POLITIK
15/11/2017 20:10 CET | Aktualisiert 15/11/2017 22:39 CET

Trump prahlt mit dem Jobwunder in seinem Land - doch er ignoriert ein fatales Problem der US-Wirtschaft

Jorge Silva / Reuters
Trump prahlt mit dem US-Jobwunder - doch eine Entwicklung zeigt, wie schwer es viele seiner Bürger wirklich haben

  • Die USA erleben ein Jobwunder: Seit fast sieben Jahren schaffen die Unternehmen in jedem Monat neue Arbeitsplätze

  • US-Präsident Donald Trump lässt sich wieder und wieder für die starke Wirtschaft seines Land feiern

  • Doch er übersieht ein fatales und bisher ungelöstes Problem seiner Bürger: Die miserable Lohnentwicklung

Donald Trump hat seinen Bürgern ein Jobwunder versprochen - und er hat tatsächlich geliefert. Nicht, weil der US-Präsident viel dafür getan hätte, den Arbeitsmarkt in den USA anzukurbeln. Aber weil er von einem einzigartigen Rekord in der Geschichte der USA profitiert: Seit fast sieben Jahren schaffen die Unternehmen in den Vereinigten Staaten kontinuierlich neue Arbeitsplätze.

Die Arbeitslosenquote im Land ist auf 4,1 Prozent gesunken, den niedrigsten Wert seit der Jahrtausendwende. Allein im vergangenen Oktober wurden 261.000 neue Stellen besetzt.

Quelle: US-Arbeitsministerium, Darstellung durch St. Louis Fed

So beeindruckend dieser Trend auch ist, er läuft dennoch parallel zu einer Entwicklung, unter der viele US-Amerikaner seit Jahren oder sogar Jahrzehnten leiden. Denn obwohl die Wirtschaft in den USA sich im Aufschwung befindet, bemerkt ein großer Teil der Arbeitnehmer im Land davon wenig. Zwar haben diese Menschen Arbeit - doch oft reicht sie nicht zum Leben.

Renommierter Ökonom bezeichnet Lohnentwicklung als "unakzeptabel"

Im August hatte Donald Trump den Bundesstaat Alabama besucht. Es war eine Wahlkampfveranstaltung vor seinen frenetischsten Anhängern und der US-Präsident machte große Versprechungen.

"Ich glaube, die Löhne werden bald steigen", rief Trump gleich dreimal unter großem Applaus. "Unsere Arbeitslosenquote ist die niedrigste seit 17 Jahren, also werden auch die Löhne steigen, richtig?"

Tatsächlich steigen die Löhne der USA im Schnitt von Jahr zu Jahr - doch sie tun es nur langsam und in sehr geringem Maße. Laut einem aktuellen Bericht der "Harvard Business Review" stieg der Stundenlohn eines typischen Arbeitnehmers in den USA seit 1970 inflationsbereinigt um gerade einmal 0,2 Prozent pro Jahr.

Der durchschnittliche Stundenlohn fiel im Oktober sogar auf das niedrigste Level seit einem Jahr.

Dan North, der Chefökonom der renomierten Kreditversicherungsgesellschaft Euler Hermes, sagte der "New York Times" Anfang November zur Lohnentwicklung in den USA: "Sie geht sicherlich in die richtige Richtung. Doch sie ist immer noch wenig berauschend - sogar unakzeptabel."

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40 Prozent der Arbeitnehmer in den USA verdienen zu wenig zur Grundsicherung

Tatsächlich offenbart ein Blick auf die Zahlen ein erschreckendes Bild: So verdienen die Hälfte aller Arbeitnehmer in den USA laut Daten des Arbeitsministeriums weniger als 18 US-Dollar die Stunde - etwa 37.000 US-Dollar im Jahr.

Das linksliberale Economic Policy Institute (EPI) berichtet sogar, dass 40 Prozent der arbeitenden Bevölkerung in den USA im vergangenen Jahr nur 15,33 US-Dollar pro Stunde verdienten. Damit hätten sie nicht einmal die von Forschern des MIT errechnete "living wage" (Grundsicherung) von 15,88 US-Dollar pro Stunde verdient.

Auch im Jahr 2017 blieben laut dem EPI 40 Prozent der US-Arbeitnehmer bisher unterhalb des nötigen Einkommens zur Grundsicherung. Das bedeutet: Weit mehr als ein Drittel der arbeitenden Bevölkerung in den USA können nicht von ihrem Gehalt leben - geschweige denn ihre Familie versorgen.

Die darbende Mittelschicht der Vereinigten Staaten

Dass dieser Zustand nicht nur ein Problem für die Niedrigverdiener in den Vereinigten Staaten ist, sonder besonders auch für die Mittelschicht, zeigt die die Nachrichtenseite "Bloomberg" auf.

Redakteure der auf Wirtschaftsthemen spezialisierten Nachrichtenagentur errechneten über einen Zeitraum von zehn Jahren die Entwicklung des durchschnittlichen Stundenlohns in 303 Industriezweigen der US-Ökonomie - ohne jedoch die Inflation zu berücksichtigen.

Die Ergebnisse sind dennoch erstaunlich:

Im unteren Fünfteln des Lohnsektors - in Gastronomie-, Pflege- oder Kaufmannsberufen - sind die Stundenlöhne im vergangenen Jahrzehnt mit bis zu 4 Prozent pro Jahr insgesamt am stärksten gestiegen. Allerdings: Ein großer Teil des Lohnbooms geht auf Beschäftigte im Sicherheitssektor zurück.

Eine weitere Überraschung: Doktoren, Anwälte, Manager, Berater und ähnlich gut gestellte Arbeitnehmer mussten im vergangenen Jahrzehnt ein stetig langsameres Wachstum des durchschnittlichen Stundenlohns hinnehmen. Dennoch stiegen die Löhne in diesem obersten Einkommensfünftel um jährlich mindestens 2,5 Prozent.

Die wichtigste Erkenntnis der "Bloomberg"-Untersuchung ist jedoch: die Löhne des US-amerikanischen Mittelstands stagnieren. Ein Großteil der Menschen in den USA mit mittlerem Einkommen hat keinen Zuwachs beim durchschnittlichen Stundenlohn gesehen - und das seit zehn Jahren. Hotelfachleute, Krankenschwestern, Handwerker, Bankangestellte und Autobauer - in Berufen wie diesen konnten die Menschen ihr Gehalt kaum oder gar nicht verbessern.

Das Jobwunder in den USA täuscht also darüber hinweg, dass die Arbeitnehmer im Land zu großen Teilen entweder von diesen neuen Jobs allein nicht leben können - oder aber seit Jahren und Jahrzehnten darauf warten, dass sich der wirtschaftliche Aufschwung in den Vereinigten Staaten auch zu ihren Gunsten auswirkt.

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Ein Grund dafür ist auch die Inflation. Zuletzt lag sie bei etwa 2 Prozent - und fraß so einen großen Teil der Lohnzuwächse wieder auf.

Donald Trump sollte sich also nicht nur darum kümmern, dass die US-Wirtschaft neue Jobs schafft - sondern auch darum, dass sie diese gut bezahlt.

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