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17/11/2017 17:43 CET | Aktualisiert 17/11/2017 18:38 CET

Ich sprach mit einem Pick-up-Artist über sexuelle Belästigung - danach brauchte ich einen Drink

demaerre via Getty Images
Friends at the bar, he is giving her bad news

  • Aktuell reißt die Serie der öffentlichen Vorwürfe wegen sexueller Belästigungen nicht ab

  • Eine HuffPost-Autorin hat Männerrechtsaktivisten und einen Pick-Up-Artist zu dem Thema befragt

  • Die beiden Gruppen vertreten einen ähnlich geschmacklosen Standpunkt

Der Blogger Daryush Valizadeh, der unter dem Namen “Roosh V” bekannt ist und sich selbst als “Neomaskulinist und professionellen Pick-Up-Artist” bezeichnet, glaubt nicht daran, dass sexuelle Belästigung tatsächlich existiert. Dies schrieb er mir als Antwort auf meine E-Mail, in der ich ihn gefragt hatte, was er davon hält, dass es gerade eine wahre Flut an Frauen gibt, die berühmte Männer der sexuellen Belästigung bezichtigen.

“Es ist entweder ein Sexualverbrechen geschehen oder eben nicht”, schrieb er. “Wenn man zu empfindlich ist, um mit Männern zusammenzuarbeiten, sollte man vielleicht lieber einfach Hausfrau werden, anstatt zu versuchen, sein Arbeitsumfeld an die eigene Empfindlichkeit anzupassen.”

Das Ziel von Pick-Up-Artists ist es, Männern beizubringen, wie man am besten Frauen aufreißt. Oft werden Frauen dabei durch Manipulation zum Sex gedrängt. Pick-Up-Artists haben oft ähnliche Ansichten wie Männerrechtsaktivisten – zu denen Roosh nach eigener Aussage jedoch nicht gehört. Männerrechtsaktivisten sind bekannt dafür, dass sie gerne niederträchtige, frauenfeindliche Lügen sowie pseudowissenschaftliche Gerüchte über Frauen verbreiten.

Männerrechtsaktivisten lehnen Feminismus entschieden ab

Der Amokläufer Elliot Rodger, der sehr verärgert darüber war, dass er bei Frauen immer wieder abblitzte, ließ in Männerrechtsforen Aussagen verlauten wie: “Wer ist jetzt das Alpha-Männchen, ihr Schlampen?” Sowohl Männerrechtsaktivisten als auch Pick-Up-Artists lehnen Feminismus entschieden ab, da Frauen ihrer Meinung nach ohnehin bereits zu viel Macht besitzen.

Die Angehörigen dieser beiden Gruppen sind nicht sonderlich erstaunt über die Affäre um Harvey Weinstein, bei der einflussreiche Männer wegen sexueller Belästigung und Missbrauchs öffentlich zur Rechenschaft gezogen werden.

Für sie ist es nur ein weiterer gefährlicher Schritt auf dem Weg in den Abgrund, vor dem sie bereits seit Langem warnen. Denn dieser Abgrund führt ihrer Ansicht nach zu einer Welt, in der Männer genauso häufig – wenn nicht sogar noch häufiger – Opfer von geschlechtsspezifischer Diskriminierung werden könnten.

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Manche Antifeministen scheinen zuzustimmen, dass Weinstein ein Übeltäter ist und dass zumindest ein Teil der Anschuldigungen gegen ihn wahr ist. “Er ist ein ekelhaftes Schwein, das Feminismus gepredigt hat, während es Frauen wie Hunde behandelt hat”, sagte Valizadeh. Antifeministinnen befürchten jedoch auch, dass solche “extremen Fälle untaugliche Gesetze schaffen” könnten, wie Warren Farrell, der als Vater der Männerrechtsbewegung bezeichnet wird, es ausdrückte.

"Alle Männer werden über den selben Kamm geschert"

Andere Antifeministen wie Paul Elam, ein bekannter Männerrechtsaktivist und Gründer der For-Profit-Organisation “A Voice For Men”, haben Angst vor falschen Anschuldigungen. Durch Vorwürfe gegen berühmte Männer, die sich im Nachhinein als falsch herausstellten, sei bereits “vielen unschuldigen Männern” das Leben zerstört worden, sagte er.

Außerdem würde echten Opfern durch solche Fälle weniger Glauben geschenkt werden. (Ja, Elams Familienname lautet rückwärts gelesen tatsächlich “male”. Seiner Aussage nach handelt es sich dabei jedoch nicht um einen Künstlernamen.)

Einige Frauen nutzen den momentanen Wirbel um die Weinstein-Affäre, um aufzuzeigen, wie alltäglich sexuelle Belästigung und Missbrauch vorkommen, und manche von ihnen verwenden dafür den Hashtag #MeToo. Einige Männerrechtsaktivisten sind jedoch der Meinung, dass dadurch ungerechterweise alle Männer mit den Harvey Weinsteins dieser Welt in einen Topf geworfen würden.

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“Sobald ein berühmter Typ der sexuellen Belästigung bezichtigt wird, müssen sofort auch alle anderen Männer über denselben Kamm geschert werden”, beklagte sich ein User vergangenen Monat im Subreddit “The Red Pill” der sozialen News-Plattform Reddit. “The Red Pill” ist ein beliebter Treffpunkt für Männerrechtsaktivisten.

Der Name dieses Subreddits bezieht sich auf den Film “Matrix” und steht für das Erwachen einer antifeministischen Weltanschauung. “Es ist echt faszinierend, denn über Frauen darf man ja gar nichts sagen. Doch sobald einem einzigen Mann sexuelle Belästigung vorgeworfen wird, flippt das Internet komplett aus”, fuhr der User fort.

Für Frauen ist der Schritt in die Öffentlichkeit ein großes Opfer

Einige Männerrechtsaktivisten sind auch der Meinung, dass Frauen aus derartigen Vorwürfen einfach nur Kapital schlagen wollen. “Wenn zwei Männer sich gegenseitig schmutzige Witze erzählen, klingelt bei dicken, faulen und verwöhnten westlichen Frauen die Kasse”, schrieb ein anderer Nutzer auf “The Red Pill”. “Sie wissen ganz genau, dass sie zu inkompetent sind, um es durch ihre eigenen Leistungen bis ganz nach oben zu schaffen, und deshalb versuchen sie es über Gerichtsprozesse.”

Fälle von sexueller Belästigung öffentlich zu machen ist für viele Frauen jedoch ein unglaubliches persönliches Opfer, bei dem sie keinerlei Garantie dafür haben, dass ihnen Glauben geschenkt wird – geschweige denn, dass sie Geld dafür bekommen. Viele Frauen entscheiden sich sogar dafür, über ihre Erfahrungen mit sexueller Belästigung zu sprechen, obwohl sie sich ihr Schweigen teuer bezahlen lassen könnten.

Ellen Pao sagt, sie habe darauf verzichtet, im Rahmen einer Geheimhaltungsvereinbarung “mehrere Millionen” zu kassieren und sich stattdessen dafür entschieden, mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen. Außerdem bezichtigen auch äußerst wohlhabende Frauen wie Gwyneth Paltrow Weinstein der sexuellen Belästigung, obwohl hinter ihren Aussagen offensichtlich keinerlei finanzielle Interessen stecken.

"Ich hab ihm einfach gesagt, dass er sich verpissen soll"

Männerrechtsaktivisten haben auch schon einige Ideen, wie man die aktuelle Krise lösen könnte. Es sei ein “fundamentales Problem”, dass manche “Menschen nicht für sich selbst eintreten” könnten und dass sie “nicht sofort handeln” würden, erklärte Elam. Er erzählte der HuffPost dazu ein persönliches Beispiel.

Als er bei der Army war, sei er von seinem befehlshabenden Offizier sexuell belästigt worden. (Die HuffPost hat diese Geschichte nicht überprüft.) “Ich habe ihm einfach gesagt, dass er sich verpissen soll. Keiner bringt mich dazu, meine eigenen Werte zu verletzten, und ich zahle auch gerne den Preis dafür. So einfach ist das.”

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“Man könnte jetzt gewiss davon ausgehen, dass man mein Verhalten von damals mit dem der Frauen vergleichen könnte, die ganz aktuell Vorwürfe wegen sexueller Belästigung erheben”, erklärte er in einer E-Mail weiter. Doch “ich finde, dass das falsch ist. Wenn der erwähnte Offizier mich nicht in Ruhe gelassen hätte oder wenn er versucht hätte, mich dafür zu bestrafen, dass ich ihm eine Abfuhr erteilt habe, hätte ich ihn mit Sicherheit angezeigt.”

Elams Äußerungen zu dem Thema sind geschmacklos

Oft kann man jedoch nicht einfach seinen Vorgesetzten zur Rede stellen, um sich gegen sexuelle Belästigung zu wehren. Viele Opfer haben Angst davor, dass ihnen nicht geglaubt wird, oder dass sie berufliche Nachteile daraus ziehen könnten. In einer Studie der amerikanischen Bundesbehörde “Equal Employment Opportunity Commission” aus dem Jahr 2016 wurde beispielsweise eine Studie aus dem Jahr 2003 mit 1.167 Angestellten aus dem öffentlichen Dienst zitiert, die gezeigt hatte, dass 75 Prozent aller Beschäftigten, die sich gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz eingesetzt hatten, anschließend selbst Opfer von verschiedenen Vergeltungsmaßnahmen wurden.

Elam und andere Männerrechtsaktivisten argumentieren außerdem, dass Frauen zumindest zu einem gewissen Teil mitverantwortlich sind. “Wenn wir uns jetzt alle total übertrieben über diese Taten aufregen und öffentlich zur Schau stellen, wie bestürzt wir doch darüber sind, müssen wir dabei auch Frauen zur Rede zu stellen, die ihren Körper und ihre Sexualität benutzen, um weiterzukommen, denn sonst ist die Debatte nicht vollständig”, sagte Elam.

Er behauptete, dass ihm in den 80er-Jahren eine Frau bei einem Bewerbungsgespräch Sex angeboten habe. Auf seiner Website äußert er sich um einiges geschmackloser zu diesem Thema: “Die Frauen in Hollywood springen nicht einfach so auf die Besetzungscouch. Sie suchen sich dafür den Stoff und die Farbe aus, die ihnen am attraktivsten erscheinen.”

Bei Missbrauch geht es um Macht, nicht um Sex

Bei sexueller Belästigung und Missbrauch geht es um Macht, nicht um Sex. Dem US-Comedian Louis C.K. wird beispielsweise vorgeworfen, dass er vor mehreren Frauen onaniert haben soll. Ihm ging es dabei um die Demütigung seiner Opfer. Liz Meriwether schrieb dazu im Online-Magazin “The Cut”: “Bei diesem Vorfall ging es überhaupt nicht um Sex. Es ging einfach nur darum, dass ein Mensch sich durch die Demütigung und Angst eines anderen Menschen Befriedigung verschafft hat. Es ging um einen Angriff.”

Nach Ansicht von Männerrechtsaktivisten würden Frauen sich jedoch gewiss nicht darüber beklagen, dass ein Kollege sich vor ihnen entblöße, wenn dieser aussehe wie der Schauspieler Brad Pitt. “Wenn Harvey Weinstein eine hübsche Schauspielerin fragt, ob er sie massieren darf, empfindet sie das wahrscheinlich als sexuelle Belästigung.

Wenn jedoch Brad Pitt genau derselben Frau eine Massage anbietet, sagt sie wahrscheinlich: ‘Oh ja, das wäre toll’”, so Farrell. (Mehrere Frauen haben Vorwürfe erhoben, dass Weinstein sie sexuell belästigt habe. Und er hat ihnen gewiss nicht nur eine Massage angeboten.)

Weibliche Angestellte sind keine tickenden Zeitbomben

Manche Männerrechtsaktivisten sind der Meinung, dass sie bereits Gefahr laufen, angeklagt zu werden, wenn sie nur mit Frauen zusammenarbeiten oder ausgehen, obwohl viele Frauen bestätigten, dass dem nicht so sei. Nach Meinung von Farrell könne man “die Körpersprache nicht durch Gesetze regeln”.

Außerdem würden wir “beginnen, die Chancen von Frauen am Arbeitsmarkt zu zerstören”, da “Männer zunehmend Angst davor haben, Frauen einzustellen, weil sie nie wissen, ob sie bei ihnen gerade zu weit gehen”. “Dass Frauen über ihre Erlebnisse berichten, ist ein guter erster Schritt. Doch wenn es dabei bleibt, werden Männer am Arbeitsplatz immer vorsichtiger mit Frauen umgehen, obwohl wir uns doch eigentlich alle nur wünschen, dass Frauen am Arbeitsplatz immer besser [integriert] werden.”

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Unternehmen profitieren davon, dass sie Frauen einstellen. Und weibliche Angestellte sind mit Sicherheit keine tickenden Zeitbomben für eine Klage wegen sexueller Belästigung. Adam Grant, Professor an der Wharton Business School, und Facebook-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg betonten: “Start-ups, die von Frauen geleitet werden, besitzen bessere Chancen auf Erfolg.

Innovative Firmen, die mehr Frauen in oberen Management-Positionen beschäftigen, sind profitabler. Und Unternehmen, in der die Anzahl an weiblichen und männlichen Angestellten ausgeglichener ist, verfügen über bessere Umsätze, mehr Kunden, größere Marktanteile und höhere Gewinne.”

Karen Straughan ist eine Antifeministin und Männerrechtsaktivistin aus Edmonton in der kanadischen Provinz Alberta. Sie sagt, sie sei angesichts der Weinstein-Affäre geteilter Meinung. “Natürlich gibt es Frauen, die wirklich Opfer von sexueller Belästigung durch Männer geworden sind”, sagte sie. Es gebe jedoch auch “Gründe, warum ich mich dafür ausspreche, dass die Unschuldsvermutung gelten muss und dass die Beweislast hoch gehalten werden soll.”

"Derartige Vorwürfe müssen ernst genommen werden"

Straughan sei mit 21 Jahren an ihrem Arbeitsplatz sexuell belästigt worden, berichtete sie der HuffPost in einer E-Mail. Als sie kündigte und eine Arbeitslosenversicherung beantragte, lehnte ihr Arbeitgeber die Forderungen ab. Ein positives Beispiel sei es jedoch, so Straughan weiter, dass ihre mittlerweile 22-jährige Tochter “sehr ernst genommen worden” sei, und dass man “auf ihre Forderungen eingegangen sei”, als sie bei einem anderen Arbeitgeber die sexuelle Belästigung durch einen Kollegen angezeigt hatte.

Straughan sagt, dass sie sich zwar auch eine Veränderung herbeiwünsche, dass sie dabei jedoch trotzdem nicht die Ansichten mancher Feministinnen teile. “Die gesellschaftliche Veränderung, die ich mir vorstelle, sieht so aus, dass derartige Vorwürfe durchaus ernst genommen werden.

Mit ernst nehmen meine ich jedoch nicht, dass man sich immer sofort auf die Seite des Opfers stellt und den Lynchprozess beginnt. Ich würde mir wünschen, dass diese Fälle mit weniger Emotionalität behandelt werden und dass dafür mehr ordentliche Gerichtsverfahren durchgeführt werden.”

Nach Meinung von Straughan bestehe die Möglichkeit, dass die Feministinnen eine Gegenbewegung auslösen. “Es müssen doch nur einmal ein paar Trittbrettfahrerinnen dabei erwischt werden, wie sie nachweislich falsche Anschuldigungen verbreiten, und schon bricht das ganze Konstrukt zusammen. Ein solcher Fall könnte sogar zur Folge haben, dass die Glaubwürdigkeit von Frauen im Allgemein in Verruf gerät”, sagte sie.

“Und ich würde in solch einem Fall auch keinen Einspruch erheben.”

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei der HuffPost USA und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

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(ks)

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