Verkehrswende: Wie Hamburg-Eimsbüttel in wenigen Jahren zu einem Vorbild für ganz Deutschland geworden ist

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HAMBURG BIKE
Wie eine Einkaufstraße in Hamburg zum Pionier des Klimaschutzes wurde | piola666 via Getty Images
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  • Die Stadt Hamburg soll Fahrradstadt werden
  • Ein Bauprojekt im Stadtteil Eimsbüttel zeigt, wie es gelingen könnte
  • Als Vorbild für die Umgestaltung dient die dänische Hauptstadt Kopenhagen

In Hamburg soll Schluss sein mit dem Motorenbrummen.

Die Hansestadt will Autos Schritt für Schritt aus der Stadt verbannen: In den kommenden zehn Jahren will die rot-grüne Landesregierung die Anzahl der Autofahrer in der Stadt beträchtlich verringern. So ist es in ihrem Koalitionsvertrag festgehalten.

Doch statt mit Fahrverboten wollen die Hamburger vor allem auf anderem Wege für die Verkehrswende sorgen. So bemüht sich die Politik seit einiger Zeit, mehr Anreiz zu schaffen, damit Touristen die Stadt öfter zu Fuß oder mit dem Fahrrad erkunden und Einheimische Strukturen vorfinden, in denen sie kein Auto brauchen.

Einfach ist das in einer Millionenstadt wie Hamburg beileibe nicht.

Doch an einem Ort zeigt sich schon jetzt, dass die autofreie Stadt keine ferne Zukunftsutopie ist: im Herzen des Stadtteils Eimsbüttel, der Osterstraße. Die Einkaufsmeile, in der sich Stuckfassade an Stuckfassade reiht, ist besonders beliebt bei jungen Familien, Studenten und Alternativen.

Und schon heute auch: bei Auto-Verzichtern.

Hamburger Regierung will Anteil der Fahrradfahrer auf 25 Prozent erhöhen

Ein Jahr hatten die klimafreundlichen Umbaumaßnahmen gedauert. Ein Jahr, in dem die Anwohner von Betonmischern und Presslufthämmern geweckt wurden, teilweise auch am Wochenende. Am 5. November war der Umbau offiziell abgeschlossen. Das Ergebnis ist ansehnlich.

Die Gehwege sind breiter als normal, Passanten haben die Möglichkeit, auf langen geschwungenen Holzbänken Platz zu nehmen und können sich an den bepflanzten Blumeninseln am Gehweg erfreuen.

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Die umgebauten breiten Fahrradwege

Wer mit dem Fahrrad in die Osterstraße kommt, kann dies auf einem eigenen Fahrstreifen tun und sein Rad während des Besuchs an einem der zahlreichen neuen Stellbügel anschließen. Bei Bedarf lassen sich die Reifen an einer der neu integrierten Pumpstationen auffüllen.

“Die jetzige Lösung ist eine klare Verbesserung gegenüber früher”, sagt Dirk Lau vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad Club (ADFC). Der Umbau zeige, wie es mit mutigen Planungsansätzen gelingen kann, Straßenräume in Hamburg deutlich aufzuwerten und eine “Boulevardatmosphäre” zu schaffen.

Die Hamburger Regierung hofft, durch die Umbaumaßnahmen den Anteil der Fahrradfahrer in der Stadt von 12 auf 25 Prozent zu erhöhen.

Wer kein eigenes Fahrrad besitzt, weil die Anschaffung zu teuer erscheint, oder er nur vorübergehend in Hamburg ist, kann eine der vielen Leihradstationen benutzen. An jeder größeren Kreuzung rund um die Osterstraße können Stadträder der Deutschen Bahn AG ausgeliehen werden.

Stadtplaner: "Autofahren muss unattraktiver werden"

Für eine wirkliche Verkehrswende reicht es jedoch nicht aus, das Fahrradfahren attraktiver zu gestalten, sagt der dänische Stadtplaner Jan Gehl der HuffPost. Er hat die Verkehrswende in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen rund 50 Jahre lang mitgestaltet und dort eine Vorbildmetropole für Europa geschaffen.

“Man muss das Autofahren gleichzeitig weniger attraktiv machen, indem man zum Beispiel Tempolimits einführt, oder die Fahrbahn verschmälert", erklärt Gehl.

In der Osterstraße sind im Zuge der Umbaumaßnahmen rund 100 Parkgelegenheiten weggefallen. Durch die Einzeichnung der Radspur wie auch die Verbreiterung der Gehwege ist die Fahrbahn außerdem verschmälert worden. Eine Verringerung des Tempolimits auf 30 Stundenkilometer blieb trotz Forderungen bislang aus.

Der ADFC bedauert dies. Es käme häufig zu Situationen, in denen sich vor allem “ungeübte oder noch unsichere Radfahrer von Autofahrern genötigt fühlen”, erklärt Dirk Lau. Zumal die Radspur noch immer vergleichsweise schmal sei und der Sicherheitsabstand von 1,5 Metern zwischen Autos und Fahrrädern nicht immer eingehalten würde.

Statt eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 30 km/h einzuführen, habe man sich darauf konzentriert, “den KFZ-Verkehr baulich zu verlangsamen”, erklärt der verkehrspolitische Sprecher der Grünen Bezirksfraktion, Fabian Klabunde.

So wurde die stark befahrene Kreuzung Osterstraße / Methfesselstraße durch einen Kreisverkehr ersetzt, an dessen Ausfahrten jeweils ein Zebrastreifen eingerichtet wurde.

Längere Verkehrsinseln in der Mitte der Fahrbahn erleichtern das Überqueren der Straße für Fußgänger und Fahrradfahrer zusätzlich und unterbrechen dadurch den Verkehrsfluss.

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Fahrradständer am neu gebauten Kreisverkehr Osterstraße Ecke Methfesselstraße

“In der Osterstraße wurde ein großer Schritt in Richtung menschenfreundlicher, nachhaltiger Verkehr gemacht”, findet Fabian Klabunde. “Man kann sich jetzt zügiger und sicherer mit dem Rad und zu Fuß durch den Straßenzug bewegen, deswegen werden mehr Menschen auf diesem Weg in die Osterstraße kommen.”

Mehr zum Thema: "Copenhagenize!": Jan Gehl will die Städte den Fahrradfahrern und Fußgängern zurückgeben

“Wenn wir viele Umbauten wie in der Osterstraße verwirklichen, werden wir den Anteil der nachhaltigen Fortbewegungsformen steigern”, ist sich Klabunde sicher.

Vorbild Kopenhagen

In der dänischen Hauptstadt Kopenhagen, die als Vorbild für die Umgestaltung der Osterstraße und weiterer Stadtteile Hamburgs dient, ist der Plan jedenfalls bereits aufgegangen: Das Fahrrad hat das Auto inzwischen als Fortbewegungsmittel Nummer eins abgelöst.

60 Prozent der Kopenhagener fahren mit dem Rad zur Arbeit, in die Schule oder zur Universität.

Das wirkt sich positiv auf das Klima aus: Seit 1995 konnte die skandinavische Metropole ihren CO2- Ausstoß halbieren.

Und das ist nicht die einzige positive Auswirkung: Stadtplaner Jan Gehl sieht in der Umgestaltung des öffentlichen Raums in erster Linie eine Verbesserung der Lebensqualität.

“In Kopenhagen beobachten wir seit Jahren eine Wiederauferstehung einer Kultur des öffentlichen Lebens”, erzählt Gehl. “Die Menschen erleben die Stadt wieder viel bewusster und ziehen sich nicht unmittelbar nach Feierabend in ihre eigenen vier Wände zurück.”

Das habe auch einen positiven Effekt auf das Miteinander. “An öffentlichen Plätzen kommen verschiedene Menschen zusammen. Das ist wichtig für die soziale Inklusion”, sagt der Stadtplaner.

Durch Umbaumaßnahmen wie die in der Osterstraße, gelingt es der Hamburger Regierung vielleicht ebenso, die Stadt an Fußgänger und Fahrradfahrer zurückgegeben und so dem Leben der Hamburger zu einer neuen Blüte zu verhelfen.

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