POLITIK
18/11/2017 10:43 CET | Aktualisiert 18/11/2017 14:50 CET

Renommierter Klimaforscher erklärt: So kann der Kampf gegen die Erderwärmung gelingen

  • Der Weltklimagipfel im Bonn geht zu Ende

  • Der renommierte Klimaforscher Schellnhuber lobt die Fortschritte

  • Und er erklärt, wo die Staaten nachlegen müssen, um eine Katastrophe zu verhindern

Rund 25.000 Experten, Politiker und Umweltschützer haben in den vergangenen zwei Wochen in Bonn über mehr Klimaschutz gestritten. Nun, in den letzten Stunden des Gipfels, zeichnet sich ab: Es gibt Fortschritte, die Staaten dieser Erde nehmen den Klimaschutz ernst.

Doch genügt das schon, um eine gefährliche Erderwärmung aufzuhalten? Wenn wir alle Möglichkeiten nutzen, dann schaffen die Staaten das, sagt Hans Joachim Schellnhuber. Der Physiker leitet das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und ist Deutschlands wohl bekanntester Klimaforscher. Er ist Autor von rund 350 Fachartikeln und mehr als 60 Büchern.

Im Interview erklärt er, was Bonn gebrach hat - und was Deutschland in Sachen Klimaschutz jetzt tun muss.

Kann die Menschheit die Erderwärmung zumindest bei unter 2 Grad noch bremsen - wir sind schon bei rund einem Grad?

Schellnhuber: Die Zwei Grad-Grenze können wir halten mit einer Wahrscheinlichkeit von zwei Drittel oder drei Viertel, wenn wir alles nutzen, was wir technisch können.

Und wenn wir statt jeden Tag Billigfleisch lieber einmal die Woche einen schönen Sonntagsbraten essen, denn die Massentierhaltung ist auch klimaschädlich.

Es gibt bereits Fahrpläne aus der Wissenschaft: Man muss raus aus der Kohle, die Trends beim Ausbau der erneuerbaren Energien verstärken, und die ganz schwierigen Themen internationaler Transport und Landwirtschaft anpacken. Das kann man ohne mirakulöse Entwicklungen machen.

schellnhuber

(Der Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber. Quelle: Getty)

Was bedeutet das Ergebnis von Bonn für den Klimaschutz?

Allen ist klar, dass man das Ambitionsniveau erhöhen muss. Bonn hat erstmal geholfen, ein Regelwerk oder Maßstäbe zu entwickeln, damit wir sehen, was die versprochenen nationalen Beiträge zum Klimaschutz wirklich wert sind. Und das kann dann 2018 Grundlage sein für das unbedingt nötige große Nachbessern bei den Emissionsreduktionen.

Mehr zum Thema: Rabenschwarze Bilanz: Wie Angela Merkel beim Klimaschutz versagt hat

Sehen sie auch die Aufbruchstimmung, von der in Bonn viele Teilnehmer reden?

Es zeichnet sich eine Art Kulturwende ab. Das kann mit den verheerenden Hurrikans dieses Jahres zusammenhängen, oder auch mit US-Präsident (Donald) Trump. Viele merken, so geht es nicht weiter, jetzt muss sich etwas tun.

Manches von den Aktionen am Rand der Verhandlungen hatte die Atmosphäre eines Kindergeburtstages, der ja auch schön ist.

In Bonn hat sich außerhalb und innerhalb der Konferenzsäle ein Geist entwickelt, der weiter wirkt. Der alte technokratische Stil der Klimaverhandlungen stößt ins Leere. Manche Politiker werden sich unangenehm berührt fühlen, aber dieser Geist von Paris und Bonn ist aus der Flasche und wird sich nicht mehr einfangen und zurückstopfen lassen.

Meinen Sie, das gilt das auch außerhalb der Klimakonferenzen?

Das Thema Klimaschutz bewegt die Menschen, es ist vom Rand ins Zentrum der Gesellschaft gerückt. Viele junge Menschen engagieren sich sehr.

rain forest

(Weltweit verschwinden die Regenwälder - auch das heizt die Erderwärmung an. Quelle: Getty)

Bei der Bambi-Verleihung wird Arnold Schwarzenegger für sein Engagement im Klimaschutz geehrt und dieser nicht mehr so junge Kerl hält eine wirklich kraftvolle Rede dazu.

Und auch in der Wirtschaft sprechen sich zum Beispiel deutsche Unternehmen von Weltrang für Klimapolitik aus – die Lifestyle-Marke Adidas, der Software-Riese SAP, der Technologiekonzern Siemens.

Mehr zum Thema: Deutschland bricht gerade ein internationales Abkommen - das sollte uns allen Sorgen machen

Aber was sagen Sie Kohle-Arbeitern, die ihren Job verlieren?

In Deutschland werden nach einer Studie der Industrie- und Handelskammern im Jahr 2018 rund 600.000 neue Jobs entstehen. 600.000!

Die Braunkohle bietet derzeit etwa 20.000 Arbeitsplätze. Wer behauptet, die Arbeit in der Kohle hat Zukunft, belügt die Menschen.

hurricane

(Überflutung in Griechenland: Naturkatastrophen werden mit fortschreitendem Klimawandel zunehmen. Quelle: Getty)

Man müsste einen vernünftigen Plan für einen sozialverträglichen Strukturwandel aufsetzen, älteren Arbeitern einen früheren Ruhestand ermöglichen, andere umschulen, neue Unternehmen ansiedeln.

Der große Elefant im Raum der Arbeitswelt ist aber nicht der Klimaschutz, sondern die Digitalisierung. In der Lausitz sind die Braunkohle-Arbeitsplätze in den vergangenen Jahren nicht aus Klimaschutzgründen von grob 100.000 auf 10.000 gefallen, sondern wegen des technischen Fortschritts.

Wo muss beim Klimaschutz noch viel getan werden?

Die nächste Bundesregierung muss den Ausstieg aus der Kohle einleiten, wenn sie das Klima stabilisieren und Deutschland modernisieren will. Das ist unverzichtbar, und unser Land wird hier im Guten wie im Schlechten international genau beobachtet. Dabei ist der Kohleausstieg noch leicht im Vergleich zum Verkehr.

Dass Deutschlands Automobilindustrie die Nummer Eins in der Welt auch mit neuen und sauberen Antrieben bleibt, das ist viel schwieriger. Aber okay, dann übernehmen wahrscheinlich die Chinesen, auch wenn das für uns schade wäre. Die größte Herausforderung des Klimaschutzes aber ist das Tempo. Die Natur verhandelt nicht.

2017-07-23-1500833626-3203653-DerHuffPostWhatsAppNewsletter6.png

Die wichtigsten News des Tages direkt aufs Handy - meldet euch hier an.