Ex-Minister Varoufakis sicher: Merkel und Schäuble haben bei der Griechenlandrettung das eigene Volk belogen

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  • Der griechische Ex-Finanzminister Varoufakis ist sicher: Kanzlerin Merkel und Finanzminister Schäuble haben über den Zweck des Griechenland-Geldes gelogen
  • Die vielen Milliarden seien nicht Griechenland zu Gute gekommen - sondern deutschen und französischen Banken
  • Im Video oben: Schäuble und Varoufakis waren sich näher, als alle dachten – sagt Varoufakis

256 Milliarden - so viel Geld hat die Rettung des griechischen Staates vor dem Bankrott bisher gekostet. Den Großteil davon haben die Staaten der Europäischen Union gezahlt.

Insgesamt drei Rettungspakete für Griechenland wurden bisher verabschiedet. Im Gegenzug hat die griechische Regierung drakonische Sparmaßnahmen beschlossen und versprochen - unter anderem sollen 2019 noch einmal die ohnehin hohen Steuern erhöht und die ohnehin niedrigen Renten gesenkt werden.

Griechenlands ehemaliger Finanzminister Yanis Varoufakis argumentiert deshalb immer wieder, dass das eigentliche Ziel der Milliardenkredite für Griechenland nicht die Rettung der Griechen gewesen sei, sondern die der großen europäischen Banken.

In einem Interview mit der ARD-Sendung "Titel, Thesen, Temperamente" ("ttt") behauptete der umstrittene Politiker nun sogar: Kanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble seien sich dessen mehr als bewusst gewesen - und hätten das eigene Volk belogen.

Varoufakis: "Merkel achtete auf jeden Pfennig, jeden Euro"

Varoufakis macht den beiden deutschen Politikern jedoch nicht einmal Vorwürfe. Er sagt vielmehr, sie seien von den Ereignissen der Finanzkrise überrascht worden.

"Als der große Zusammenbruch des Finanzsektors stattfand, entdeckte die deutsche Regierung bald zu ihrem Entsetzen, dass die Deutsche Bank und alle anderen deutschen Banken 'kaputt' waren", sagte Varoufakis im Gespräch mit "ttt". Über Nacht und in nur 24 Stunden habe Bundesrepublik dann den Banken 500 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt, um diese zu retten.

Angela Merkel sei davon geschockt gewesen, habe sie doch als konservative Politikerin "auf jeden Pfennig, jeden Euro" geachtet. Den Milliardenkrediten habe sie zugestimmt, weil ihr Stab ihr erklärt habe, dass die Geldautomaten sonst kein Geld mehr ausspucken würden.

"Und dann wurde ihr ein paar Monate später gesagt, sie brauche noch ein paar hundert Milliarden mehr, weil der griechische Staat bankrott ginge", sagte Varoufakis. "Dieselben Banken würden wieder Konkurs gehen, wenn der griechische Zahlungsausfall nicht abgewendet werden würde."

Also habe es ein zweites Rettungspaket gegeben, für deutsche und französische Banken, "getarnt als ein Akt der Solidarität mit Griechenland." Hier liegt für Varoufakis das Problem: Er glaubt, Merkel und Schäuble hätten öffentlich zugeben müssen, dass die Finanzhilfen für Griechenland vielmehr Finanzhilfen für die europäischen Großbanken seien.

Das dies nicht geschehen sei, stellt er als zynisch dar.

Varoufakis: "Merkel und Schäuble hätten zugeben müssen, dass sie gelogen haben"

"Das ist wie in Macbeth von Shakespeare", erklärte Varoufakis im Interview. Wer einmal ein Verbrechen gegen die Logik begehe, der begehe auch ein zweites oder drittes, um die erste Lüge zu vertuschen.

Für Merkel und Schäuble hätte es nur eine Alternative gegeben: "Sie hätten vor dem Bundestag und ihren christ-demokratischen Mitgliedern des Parlaments zugeben müssen, dass sie in der Vergangenheit gelogen haben." Nämlich darüber, dass es eben kein Rettungspaket für Griechenland gab, sondern für Banken in Paris, Frankfurt und Berlin.

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Varoufakis räumte ein, dass kein Politiker so etwas tun würde, wenn es sich vermeiden ließe. Er betonte, dass er Merkel und Schäuble ihr Handeln nicht vorwirft - auch, wenn er sich von ihnen mehr europäische Führungsstärke gewünscht habe.

Stattdessen sagte der Ex-Minister Griechenlands über das Rettungspakete der EU: "Ich werfe unserer Regierung vor, dass sie es unterschrieben hat. Wären wir standhafter gewesen, hätten wir den deutschen Bürgern in die Augen gesehen und gesagt: 'Sie zwingen uns, mehr von eurem Geld zu nehmen, um vorzutäuschen, dass wir nicht bankrott sind. (...) Wir werden das nicht tun. Helft uns!"

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(lm)