Jong-Un droht mit Atomraketen und pöbelt, schottet sein Land aber ab wie kein anderer Machthaber der Welt.

Die renommierte US-Zeitung "Washington Post" hat für einen bemerkenswerten Beitrag mit mehr als 25 Nordkoreanern gesprochen, die aus ihrer Heimat geflohen sind. Sie beschreiben, was sich geändert hat in ihrem Land, seit Kim Jong Un, Ende 2011 nach dem Tod seines Vaters die Macht übernahm.

Neuer Diktator mit alter Brutalität

Viele Nordkoreaner hätten gehofft, dass der junge Mann, der in der Schweiz zur Schule gegangen sein soll, ihr Leben verbessere. Weniger Hunger, weniger Propaganda, weniger Unterdrückung. Doch die Menschen sind bitter enttäuscht worden.

Nach wie vor gilt ihren Erzählungen zufolge: Wer es wagt, das Regime zu kritisieren - Kim Jong Un, dessen Vater oder dessen Großvater, den gottgleich verehrten Staatsgründer - riskiert sein Leben und die Freiheit von bis zu drei Generationen seiner Familie.

Die Freiheit auf einem USB-Stick

Ein umfassendes Spitzelsystem durchdringt fast alle Bereiche des Lebens: 30 bis 40 Haushalte unterstehen dem Bericht nach einem Oberspitzel, der die Überwachung kontrolliert. Dazu kommen diverse Polizeikräfte. "Es war, wie in einem Gefängnis zu leben", sagte ein Nordkoreaner.

Mit aller Gewalt versucht Kim Jong-Un offenbar, ein Land unter Kontrolle zu halten, das sich langsam immer weniger kontrollieren lässt:

Über die chinesische Grenze kommen Filme vom Leben außerhalb ins Land, auf USB-Sticks, die dann unter dem Ladentisch verkauft werden. Der Code-Satz: "Was haben Sie denn heute Köstliches?"

Informationen von außen sind Gift für Kims Regime. Mehr und mehr Menschen erfahren, was er ihnen vorenthält, wie ihr Leben aussehen könnte.

Explodierender Schwarzhandel

Der junge Diktator hat das Land, das bisher nach kommunistischem Modell misswirtschaftet, zaghaft wirtschaftlich zu öffnen versucht. Auf offiziellem Weg ist kaum genug zum Leben zu verdienen. Inoffiziell, mit extremem Risiko, dagegen schon. Die Flüchtlinge beschreiben einen explodierenden Schwarzmarkt.

Frauen sollen da eine große Rolle spielen, weil sie zu Hause auf eigene Rechnung arbeiten können, und etwa Lebensmittel produzieren, während ihre Männer in den Staatsbetrieben arbeiteten. "Frauen sind diejenigen, die wirklich Geld machen können in Nordkorea", zitiert die Zeitung einen Nordkoreaner.

Ein Arzt beschreibt, dass sein Monatslohn in Nordkorea nicht einmal für ein Kilogramm Reis gereicht habe. "Mein Hauptjob war also der nächtliche Schmuggel. Ich habe pflanzliche Medikamente von Nordkorea nach China geschickt." Und dafür Dinge wie Reiskocher und LCD-Monitore importiert.

Eine Rolle spielt offenbar auch der Drogenhandel. "Mein Hauptgeschäft war der Verkauf von Crystal Meth", sagte ein Mann. Seiner Schätzung nach nähmen bis zu 80 Prozent der Erwachsenen in der Stadt Hoeryong die Droge. Der Stoff sei ein "beliebtes Geschenk für Geburtstagspartys und die Abschlussfeier gewesen". Selbst seine 76-jährige Mutter habe das sogenannte "Ice" konsumiert. Gegen niedrigen Blutdruck.

Wie lange kann Kim den Würgegriff noch halten?

Die Rechercheure der "Washington Post" konnten nicht alle Geschichten der Flüchtlinge überprüfen. Doch sie wirken plausibel. Denn so gab es immer wieder Berichte über Drogenhandel auch nordkoreanischer Diplomaten.

Mehr zum Thema: Die kriminellen Aktivitäten des Kim-Regimes

Aus den Erzählungen der Flüchtlinge spricht, wenig überraschend, großer Hass auf Kim Jong-Un. Einer hält ihn für ein "fettes Schwein", ein anderer erzählt, sie hätten seinen Aufstieg zum Herrscher für einen schlechten Scherz gehalten. Die allgegenwärtige Propaganda widere sie an.

Kim Jong-Un bekämpft die Ausbreitung solcher Ansichten ohne jede Rücksicht. Öffentliche Exekutionen inklusive.

Doch so, wie die Flüchtlinge die Lage beschreiben, könnte man auf den Gedanken kommen, dass das ein zähes Aufbäumen eines Regimes ist, das das Land nicht noch zwei weitere Generationen im Würgegriff behalten wird.

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