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16/11/2017 14:40 CET | Aktualisiert 16/11/2017 20:01 CET

"Entzweites Königreich": Das Cover der "Bloomberg Businessweek" bringt das Brexit-Chaos auf den Punkt

  • Der Brexit spaltet die britische Gesellschaft - und die britische Politik

  • Das Cover des Wirtschaftsmagazins "Bloomberg Businessweek" bringt das treffend auf den Punkt

Das Vereinigte Königreich ist zerstritten, zerfallen in die Lager für und gegen den EU-Ausstieg - und für und gegen die Premierministerin. Von Einigkeit kann also eigentlich keine Rede mehr sein.

Selbst die Regierungschefin Theresa May wirkt derzeit mit sich selbst uneinig. Sie scheint unschlüssig zu sein, wie der richtige Kurs für ihr Land raus aus der Europäischen Gemeinschaft aussieht.

Die britische Wirtschaftszeitschrift "Bloomberg Businessweek" brachte auf dem Cover ihrer aktuellen Ausgabe all die Risse, die durch die britische Gesellschaft gehen, auf den Punkt:

Der Kopf von Theresa May ist zu sehen - und ein breiter Riss, der mitten hindurch geht. "Disunited Kingdom" steht in der Mitte, zu Deutsch: "Das entzweite Königreich".

Eine treffende Darstellung - aus drei Gründen:

Knapp hatte das Brexit-Lager die Abstimmung im Juni 2016 für sich entschieden. Mittlerweile hat sich die Stimmung gewendet. Laut einer YouGov-Umfrage vom Oktober halten 47 Prozent der Briten den EU-Ausstieg für falsch. Aber: 42 Prozent befürworten ihn nach wie vor.

Die Spaltung zieht sich aber noch weiter: In der regierenden konservativen Partei (Tories) sind sich die Mitglieder uneinig über den richtigen Kurs bei den Brexit-Verhandlungen. Viele in der Partei waren gegen den Brexit - und befürworten nun, möglichst eng mit der EU beim Ausstieg zusammenzuarbeiten, um einen "harten Brexit", einen Ausstieg ohne Folgeabkommen, zu verhindern.

Die hartnäckigen "Brexiteers" bei den Tories sehen das anders. In einem geheimen Brief an May hatten Außenminister Boris Johnson und Umweltminister Michael Glove zuletzt dafür geworben, Großbritannien auf ein "No-Deal-Szenario" vorzubereiten.

Letztlich geht der Brexit-Riss durch May selbst. Sie muss als Premierministerin eine Politik vertreten, die sie als Befürworterin für den EU-Verbleib vor über 18 Monaten noch abgelehnt hatte. "Bloomberg Businessweek" weist in dem Leitartikel der May-Ausgabe daraufhin, dass die Regierungschefin im Oktober keine Antwort darauf geben konnte, wie sie bei einem erneuten Brexit-Votum abstimmen würde.

Kostet May das Brexit-Chaos den Job?

In Großbritannien herrscht also Chaos und für Premierministerin May könnte es gefährlich werden. 40 Abgeordnete ihrer eigenen Partei seien laut einem Medienbericht dazu bereit, ihr das Misstrauen auszusprechen - acht mehr, und Mays Zeit an der Spitze der Tories wäre vorüber.

Doch "Bloomberg Businessweek" sieht May nicht in ernsthafter Gefahr. Auch wenn die Labour-Partei in Umfragen aufholt - oder sogar in einigen die Tories schon überholt hat: Eine Neuwahl droht den Briten wohl vorerst nicht, die nächste Wahl steht 2022 an, bis dahin sollte der Brexit geschafft sein.

Der EU-Austritt könnte für die Tories bei der Wahl sogar noch zum Vorteil werden, analysiert "Bloomberg Businessweek": "Indem sie sich zur Partei des Brexit gemacht haben, stärkten die Konservativen ihren Rückhalt bei den älteren Menschen."

Auch das Feindbild der linken Labour-Partei halten die Tories nach wie vor hoch. Darin seien sich nämlich alle einig: Es gelte eine Regierung unter Labour-Chef Jeremy Corbyn zu verhindern. "Wir haben erkannt, dass wir einen Brexit liefern müssen, der für das ganze Land funktioniert - oder wir riskieren undenkbare Konsequenzen unter einer stramm linken Regierung", sagte der Torie-Politiker George Freeman der "Bloomberg Businessweek".

Die alte Spaltung zwischen Konservativen und Linken könnte May vorerst den Job retten.

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(jg)