Wohnungskrise in München: Dieser Verein vermittelt Wohnraum an Flüchtlinge und Sozialschwache

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Wohnungskrise in München: Dieser Verein vermittelt Wohnraum an Flüchtlinge und Sozialschwache | kamisoka via Getty Images
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  • In München gibt es immer weniger bezahlbaren Wohnraum
  • Der Verein Münchner Freiwillige unterstützt Sozialschwache und Geflüchtete bei der Suche
  • Der syrische Student Mohamad fand durch seine Hilfe eine WG

Menschen mit wenig Geld haben kaum Chancen, in München eine Wohnung oder ein Zimmer zu bekommen. Das trifft Alleinerziehende, Studenten, Geflüchtete und viele andere.

Sie kommen selbst dann nicht zum Zug, wenn sie die Miete von etwa elf Euro pro Quadratmeter zusammenkratzen können, was immerhin 71 Prozent teurer ist als im deutschen Schnitt. Denn das finanzielle Risiko, Sozialschwache zu beherbergen, ist vielen zu hoch.

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Der Verein Münchner Freiwillige e. V. hat einen Ausweg aus diesem Dilemma gefunden. Und fördert nebenbei auch noch die Integration.

Verzögerte Sozialhilfe sorgt für Skepsis bei Vermietern

Die Idee ist einfach: Der Verein mietet Wohnungen und vermietet sie entweder als ganzes an Familien weiter, oder richtet Wohngemeinschaften ein, indem er einzelne Zimmer vermietet.

In den gegründeten Wohngemeinschaften sollen Münchner unterschiedlicher sozialer Herkunft zusammenleben, zum Beispiel Flüchtlinge und Menschen, die hier aufgewachsen oder schon sehr lange in Deutschland leben.

Marina Lessig ist Vorsitzende des Vereins und kennt die Sorgen der Mieter - und der Vermieter. Sie erklärt, woher die Skepsis der Eigentümer gegenüber Sozialschwachen kommt.

Dass sechs Monate kein Geld bei ihnen ankommt, können sich die meisten privaten Vermieter einfach nicht leisten

Sie fürchten, dass Schäden an der Wohnung beim Auszug nicht durch die Kaution gedeckt sind. Außerdem komme es sowohl bei Hartz IV als auch bei Bafög teilweise zu enormen Verzögerungen bei der Auszahlung. In manchen Fällen können Sozialhilfeempfänger ihre Miete also nicht pünktlich zahlen. “Dass sechs Monate kein Geld bei ihnen ankommt, können sich die meisten privaten Vermieter einfach nicht leisten”, so Lessig.

Darüber hinaus, sei gerade im Niedriglohnsektor die Zahlungsmoral der Arbeitgeber sehr schlecht. “Da kommt es schon vor, dass man zwei Monate kein Gehalt sieht.”

Verein bürgt für sozialschwache Mieter

Die meisten Vermieter wollen ihren eigenen Arbeitsaufwand und Ärger so gering wie möglich halten, dabei maximale Sicherheit und einen guten Draht zu den Mietern.

Und genau hier setzt der Verein an: Er garantiert den Vermietern, für die monatliche Miete und eventuelle Schäden aufzukommen. Er kümmert sich um alle Details der Vermietung und Verwaltung einer WG, sorgt dafür, dass der Vermieter genau die Mieter bekommt, die er will, und dass auch nicht mehr Menschen einziehen, als besprochen.

“Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Eigentümer bereit sind, ihre Wohnung unter dem üblichen Marktpreis zu vermieten, wenn wir ihm diese Vorteile garantieren können”, sagt Lessig.

Ganz weitergeben kann der Verein den billigeren Preis an die Untermieter trotzdem nicht.

“Rein ehrenamtlich können wir die Masse an Arbeit bald nicht mehr allein stemmen und müssen ab kommendem Jahr eine hauptamtliche Fachkraft anstellen”, erklärt die Vorsitzende. “Außerdem müssen wir Rücklagen bilden, um das Risiko von Schäden in der Wohnung und Mietausfällen tragen zu können.”

Aber Wohnraum zu Marktpreisen ist immer noch besser als gar keiner.

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Ausländer werden häufig benachteiligt

Denn mittlerweile erlebe man in München eine Situation, in der sogar Normalverdiener von Wohnungslosigkeit bedroht seien, so Lessig. Schuld daran seien die Gentrifizierung und Kapitalgesellschaften, die Wohnraum als Luxus-Geldanlage anbieten.

“Außerdem ist der Wohnungsmarkt zutiefst rassistisch”, sagt Lessig. Wer einen ausländisch klingenden Namen habe, sei als Bewerber selbst bei einem überdurchschnittlichen Einkommen im Nachteil.

Auch Alleinerziehende und Selbstständige kämen häufig zu kurz.

“Wir halten engen Kontakt zu den Betreibern der Flüchtlingsunterkünfte, Frauenhäusern und zur Stelle für Vermeidung von Wohnungslosigkeit, um Bewerber auszuwählen, die auf dem normalen Mietmarkt in München keine Chance hätten.”

Nachbarn wollen keine Flüchtlinge im Haus

Der 22-jährige Mohamad wohnt in einer der WGs, die durch die Münchner Freiwilligen gegründet wurden. Er ist erst vor knapp zwei Jahren aus Syrien nach Deutschland gekommen, spricht aber schon gut deutsch.

“Ich habe zuerst eineinhalb Jahre in einer Flüchtlingsunterkunft gewohnt, was sehr bedrückend gewesen ist”, sagt er der HuffPost. “Dann habe ich Martin, einen Mitarbeiter des Vereins kennengelernt. Er hat mir wirklich sehr geholfen.”

Er hat sich entschuldigt und gesagt, dass er Flüchtlingen keine Wohnung geben kann weil die Nachbarn Angst vor uns haben

Alleine habe er keine Wohnung finden können, erzählt Mohamad. In einem Jahr habe es nur Absagen der Vermieter gegeben. Niemand habe ihn und zwei seiner Freunde im Haus haben wollen.

“An einen erinnere ich mich besonders”, berichtet der Flüchtling. “Er hat sich entschuldigt und gesagt, dass er Flüchtlingen keine Wohnung geben kann weil die Nachbarn Angst vor uns haben. Ich war schon sehr enttäuscht und dachte, dass ich es nie schaffen werde, etwas zu finden.”

In München sei er schon öfter mit Rassismus konfrontiert worden, aber auch mit freundlichen Menschen hat er zu tun gehabt. “Einmal saß ich mit meiner Freundin auf einer Parkbank als ein Mann kam, und uns angeschrien hat”, erzählt Mohamad. Der Mann habe “Scheiß Flüchtlinge” gerufen und ihnen den Mittelfinger gezeigt. “Dann ist eine Frau aufgesprungen, hat mit ihm gestritten und gesagt er soll die Klappe halten.”

Dank der Münchner Freiwilligen, lebt Mohamad nun zusammen mit vier anderen jungen Menschen in einer WG: zwei Somaliern, einem Senegalesen und einem Esten, der hier in München beheimatet ist. Mit allen verstehe er sich sehr gut, auch wenn er seine Mitbewohner, momentan gar nicht so viel zu Gesicht bekomme wegen der vielen Arbeit.

Er ist glücklich, dass es geklappt habe und er nicht mehr in der Flüchtlingsunterkunft leben muss.

In Syrien hat er schon fünf Semester Bauingenieurwesen studiert. “Ich will hier in Deutschland so bald wie möglich mein Studium abschließen”, erklärt Mohamad. “Und dann muss ich auch noch regelmäßig in den Sprachkurs und Deutsch lernen.”

Marina Lessig glaubt, dass auch ein Verein für Studenten nach ihrem Modell funktionieren könne.

Der Verein ist auf Spenden angewiesen, da er die Kaution der Untermieter aus rechtlichen Gründen nicht mit direkt an die Eigentümer weitergeben darf und mit eigener Kaution in Vorleistung gehen muss. Das Geld wird also knapp. Wer spenden will, findet ihr hier mehr Infos: http://www.muenchner-freiwillige.de/spenden.html

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

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(amr)

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