Zu viele Menschen schauen bei islamistischer Radikalisierung in ihrem Umfeld weg

Veröffentlicht: Aktualisiert:
ISLAMIST
Zu viele Menschen schauen bei islamistischer Radikalisierung in ihrem Umfeld weg | dpa
Drucken
  • Die Bundesregierung möchte 2018 mehr in die Radikalisierungsprävention investieren
  • 100 Millionen Euro stellt der Bund dafĂĽr bereit

Jetzt geht etwas voran: Die Bundesregierung will 2018 mehr Geld ausgeben, um zu verhindern, dass sich noch mehr junge Menschen Terrorgruppen anschließen. Lange haben die Behörden auf diesem Feld im Nebel gestochert.

Wenn sich ein junger Muslim plötzlich für radikale Ideen begeistert, gibt es für die betroffene Familie nicht immer genügend Hilfe aus der eigenen Religionsgemeinschaft.

"Wir erleben leider oft, dass sich Imame und muslimische Sozialarbeiter abwenden, wenn sich andeutet, dass sich in einer Familie in ihrem weiteren Umfeld ein junger Mensch radikalisiert", sagte die Extremismusforscherin Michaela Köttig der Deutschen Presse Agentur.

Extremismusexpertin: Förderung zu kurzfristig angelegt

Grund sei meist die Angst, ebenfalls unter Extremismusverdacht zu geraten. Auf Distanz zu gehen, sei aber eine fatale Fehlentscheidung, denn dadurch werde es für radikale Gruppen dann noch leichter, "diese Menschen einzufangen", sagt Köttig.

➨ Mehr zum Thema: Ich war ein Jahr undercover unter Rechtsextremisten: Das habe ich über ihre Methoden gelernt

Köttig ist Professorin für Grundlagen der Gesprächsführung, Kommunikation und Konfliktbewältigung an der Frankfurter Fachhochschule (UAS). Ihrer Ansicht nach müsste bei den laufenden Programmen zur Prävention von Radikalisierung im islamischen Kontext viel genauer geschaut werden, welche Ansätze "uns weiterbringen und welche nicht."

Die vom Bund für das kommende Jahr veranschlagten 100 Millionen Euro für die Prävention seien zwar eine große Summe, die Förderung von Projekten in diesem Bereich sei aber zu kurzfristig angelegt, so Köttig.

"Oft haben die Verbände zu wenig Zugang zu Jugendlichen"

"Immerhin gibt es jetzt eine bundesweite Strategie", sagte der Terrorismus-Experte Peter Neumann diese Woche am Rande einer Fachtagung zur "Radikalisierungsprävention" in Berlin. Auch einige Bundesländer seien inzwischen viel aktiver als noch vor Jahren.

Auf die Frage, welche Rolle die islamischen Verbände spielen könnten, antwortete er: "Das Problem mit den Islam-Verbänden ist, dass sie oft wenig Zugang zu Jugendlichen haben", auch weil in der Verbandsarbeit meist ältere Männer den Ton angäben.

Religiöse Inhalte spielen seiner Ansicht nach als Auslöser von islamistischer Radikalisierung ohnehin nicht die Hauptrolle. Ähnlich wie bei Rechtsextremisten seien auch hier die "emotionalen Bedürfnisse" des Betroffenen wichtig, sagte Neumann, etwa die Sehnsucht nach der Zugehörigkeit zu einer Gruppe.

Nicht selten handele es sich um Menschen, die sich selbst als "Verlierer" empfänden und in der neuen Ideologie einen Ausweg sähen.

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

(amr)

Korrektur anregen