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15/11/2017 17:39 CET

Robert Mugabe: Aus dem Leben des Tyrannen

Robert Mugabe steht seit Kurzem unter Hausarrest - das Militär hat in Simbabwe die Macht übernommen

Der älteste Diktator der Welt hat seine Macht verloren. Robert Mugabe (93) steht unter Hausarrest, das Militär hat in Simbabwe am Mittwochmorgen die Kontrolle über das afrikanische Land übernommen. Zeugen berichten von Schüssen in der Nähe der Präsidenten-Residenz von Mugabe. Ein General teilte im Staatsfernsehen mit, der 93-Jährige und seine Familie seien gesund und in Sicherheit. Er soll für sich und seine berüchtigte Frau Grace (52) eine Ausreise-Erlaubnis mit den Putschisten ausgehandelt haben, berichtet "Bild".

Mugabe hat seit 37 Jahren über das Land im Süden Afrikas geherrscht. 1980 war der ehemalige Jesuitenschüler und Doktor der Rechtswissenschaften bei den Parlamentswahlen der Republik Simbabwe (ehemalige britische Kolonie Rhodesien) ins Amt des Premierministers gelangt. Das ZDF beschreibt seine Regierungszeit so: "Über den Daumen gepeilt waren es zehn Jahre des Aufschwungs, zehn schwere Jahre und ein gutes Dutzend desaströse."

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Mugabe entwickelte sich zu einem Paradebeispiel des bösartigen afrikanischen Tyrannen, der nur sein eigenes Wohl und das seiner Familie im Sinn hat und seine Heimat zugrunde richtete.

Seine Grausamkeit

Als Anführer schwarzer Rebellen hatte Mugabe in einem Bürgerkrieg die "Kornkammer Afrikas" aus der Hand der weißen Kolonialisten erobert. Als alle mit einem großen Blutbad rechneten, rief der neue starke Mann überraschend zu Versöhnung und zum gemeinsamen Wiederaufbau auf.

Die meisten Weißen blieben im Land - und erlebten staunend mit, wie der gutaussehende Intellektuelle mit seinem lupenreinen Englisch Gesundheits- und Bildungsprogramme für die Schwarzen auflegte und sogar eine soziale Wirtschaftspolitik betrieb. Mugabe wurde zum Darling der westlichen Welt und lobte ihn mit Elogen. So wie Mugabe - so musste es Afrika machen.

Doch der Mann hatte noch ein anderes Gesicht. Die britische Schriftstellerin und Literaturnobelpreisträgerin Doris Lessing (1919-2013, "Das goldene Notizbuch") war selbst in der Nähe der Hauptstadt Harare (früher Salisbury) aufgewachsen und hatte bis 1950 dort gelebt. Sie galt als exzellente Kennerin der afrikanischen Verhältnisse und schrieb später über den Emporkömmling: "Schon in den ersten Jahren seines Regimes hätten wir sehen können, wer Mugabe ist: als die berüchtigte Fünfte Brigade zu seiner Leibgarde wurde. Die Schlägertruppe aus Nordkorea, bei Schwarzen und Weißen gleich verhasst, erledigte für ihn die Dreckarbeit, vor allem bei seinem Feldzug gegen Matabeleland, bei dem Tausende von Angehörigen der Ndebele (des zweitgrößten Stammes) fast wie bei einem Genozid abgeschlachtet wurden."

Fast 20.000 Menschen sollen bei den Massakern ums Leben gekommen sein. "Im Rückblick sind Mugabes Aktionen eindeutig als Raubfeldzüge zu erkennen", so Doris Lessing. "Aber damals herrschten Lüge und allgemeine Verwirrung. Und dennoch: Wir alle kannten die Fünfte Brigade, wussten schon damals von ihren Mordtaten und Vergewaltigungen."

Die Befreiung von Nelson Mandela (1918 - 2013, "Der lange Weg zur Freiheit") im Februar 1990 muss für die Eitelkeit Mugabes ein heftiger Schlag gewesen sein. Der Freiheitsheld aus dem Nachbarland Südafrika lief ihm auf Anhieb den Rang als das Idol des Schwarzen Kontinents ab. Mugabe leitete eine Landreform ein, die ihm neue Popularität bringen sollte. Er begünstigte die eigene Klientel statt der landlosen Masse. Weiße Farmen wurden massenweise enteignet und die Besitzer teilweise ermordet. An ihre Stelle kamen Hofschranzen Mugabes als Verwalter. Sie richteten die landwirtschaftliche Produktion binnen kurzem zugrunde.

In einer Reportage schriebt Doris Lessing: "Die Farmen im Umland von Harare und Bulawayo, die von Schwarzen übernommen wurden, sind an den Wochenenden von Städtern bevölkert; sie kommen mit ihren Autos angefahren, um ein Wochenende auf dem Land zu verbringen. Sie stellen ihren Grill auf, lassen ihre Musik über die Felder dröhnen, sie singen und tanzen und essen, zum Nachtlager verteilen sie sich über die leeren Zimmer und am nächsten Morgen fahren sie nach Harare zurück."

Mugabe wandte sich auch voller Verachtung vom eigenen Volk ab. "Schmeißt den Müll raus!", hieß seine Aktion, bei der die Elendsquartiere rund um Harare und anderen Städten von Bulldozern zusammengeschoben wurden. Hunderttausende Menschen verloren ihre armselige Bleibe und wurden in noch tiefere Not gestürzt. Die Inflation stieg auf Tausende Prozent, das Land hungerte.

Berüchtigt ist auch Mugabes Kampagne gegen Homosexualität, die er als "unnatürlich" und "unafrikanisch" bezeichnete. Homosexuelle Männer sind für Mugabe "niederer als Schweine und Hunde". Sie können mit zehn Jahren Gefängnis bestraft werden. Mugabe begründete sein Vorgehen u.a. mit der Absicht, gegen Aids vorzugehen. Mugabes Präsidenten-Vorgänger Cannaan Banana (1936 - 2003) wurde wegen Homosexualität verurteilt und floh nach Südafrika, weil er um sein Leben fürchtete.

Seine Ängste

Mugabe hatte von Anfang an große Angst vor dem eigenen Volk. Mag sein, dass sich in seiner Furcht, eines Tages gehenkt zu werden, seine eigene Aggression widerspiegelt. Doris Lessing urteilte als kenntnisreiche Beobachterin: "Das ist kein starker Mann, er ist ein Schwächling."

Vom ersten Tag an habe Mugabe Angst gehabt, sich auf der Straße zu zeigen ohne den Schutz durch berittene Polizei, Bodyguards oder einen Motorradkonvoi - "der Panzer für seine Paranoia. Als Königin Elizabeth II. das Land besuchte und sich weigerte, mit ihm in ein gepanzertes Auto zu steigen und stattdessen auf einer offenen Limousine bestand, machten sich die Menschen über den verängstigten Mann lustig, der sich in eine Ecke des Wagens drückte, während die unbekümmerte Königin lächelnd in die Menge winkte. Das ist der Kern der Tragödie... Er war viel zu ängstlich, um sein selbst errichtetes Gefängnis zu verlassen. Er umgab sich nur mit Speichelleckern und alten Kumpanen."

Sein Größenwahn

Er sei wie Jesus Christus, hat Mugabe einmal gesagt. Jedes Mal, wenn man ihn für tot halte, sei er wieder auferstanden. Wenn ihm einmal nicht der Vergleich mit dem Sohn Gottes in den Sinn kam, verwiesen seine Parteihistoriker seinen Stammbaum auf die Könige von Groß-Simbabwe, eine altafrikanische Stadt, die vom 11. bis 15. Jahrhundert eine Blütezeit hatte. Mugabe ließ sich deswegen auch als "our king" bezeichnen. Diese Pseudo-Abstammung war mit auch eine Rechtfertigung für seinen Anspruch auf die Präsidentschaft auf Lebenszeit. Auf einigen Bildern wird er sogar vor der Kulisse der mittelalterlichen Palastanlage dargestellt.

Seine Frau Grace beschwor oft diesen selbstinszenierten Kult: "Präsident Mugabe ist der Beste und wir müssen uns glücklich schätzen, ihn zu haben - alt, wie er ist." Mugabe werde 2018 zur Präsidentschaftswahl antreten, selbst wenn er vorher sterbe, schwor sie. "Wenn Gott sich entschließt, ihn mitzunehmen, dann werden wir seine Leiche als Kandidaten aufstellen."

Sein Größenwahn mag auch durch zahlreiche Ehrungen im westlichen Ausland befeuert worden sein. Die Universitäten von Edinburgh, Massachusetts und Michigan hatten ihn jeweils zum Ehrendoktor ernannt - und ihm ab 2007 diese Ehrungen wieder aberkannt. Auch die Ritterwürde des britischen Order of the Bath (von 1994) wurde ihm 2008 von Queen Elizabeth II. aberkannt.

Nicht desto trotzdem ernannte ihn die Weltgesundheitsorganisation WHO dieses Jahr zum UN-Botschafter für Gesundheit, eine internationale Ehrung, die dem greisen Mugabe erneuten Auftrieb gab. Hillel Neuer, Direktor bei "UN Watch", sagt schockiert: "Die Regierung unter Robert Mugabe hat Menschenrechtler brutal behandelt, Regimekritiker zerstört. Sie hat den Brotkorb Afrikas - und Simbabwes Gesundheitssystem - in ein leeres Körbchen verwandelt. Die Vorstellung, dass die UN dieses Land nun zu einem großen Unterstützer der Gesundheit macht, ist einfach widerlich... Während seine eigene Bevölkerung unter der schlechten Versorgung leidet, fliegt der Diktator regelmäßig ins Ausland, um sich dort behandeln zu lassen."

Sein Reichtum

Der größte Schatz Simbabwes sind die Diamantenminen von Marange. Sie sind eine der reichsten Vorkommen der Welt. "Marange gehört jetzt der Zimbabwe Mining Development Corporation. Die betreibt Joint Ventures, etwa mit einer Firma namens Anjin Investments", schreibt die "Frankfurter Rundschau". Anjin sei eine Kooperation militärischer Eliten aus China und Simbabwe. "Beobachter berichten: Vor dem Anjin-Quartier flattern die Fahnen der Zimbabwe Defence Force und der Chinesischen Volksbefreiungsarmee einträchtig nebeneinander. Seit 2008, sagen Experten, seien Diamanten im Wert von fast zwei Milliarden Dollar gestohlen worden." Es steht für internationale Beobachter außer Frage, dass sich Robert Mugabe und seine Eliten bereichert haben.

Dennoch beziffert das angesehene britische Blatt "The Economist" das persönliche Vermögen des Diktators auf "nur" zehn Millionen US-Dollar. Mögliche Konten im Ausland konnten bei dieser Schätzung nicht eingerechnet werden.

Seinen aufwändigen Lebensstil und den seiner Frau Grace finanziert in aller Regel die Staatskasse, z.B. auch seine Geburtstagsfeiern. Die kosten im Schnitt immer über eine Million Dollar. Während die Bevölkerung hungert, feiert ihr Staatsoberhaupt Luxus-Partys. Rund zwei Millionen Euro hat "die Sause" ("Bild") zu seinem 93. Geburtstag das Land gekostet. Es gab für 200.000 Gäste u.a. eine 93 Kilogramm schwere Torte und Fleisch von 150 Rindern. Alle dazu aufgeforderten Farmer mussten ein Stück Vieh für den Geburtstag spenden.

Seine irren Frauen

Robert Mugabe hat offenbar einen Sinn für besonders gierige Frauen. Schon seine erste Ehe mit Sally Hayfron (1931-1992) wirkte sich fatal für das Land aus, wie Doris Lessing beobachtet hat: "Manche Leute machen auch Mugabes Frau Sally für seinen augenscheinlichen Persönlichkeitswandel verantwortlich. Die Mutter der Nation war korrupt, unverfroren korrupt. Einmal wurde sie bei der Ausreise in ihre Heimat Ghana vom Zoll angehalten, weil sie Simbabwe-Währung im Wert von einer Million britische Pfund bei sich trug. Das sei ihr Geld, behauptete sie und lachte nur, als man es ihr wegnahm und sie ohne das Geld weiterreisen musste. Das war zu der Zeit, als den Gesetzen noch Geltung verschafft wurde."

Nach Sallys Tod durch Nierenversagen heiratete Mugabe seine 41 Jahre jüngere Sekretärin Grace, die zügellosen Luxus liebt. Seither gehören Hummer, Kaviar und Champagner zur Grundausstattung des Haushalts Mugabe. Sie wird vom Volk auch "Dis-Grace" (Schande) oder "Gucci-Grace" genannt. Simbabwes "First Shopperin" pflegt sich ihre Kleiderschränke mit dem Geld aus der Staatskasse zu füllen.

Grace Mugabe ist ähnlich ehrgeizig wie ihr Mann. Sie wollte ihm sogar im Amt als Staatspräsidentin folgen. "Warum nicht?", fragte sie ungerührt bei einer Kundgebung zu ihren Präsidentschaftsambitionen, "ich bin doch Simbabwerin."

Früher war sie tief religiöse Christin, die bereits Ende der 80er-Jahre eine Affäre mit Mugabe hatte, als beide noch verheiratet waren. Nach der Geburt von zwei unehelichen Kindern heirateten sie schließlich 1996. Seitdem eifert sie ihrem greisen Gemahl nach.

Wegen ihrer möglicherweise fehlenden Bildung hat sie sich an der Universität Simbabwe für das Fach Soziologie eingeschrieben. Nach gerade mal drei Monaten Studium wurde sie promoviert. Der Doktorvater ist nur ihr bekannt, und die Dissertation von Dr. Grace Mugabe ist an der Universität nicht verfügbar. Leider, sagen die Verantwortlichen.

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