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15/11/2017 18:04 CET | Aktualisiert 15/11/2017 21:47 CET

Der Teilzeit-Chef: Warum Unternehmen bei Führungsposten umdenken müssen - und wie es funktioniert

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Der Teilzeit-Chef: Warum Unternehmen das Undenkbare wagen müssen - und wie es funktioniert

  • Nur noch wenige junge Menschen peilen eine Führungsposition in der Karriere an

  • Denn die ist immer noch mit einer schlechten Work-Life-Balance verbunden

  • Unternehmen sollten umdenken, sagt die Expertin Ursula Vranken. Sonst könnten sie bald massive Probleme bekommen

Immer im Dienst, immer erreichbar, immer da. In etwa so sieht das traditionelle Bild eines Chefs aus. Es geht nichts unter einer 60-Stunden-Woche. Delegiert, entscheidet, hat Verantwortung, coacht seine Mitarbeiter.

Mit Work-Life-Balance oder einer guten Vereinbarkeit von Familie und Beruf hat das klassische Führungsmodell allerdings reichlich wenig zu tun.

Und wird unter anderem deshalb immer unbeliebter.

Denn den Preis wollen nur noch wenige junge Menschen zahlen. Laut einer Studie des Personalvermittlers Manpower vom November vergangenen Jahres wollen nur noch 13 Prozent der Millennials (Jahrgänge 1982 bis 1996) überhaupt einmal in ihrer Karriere eine Führungsposition übernehmen.

Wenn Unternehmen also in Zukunft nicht auf Chefs verzichten wollen, müssen sie umdenken - sonst werden sie massive Probleme bekommen, ihre Stellen zu besetzen.

Ein mögliches neues Modell ist Führung in Teilzeit. Väter und Mütter hätten mehr Zeit für den Nachwuchs, beide Elternteile könnten arbeiten.

Doch noch ist das für die meisten Unternehmen unvorstellbar. Eine Studie des Fraunhofer-Instituts von 2015 hat ergeben, dass nur 2,5 Prozent der Führungskräfte in Deutschland in Teilzeit arbeiten - wenig verwunderlich, hauptsächlich Frauen.

"Veraltetes Weltbild ist schuld"

Für viele Unternehmen, so sagt Studien-Autorin Josephine Hofmann sei Führung in Teilzeit schlicht nicht vorstellbar. Es überwiege eine “Das-geht-auf-keinen-Fall-Mentalität”.

“Natürlich geht Führung in Teilzeit - wer behauptet, das gehe nicht, will an alten Zöpfen festhalten”, sagt Personalberaterin Ursula Vranken von der Personalagentur IPA der HuffPost.

“Das Problem entsteht aus einem veralteten Weltbild heraus, einer Logik, die besagt, Führung habe etwas mit Anwesenheit zu tun.” In Wahrheit habe das Chef-Sein jedoch viel mehr mit Delegation und vor allem Vertrauen zu tun, sagt Vranken.

“Wenn man sich den Alltag vieler Führungskräfte anschaut, führen die meisten in Teilzeit – die Zeit, in der sie sich wirklich mit Mitarbeitern beschäftigen, beträgt oft weniger als 30 Prozent”, sagt Franken. Den Rest der Zeit würden sie mit Firmenpolitik, Meetings, Dienstreisen oder Fachaufgaben verbringen. Etwas, das durchaus nicht jede Führungskraft machen muss.

Tandem-Modell oder weniger Arbeitsstunden?

Dass das durchaus funktionieren kann, zeigen insbesondere Beispiele aus der öffentlichen Verwaltung. So arbeiteten 2015 laut Bundesregierung im Justizministerium zum Beispiel 23 Prozent der Führungskräfte in Teilzeit.

Vorstellbar sind zwei Modelle: die Arbeitsstunden zu reduzieren oder die Stelle auf zwei Personen aufzuteilen. Tandem-Modell nennt sich das.

Bei einer Stundenreduzierung wird die Anzahl der Stunden der Führungskraft reduziert. Vranken ist der Meinung, 20 Stunden seien zu wenig, eine Reduktion auf 30 Stunden sei aber bei den meisten Führungskräften auf jeden Fall machbar.

Mehr zum Thema: Die Alles-ist-möglich-Lüge: Wieso Familie und Beruf sich nicht vereinbaren lassen

Das Tandem-Modell sieht vor, die Vollzeitstelle - im Optimalfall - auf zwei 50-Prozent-Stellen aufzuteilen. In der Realität lasse sich das jedoch schlechter regeln, sagt Vranken. Denn: Je mehr Stellen, desto höher die Personalkosten für ein Unternehmen - besonders für Mittelständler sei das nur schwer zu stemmen.

Neue Mitarbeiter sind teuer

Natürlich mag es kurzfristig oft einfacher erscheinen, eine Führungsposition neu zu besetzen, anstatt eine Regelung für eine Teilzeit-Besetzung zu finden. Denn: “Führung in Teilzeit benötigt eine gute Abstimmung und Kommunikation im Team”, sagt Vranken. Auch eine gute Planung von Anfang an ist wichtig.

Aber: Es ist sehr teuer, neue Mitarbeiter einzuarbeiten und zu integrieren. Jemand muss den Mitarbeiter einweisen - in dieser Zeit bezahlt das Unternehmen also den Neuling und den Erfahrenen. Es entstehen Kosten für Vorstellungsgespräche und die Suche nach neuen Mitarbeitern.

Ein Drittel der neuen Mitarbeiter werfen außerdem innerhalb des ersten Jahres wieder hin.Im teuersten Falle handelt es sich bei diesen Kosten um das Doppelte des ersten Jahresgehalts. Bei Führungskräften also um einen beträchtlichen Teil.

Noch nicht eingerechnet sind die Kosten, die das Unternehmen bereits in die Entwicklung der Führungskraft, die nun ausscheidet - gesteckt hat.

"Nicht nur ein Frauenthema"

Kurz: Unternehmen stellen sich selber ein Bein - und verschenken wahnsinnig viel Potenzial - wenn sich die Einstellung zur Führung nicht ändert.

“Wenn Unternehmen Führung in Teilzeit anbieten, dann ist das für sie ein absoluter Vorteil”, sagt Vranken. “Denn immer mehr gute Experten verzichten auf eine Führungsposition - der Preis ist ihnen unter den heutigen Umständen viel zu hoch.”

Außerdem, so stellt die Heinrich-Böckler-Stiftung in einer Studie aus dem vergangenen Jahr fest, spricht noch ein gewichtiges Argument für Fürhung in Teilzeit: Es wird nur zu schaffen sein, mehr Frauen auf Chefsessel zu bekommen, wenn sie diesen auch nur die Hälfte der Woche besetzen können.

Mehr zum Thema: Eine Karriere-Beraterin sagt Frauen, wann sie Kinder bekommen sollen - die Antwort macht fassungslos

Allerdings dürfe das Thema nicht nur aus der weiblichen Sicht gedacht werden, warnt Vranken. “Es ist fatal, das Thema Führung in Teilzeit nur als Frauenthema zu sehen. Es muss für Männer und Frauen eine Option sein.”

Nur so schaffe man den dringend benötigten Paradigmenwechsel, den sich zunehmend auch Väter wünschen.

Es laufe alles auf eines hinaus: “Unternehmen sind dazu gezwungen, sich neue Führungs-Modelle zu überlegen. Sonst können sie bald massive Probleme bekommen. Momentan ist die Bereitschaft allerdings noch sehr gering.”

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(sk)