POLITIK
16/11/2017 16:28 CET | Aktualisiert 17/11/2017 07:24 CET

Die Postergirls der Neuen Nazis: Warum Frauen für die rechte Identitäre Bewegung immer wichtiger werden

HuffPost
Identitäre Bewegung – jetzt auch in weiblich

  • Immer öfter zeigen sich in den Reihen der rechtsextremen Identitären Bewegung auch Frauen

  • Dahinter steckt wohl vor allem eine Strategie der männlichen Führung

  • Doch die weibliche Teilhabe könnte die Identitären noch gefährlicher machen

Melanie Schmitz trägt einen ausgeblichenen 80er-Jahre-Trainingsanzug. Eines dieser Teile, die nur wieder cool wurden, weil sie so wahnsinnig uncool sind: das Polyester ist türkis und violett, es wirft Falten. Auf einem anderen Bild: ein enges schwarzes Top. Schmitz wirft die Arme in die Luft, hält die Augen geschlossen. Wie in Trance scheint sie zu tanzen – zur Musik von The Smiths.

Schmitz ist Morrissey-Fan. Das ist das erste, was ihr Instagram-Account über die 24-Jährige verrät. Das Zweite ist: Sie ist Mitglied der rechtsradikalen Identitären Bewegung. “Defend Berlin” steht auf einem Foto.

Eine Gruppe von mindestens 15 Identitären hat sich darauf in einer dunklen Straße aufgebaut. Die Beine schulterbreit, das Kinn ein bisschen höher als normal. In der ersten Reihe: Schmitz – als einzige Frau.

Dass Schmitz vorn steht, ist kein Zufall. Es ist Strategie.

Die Identitären versuchen gezielt, immer mehr Frauen für ihre Bewegung zu gewinnen. Denn die Rechten, das weiß ihr Wiener Anführer, Martin Sellner, brauchen ein neues Image.

Weiblicher, freundlicher, anschlussfähiger.

Melanie Schmitz, zarte Stimme der radikalen Rechten

“Du siehst bezaubernd aus”, schreiben Männer unter den Fotos von Schmitz. ”Bin verliebt.” Aber auch: “Eine starke Frau! Die deutschen Frauen sind doch die besten!”

In den Kreisen der Neuen Rechten hat es Schmitz, die ihre Haare wechselnd in rot- oder dunkelbraun trägt, mit ihren sauber inszenierten Bildern zu großer Bekanntheit gebracht. Einer “Influencerin”, wie es in der neuen Welt heißt, in der es vor allem um Klicks geht.

Am meisten Klicks hat Schmitz bei Youtube. Fast 500.000 Menschen haben ein Video gesehen, in dem die 24-Jährige mit überschlagenen Beinen vor einem Klavier sitzt und singt. Eine Persiflage auf den bekannten Anti-AfD-Song der Band Jennifer Rostock. In sauberem 1920er-Jahre-Falsetto trägt Schmitz einen Wahlaufruf für die AfD vor. “Große Klasse”, findet Martin Sellner.

“Nur die dümmsten Kälber, zerstören ihre Heimat selber“, singt Schmitz.

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Schmitz in ihrem Video zum AfD-Song, Bild: Youtube Screenshot

Die doppelte Rolle der Frauen bei den Identitären

Die Zerstörung der Heimat: Es ist eines dieser zentralen Motive der Identitären. Und einer der Gründe, warum Frauen bei den rechten Aktivisten immer stärker in den Fokus rücken.

Judith Goetz ist Literatur- und Politikwissenschaftlerin und Mitglied des Forschungsnetzwerks Frauen und Rechtsextremismus. Sie weiß, dass Frauen bei den Identitären besonders im “Kontext von Migrations- und Bevölkerungspolitik” auftreten. “Die Identitäre Bewegung inszeniert sie für ihre Kampagne gegen den ‘großen Austausch’”, sagt Goetz der HuffPost.

Als “großen Austausch” bezeichnen die Identitären die vermeintliche Masseneinwanderung und Islamisierung in westlichen Staaten – angeblich organisiert von Politikern, Wirtschaftsbossen und Medien. Sie vermuten eine “Zerstörung durch Überfremdung.”

Junge Frauen erfüllen in diesem Narrativ gleich zwei Rollen: Sie sind aus Sicht der Rechten nicht nur die ersten Opfer des “großen Austauschs”, sondern auch der Schlüssel zur Lösung des Problems.

“Darauf basiert ein wichtiger Teil der Ansprache der Identitären”, sagt Goetz. “Die Frauen können den ‘Austausch’ durch Geburten verhindern.”

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Schmitz auf einem Propaganda-Foto mit anderen Identitären, Bild: Instagram

Gleichzeitig schüren die Identitären Angst vor Vergewaltigungen und sexuellem Missbrauch durch Migranten. Regelmäßig veranstalten sie Selbstverteidigungskurse und versuchen damit, explizit junge Frauen anzusprechen.

Im vergangenen September veröffentlichte die Identitäre Bewegung eine “Botschaft an die Frauen”: Ein Video, in dem mehrere weibliche Mitglieder der Rechten, darunter Melanie Schmitz, Übergriffe von Einwanderern auf Frauen aufzählen. “Das ist auch ein Krieg gegen unsere Kultur”, sagt Schmitz darin während ihre Augen wütend in die Kamera funkeln. “Und die Demütigung der Frau ist ihre Waffe.”

Für die Politikwissenschaftlerin Kathrin Glösel aus Wien lässt sich hier ein wesentlicher Teil der identitären Strategie erkennen. Die Rechten würden ihre Generation zum Opfer stilisieren, verstärkt durch Frauen, "weil sie unmittelbar mit ihren Körpern als Projektionsflächen dieser Bedrohungs-Erzählungen dienen”, sagt Glösel der HuffPost.

Influencer als Vollzeitjob: ein Inside-Report

Ungleich bedrohlicher mutet es an, wie systematisch die Identitären versuchen, weibliche Mitglieder für ihre Bewegung zu ködern. Das zeigt eine Begegnung im Londoner Stadtviertel Brixton.

Mehrere Dosen Stella Artois, Snickers-Papiere und dreckiges Geschirr übersäen den Tisch. Junge Männer und Frauen sitzen in einem Stuhlkreis. Alle starren gebannt auf ihr Handy.

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Sellner bei dem beschriebenen Treffen in London, Quelle: HuffPost

Identitäre aus ganz Europa haben sich an diesem Oktobertag in einem AirBnB eingefunden, um sich über Strategien auszutauschen, um neue Mitglieder zu gewinnen. Auch die 25-jährige Wienerin Julia Ebner ist dabei – ihr gelang es, sich als Politikwissenschaftlerin undercover in die Gruppierung einzuschleusen.

Auf einem braunen Ledersofa sitzt Martin Sellner, entspannt zurückgelehnt. Unaufgeregt erklärt der Anführer der österreichischen Identitären, dass man mit offenem Antisemitismus in Europa heute nicht mehr weit komme. Dass die Rechten ihr neues Image ganz genau kontrollieren müssten: Junger, hipper, weiblicher.

Mehr zum Thema: Identitäre Bewegung: Das lächelnde Gesicht der Neuen Rechten

Und immer wieder das kanonisch wiederholte Dogma: “Wir sind keine Rassisten, wir wollen nur unsere ethnokulturelle Identität wahren.”

Damit diese Ideologie möglichst viele Leute erreicht, setzt die Bewegung vor allem auf junge Menschen - am besten mit einer großen Anhängerschaft in sozialen Medien. Und das sind nunmal besonders häufig junge und hübsche Frauen, sagt Julia Ebner, die normal als Extremismusforscherin beim Institute for Strategic Dialogue in London arbeitet. “Sie werden teilweise als Influencer angestellt und in Vollzeit bezahlt”, berichtet die Insiderin der HuffPost.

Auch ihr boten die Identitären einen solchen Job an – und das schon nach dem ersten Videochat. Sie lehnte ab.

Brittany Pettibone, Glamourgirl der Rechtsextremen

Andere zeigen sich gern mit den männlichen Aktivisten.

Angestrengt schaut Brittany Pettibone in die Kamera. Die 25-Jährige ist bis auf die vordere Kante des blau-gepunkteten Sitzes des Regional-Expresses gerückt. “Ich bin hier mit Martin”, sagt Pettibone mit ihrem breiten amerikanischen Akzent. Ihre Miene hellt sich kurz auf.

Der Zug, in dem Pettibone mit Sellner sitzt, fährt nach Dresden. Die beiden sind auf dem Weg zu einer Pegida-Demonstration. Einem besonders großen Aufmarsch zum dritten Jahrestag der rechten Bewegung. Sellner sitzt hinter der Kamera, Pettibone davor.

Auf dem Dresdner Theaterplatz dann das umgekehrte Bild: Nun sind alle Augen auf Sellner gerichtet. Der Wiener schreit den etwa 3500 Menschen, den “Patrioten”, wie er selbst sagt, mit einem Megafon entgegen. Pettibone steht etwas schüchtern am Bühnenrand. Abseits der Scheinwerfer.

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Pettibone inszeniert sich am Rande der Pegida-Demo mit verkleideten Burka-Trägerinnen, Bild: Youtube

Sie spricht lieber in kleine Kameras, als auf großen Bühnen.

Oft geht es um ganz banale Dinge. “Warum es so schwierig ist, Freundinnen zu finden”, heißt eines von Pettibones Videos bei Youtube. “Echte Liebe gegen falsche Liebe”, ein anderes.

Die Frau aus Kalifornien, die immer öfter, wie zuletzt bei der Frankfurter Buchmesse, an Sellners Seite auftritt, erreicht mit ihren Youtube-Filmchen über 50.000 Abonnenten.

Nur eines unterscheidet ihre Videos von denen anderer Lifestyle-Blogger: Sie sind durchzogen von nationalistischen Verschwörungstheorien ("Es findet ein Genozid an den Weißen statt.") und Antifeminismus ("Feminismus ist giftig und zerstörerisch."). Rechte Propaganda im Häppchen-Format. Passend für die Generation Youtube.

Zielgruppe dieser neurechten Influencerinnen sind junge Menschen, die sich bislang kaum für Politik interessieren. Oder Menschen, deren politische Haltung bislang noch nicht gefestigt ist. Eine perfide Strategie.

Dass sich scheinbar moderne, junge Frauen wie Pettibone der reaktionären Gruppierung anschließen, mag auf den ersten Blick überraschen. Doch Expertin Goetz wiegelt ab.

“Frauen schließen sich zunächst einmal aus ähnlichen Gründen wie Männer der Gruppe an: Ein auch bei jungen Menschen aufkommender Nationalismus, Sexismus, Verdrossenheit mit dem Parteiensystem, Ethnonationalismus und ein biologistisches Geschlechterbild“, sagt die Wienerin der HuffPost.

Alina Wychera, Postergirl und Teleshopping-Model

Ein Bild, das auch dann mitschwingt, wenn sich die Identitären ganz harmlos geben wollen.

Es klopft an der Tür von Sellners Altbauwohnung in Wien. Auftritt Alina Wychera, eine der prominentesten Frauen bei den Identitären. Eisblaue Augen, blasse Haut, rote Lippen, langes dunkelbraunes Haar, das in Wellen über ihre Schulter fällt.

Mehr zum Thema: Wie AfD, Identitäre und rechte Burschenschaften versuchen, deutsche Unis zu unterwandern

Fast ein bisschen wie Schneewittchen sieht Wychera aus, zumindest nicht wie eine radikale Polit-Aktivistin.

Alina Wychera ist zu Gast in Sellners Videoblog, in dem er regelmäßig die philosophischen Grundlagen der Bewegung erörtert. Etwas schüchtern huscht Wychera ins Bild und setzt sich. “Wie ich sehe, hast du mir erstmal meinen Sessel weggenommen”, begrüßt Sellner die Studentin, die sofort wieder aufspringen will.

Doch Sellner beruhigt: “Bleib ruhig sitzen, ich bin ein Gentleman.”

Alina hat Produkte mitgebracht, die Zuschauer im Online-Shop der Identitären erwerben können: Poster von ihr, mit dem verschnörkelten Schriftzug “Heimatverliebt”, handgemachte Armbänder mit dem Symbol der Bewegung, einen hellroten Kapuzenpullover. Darauf der Slogan: “Still not loving Antifa”.

alina wychera

Wychera in Sellners Video, Bild: Youtube

Ein bisschen erinnert ihr Auftritt an den eines Models in einem Teleshopping-Kanal. "Die Alina trägt ein Polo und dieser (sic) Polo passt ihr auch sehr gut", erklärt Martin Sellner und deutet bestimmt auf die junge Frau an seiner Seite, die sich immer wieder nervös durch das Haar aus dem Gesicht streift. Sie kichert unsicher, fährt sich mit der Zunge über die Lippen.

“Die sind echt gut geschnitten, sehr figurbetont”, schwärmt die 25-Jährige dann.

Sex Sells

Für Expertin Kathrin Glösel ist dieser Art der Präsentation symptomatisch. “Sex sells gilt auch bei der Identitären Bewegung”, sagt sie. “Sie ästhetisieren ihren ‘Widerstand’ gegen die Elite und gegen die Linken.”

Auch Goetz hat ähnliches beobachtet: “Hier findet eine Sexualisierung von Frauen statt, die nicht zuletzt auch Anreize für Männer schaffen soll, sich den Identitären anzuschließen.” So hofften offenbar viele männliche Einsteiger von einem Beitritt einen “Zugang zu schönen Frauen".

Die Strategie könnte aufgehen.

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Wychnera und Sellner, Bild: Youtube

Im deutschsprachigen Raum seien bislang kaum mehr als 10 weibliche Infleuncerinnen aktiv, sagt Goetz. Doch die Zahl weiblicher Mitglieder dürfte wachsen - aus allen Schichten.

Menschen wie die 18-jährige Lena (Name geändert) zum Beispiel. Lena ist keine Instagram-Influencerin. Sie hat keine zehntausend Follower, keinen Youtube-Channel. Sie wirkt wie ein normaler Teenager. Unsicher, rebellisch, mit einem leichten Hang zur Dramatik.

"Wie konnte ich nur glauben, dass ich gut genug bin", schreibt sie unter einem Bild, das sie ins Internet hochgeladen hat. Die Lippen dunkel geschminkt, die Finger fahren durch die eigenen Haare. Auf einem anderen drückt sie ihre Brüste provokativ in die Kamera, ihr Gesicht ist abgeschnitten. "Küsst jemand die Traurigkeit aus mir?"

2017-09-07-1504786616-8796518-CopyofHuffPost4.png Inside AfD - Die Community für Kritiker der Rechtspopulisten

Lena zitiert den schwulen, schwarzen RnB-Sänger Frank Ocean, himmelt die Rap-Gruppe K.I.Z. an.

Doch dann sind da noch die anderen Bilder.

Das mit dem T-Shirt der Identitären: "Defending the Homeland since 500 BC.“ Und das des Magdeburger Doms. Der Kommentar: "Heimat – Freiheit –Tradition". Martin Sellner hat diese Fotos mit "Gefällt mir" markiert.

Ein Klick, mehr nicht. Doch für die Identitären ein wichtiger Schritt, ihre Ideologie weiter in die Köpfe junger Menschen zu pflanzen. Das ist das wohl Perfideste am Hass der Neuen Rechten.

Er wird uns selten offen auf Demonstrationen entgegen geschrien. Er kommt versteckt daher. In einem Nebensatz, beim Sojalatte in der trendigen Kaffee-Bar. Auf dem Unicampus. Oder im Internet. Nicht selten in Form eines hübschen Mädchens.

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(sma)

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