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17/11/2017 15:14 CET | Aktualisiert 20/11/2017 12:30 CET

"Ein bayrischer Polizist hat meinen Sohn erschossen - nun stirbt auch meine letzte Hoffnung auf Gerechtigkeit"

  • Lilia Borchardt hat am 25. Juli 2014 ihren Sohn André verloren

  • Der 33-Jährige wurde von einem bayerischen Zivilfahnder erschossen

  • Im Video oben seht ihr, was Borchardt jetzt fordert

Lilia Borchardt ist eine gebrochene Frau.

Die Deutschrussin hat am 25. Juli 2014 ihr einziges Kind verloren: ihren Sohn André. Der 33-Jährige ist am 25. Juli von einem bayerischen Polizisten erschossen worden - weil er mit Marihuana gedealt haben soll. Seine Schuld ist bis heute nicht bewiesen.

"In diesem Moment ist meine Welt zusammengebrochen", sagt Lilia Borchardt der HuffPost.

Der missglückte Polizeieinsatz sorgte deutschlandweit für Aufsehen.

Im Februar 2016 - 19 Monate nach dem Vorfall - entschied die Staatsanwaltschaft im bayerischen Traunstein: Es wird keine Anklage gegen den Polizisten erhoben, der André Borchardt in den Hinterkopf schoss.

Wie es zu dem tödlichen Schuss kam, ist nicht abschließend geklärt. Sicher aber ist, dass zwei Zivilfahnder vor dem Haus von Andrés Freundin gewartet hatten, um ihn wegen eines angeblich Cannabis-Delikts zu verhaften. Wenig später fiel der Schuss.

Warum? Das ist bis heute nicht geklärt. Was bleibt sind Fragen: Haben sich die Polizisten zu erkennen gegeben? Was haben sie zu ihm gesagt? Warum hat der Polizist überhaupt geschossen, obwohl fünf Kinder in unmittelbarer Nähe zu ihm standen? Und warum ist André plötzlich weggelaufen?

Antworten auf diese Fragen wird es wohl niemals geben - das hat die Staatsanwaltschaft mit ihrer Entscheidung besiegelt.

Die Verfügung der Staatsanwaltschaft war ein herber Schlag für Lilia Borchardt. Sie macht Polizei und Justiz noch immer schwere Vorwürfe – auch wegen dem, was in den drei Jahren nach dem Todesschuss passierte.

Alles erinnert an André

An einem kalten Herbstabend sitzt die 57-jährige Mutter des Opfers an ihrem Küchentisch im Landkreis Rottal-Inn. Hinter ihr auf der Schrankwand stehen Erinnerungen an ihren Sohn: Fotos von ihm, Bilder seiner ersten Freundin.

Eigentlich sind überall in dem alten Bauernhof, den Borchardt und ihr Mann saniert haben, Bilder von André: André im Auto, im Supermarkt, nach dem Training.

Die Familie und auch die Freunde kamen nach seinem Tod nie zur Ruhe – auch, weil die Polizei sie nicht in Ruhe ließ.

Lilia Borchardt habe erfahren, wie Familie und Freunde nach Andrés Tod von der Polizei auf Drogen durchsucht wurden. "Einfach Schikane", sagt Borchardt der HuffPost.

Sie übt auch an der Polizeigewerkschaft scharfe Kritik. Diese hätte alles getan, um den Schützen zu verteidigen - anstatt sich zu überlegen, wie so etwas in Zukunft verhindert werden könne. "Ich finde, dass da etwas nicht sauber läuft", sagt die Mutter.

Die Gewerkschaft der Polizei von Oberbayern Süd hatte die Entscheidung der Staatsanwaltschaft, das Verfahren einzustellen, öffentlich begrüßt.

Der Rechtsweg ist mittlerweile ausgeschlossen

Lilia Borchardt hat seit der Entscheidung vieles versucht, damit ihrem Sohn doch noch Gerechtigkeit widerfährt. Und sein Tod nicht ganz umsonst war.

Die Mutter hat sich an Menschenrechtsorganisationen gewandt, Politiker unterschiedlicher Parteien angerufen, gemeinsam mit ihren Anwälten Beschwerde eingereicht - weil das Verfahren eingestellt wurde. Alles vergebens.

Auf rechtlichem Weg hat sie keinen Spielraum mehr.

"Auf Rechtswegen gibt es keine Chance mehr", sagt Anwalt Erhard Frank, einer der Anwälte von Borchardt, der HuffPost. Eine Chance wäre ein Klage-Erzwingungsverfahren gewesen - dann hätte das Oberlandesgericht München die tödliche Schießerei noch einmal untersucht.

Letztendlich habe man sich allerdings dagegen entschieden, so Frank. "Das hätte nichts gebracht, weil das Verfahren sehr schwierig ist. Ein solches Verfahren ist so gut wie nie zu gewinnen und einfach aussichtslos", sagt Frank. Die Frist, um ein solches Verfahren auf den Weg zu bringen, ist mittlerweile ohnehin abgelaufen.

Doch Lilia Borchardt will noch nicht aufgeben. Sie möchte erreichen, dass so etwas nie wieder passiert. Und keine andere Mutter ihr Kind auf eine derart tragische Weise verlieren muss, wie sie ihren André verloren hat.

Mehr zum Thema: An den Polizisten, der meinen Sohn wegen Cannabis erschossen hat

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