Der Missbrauchs-Skandal des Republikaners Roy Moore zeigt, wie verdorben die Demokratie in den USA inzwischen ist

Veröffentlicht: Aktualisiert:
ROY MOORE
Fünf Frauen werden dem Politiker Roy Moore vor, sie belästigt oder missbraucht zu haben, als sie minderjährig waren | Getty
Drucken
  • Dem US-Politiker Roy Moore wird von fünf Frauen vorgeworfen, sie sexuell belästigt zu haben, als sie noch minderjährig waren
  • Der Republikaner aus Alabama bestreitet alle Anschuldigungen und erhält zudem Rückhalt aus der eigenen Partei
  • Selbst US-Präsident Donald Trump lässt Moore bisher gewähren - und sendet damit ein fatales Signal

"Er begann, mich zu begrapschen, seine Hände auf meine Brüste zu legen. Ich versuchte, die Autotür zu öffnen, aber er schloss die Tür ab, ich konnte nicht hinaus. Ich versuchte, ihn abzuwehren, schrie ihn an, aufzuhören. Doch statt aufzuhören packte er meinen Nacken und versuchte, meinen Kopf in seinen Schoss zu pressen."

Mit diesen Worten schilderte Beverly Young Nelson, wie der republikanische Politiker Roy Moore versucht habe, sie zu vergewaltigen.

Nelson konnte sich laut ihrer Aussage befreien. "Du bist nur ein Kind, und ich ein Staatsanwalt - niemand wird dir jemals glauben", habe Moore ihr noch gesagt.

Beverly Young Nelson war damals 16 Jahre alt. Sie ist eine von gleich fünf Frauen, die Roy Moore, dem radikalen Senatskandidaten aus Alabama, vorwerfen, sie als Minderjährige sexuell belästigt und missbraucht zu haben.

Anschuldigungen wie diese bedeuten eigentlich das Ende einer politischen Karriere. Doch in den Vereinigten Staaten regiert mit Donald Trump ein Präsident, dem ebenfalls 14 Frauen Belästigung und Missbrauch vorwerfen. Statt vor Gericht erscheint Roy Moore deshalb weiterhin auf Wahlkampfveranstaltungen.

Der Skandal um den Republikaner zeigt, wie verdorben die US-Demokratie inzwischen ist. Denn: Nicht nur bleibt Moore von den Vorwürfen gegen ihn bisher unbescholten - er erhält auch noch breite Unterstützung.

Trump stärkt Moore implizit den Rücken

Zwar fordern prominente Republikaner, wie der Senatschef Mitch McConnell, der Kongresschef Paul Ryan und der Justizminister Jeff Sessions Moore zum Rücktritt auf. Viele republikanische Senatoren fügten jedoch hinzu: "Wenn die Anschuldigungen stimmen". So formulierte es auch der US-Präsident höchstselbst: Moore solle zurücktreten, sollten sich die Vorwürfe gegen ihn als wahr herausstellen.

Implizit stärken Trump und einige Republikaner ihrem Mann in Alabama damit den Rücken. Die Wahl für den Senatssitz in dem Bundesstaat ist am 12. Dezember - kein Gericht der Welt könnte so schnell über die möglichen Vergehen Moores ein stichhaltiges Urteil fällen. Die Republikaner säen also Zweifel, sie versuchen, die Frauen zu diskreditieren, die Moore sexuelle Nötigung vorwerfen.

Welche absurden Ausmaße diese Taktik der Verharmlosung annimmt, lässt sich an einem Interview ablesen, das ein republikanischer Staatsbediensteter in der vergangenen Woche dem "Washington Examiner" gab.

Jim Ziegler spielte darin alle Anschuldigungen gegen Moore, sich an Minderjährigen vergriffen zu haben, mit einem absurden Vergleich herunter: "Nehmen sie Maria und Josef. Maria war ein Teenager, Josef ein erwachsender Schreiner. Und sie wurden die Eltern von Jesus."

Moore, Bannon und das "Breitbart"-Imperium

So abwegig diese Argumente der etablierten Republikaner wirken mögen, im Vergleich zu der Hetzkampagne der rechtsextremen Kräfte innerhalb der Partei und den USA, die hinter Moores Kandidatur und Wahlkampf stehen, sind sie harmlos.

Steve Bannon, der ominöse Ex-Berater von Donald Trump und Vorstandsvorsitzende der rechten Nachrichtenseite "Breitbart News", bezeichnete die Anschuldigungen gegen Moore in seiner Radiosendung als Kampagne der Demokraten: "Wisst ihr, warum sie Moore zerstören wollen? Sie wollen ihn zerstören, weil er für euch eintritt. Egal, ob es Donald Trump, Roy Moore oder 'Breitbart News' sind, sie führen einen totalen Krieg."

Bannon drohte: "Wisst ihr, wie wir antworten werden? Wir werden sagen: Versucht euer Bestes. Wir sind im Krieg."

Mehr zum Thema: Sie haben geholfen, Trump ins Amt zu heben - das ist das neue Ziel ultrarechter Medien in den USA

Was Bannon als solchen versteht, wurde am Wochenende schnell deutlich. Zwei "Breitbart"-Reporter reisten in den Heimatort von Leigh Corfman. Die Frau hatte Roy Moore in der "Washington Post" beschuldigt, er habe sie sexuell bedrängt, als sie 14 Jahre alt war.

Dass die Mutter Corfmans den Reportern berichtete, ihre Tochter habe gar kein eigenes Telefon gehabt, auf dem Moore sie habe anrufen können (so wie es die "Washington Post" berichtet hatte), feierte "Breitbart" wie einen Freispruch Moores.

Auch die Aussage von Corfmans Mutter, die Journalisten der "Washington Post" hätten ihre Tochter überzeugt, sich gegen Moore zu äußern, wertete "Breitbart" als Zeichen der Manipulation und liberalen Hetze.

In einem weiteren Artikel präsentierte "Breitbart" eine Umfrage, nach der Moore 10 Prozentpunkte vor seinem demokratischen Kontrahenten Doug Jones läge. Dass die Umfrage am selben Tag gemacht wurde, als die ersten Berichte über Moores mutmaßliche sexuelle Vergehen erschienen - diese also nicht in die Bewertung der Wähler einfließen konnten - erwähnte "Breitbart" erst am Ende des Artikels.

Die Verrohung der US-amerikanischen Sitten

Trotz aller Bemühungen wird es für die Republikaner und die sie vor sich her treibende Anti-Establishment Bewegung unter Steve Bannon schwierig, Moore noch in den US-Senat zu retten. Zwar zeigt sich in Alabama in Umfragen und Interviews, dass die Anhänger von Roy Moore weiter hinter im stehen. Doch der Druck der Demokraten und aus der Bevölkerung könnte sich insgesamt als zu groß erweisen.

Im Weißen Haus wurde laut der "New York Times" bereits hinter vorgehaltener Hand darüber diskutiert, Moore abzusetzen und durch Finanzminister Jeff Sessions zu ersetzen. Dieser hatte den Senatssitz in Alabama inne, bevor er Justizminister wurde.

Dennoch, ob Moore seinen Missbrauchs-Skandal überstehen wird oder nicht, spielt kaum noch eine Rolle.

Die zögerliche bis verharmlosende Reaktion der Republikaner auf die heftigen Anschuldigungen von gleich fünf Frauen hat gezeigt, dass Moral und Anstand in der Partei keine Rolle mehr spielen. Der bigotte US-Präsident Trump hat die Messlatte der akzeptablen Widerlichkeiten in der US-Politik ins Bodenlose gesenkt.

Für das ganze Land hat das fatale Konsequenzen.

Das Magazin "The Atlantic" fasste diese in einem Artikel über Roy Moore treffend zusammen: "Wenn sich die Republikaner nicht dazu überwinden können, ihre Parteiinteressen beiseite zu lassen und einen hasserfüllten Mann zu verurteilen, den sie selbst verabscheuen und gegen den es mehrere offizielle Anschuldigungen wegen sexueller Nötigung von Minderjährigen gibt - welches Verhalten und welche Kandidaten könnten sie in Zukunft dann überhaupt noch ablehnen?"

Anders formuliert: Wenn Männer wie Trump und Moore die Macht in den USA ergreifen dürfen, welche Zukunft steht den Vereinigten Staaten dann bevor? Eines steht fest: Sie wird düster und verdorben sein.

Mehr über Donald Trumps Chaos-Präsidentschaft:
Was alle wissen sollten, die glauben, dass Donald Trump bald des Amtes enthoben wird
Trump profitiert von der starken US-Wirtschaft - doch diese 6 Fakten sollten dem US-Präsidenten Sorge bereiten
Trump ist eine Zumutung. Aber was nach ihm kommen könnte, wäre noch schlimmer
Donald Trump will die USA spalten - mit dieser perfiden Taktik will er sein Ziel erreichen
Sonderermittler Robert Mueller: 5 Dinge, die ihr über den Mann wissen solltet, der Donald Trump zu Fall bringen könnte
Trumps Eleven: Das sind die wichtigsten Verdächtigen in der Russland-Affäre

Korrektur anregen