Der 8-Stunden-Tag ist ein Relikt aus dem vergangenen Jahrhundert - 3 gute Gründe, warum wir ihn abschaffen sollten

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Arbeitnehmer würden von einer Flexibilisierung der Arbeitszeit profitieren | Morsa Images via Getty Images
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  • Die Jamaika-Verhandler wollen die Arbeitszeit in Deutschland flexibilisieren
  • Gegen das Vorhaben formiert sich heftiger Widerstand
  • Dabei ist eine Neuregelung längst überfällig

Dass ein Gesetz von 1918 knapp 100 Jahre später noch für Diskussionen sorgt, ist eher ungewöhnlich. Aber genau das erleben wir beim Arbeitszeitgesetz, das in Deutschland den 8-Stunden-Tag bis heute zementiert.

Es ist ein Gesetz aus dem Telegraphenzeitalter, einer Zeit, in der ein Großteil der Menschen in Fabriken oder noch auf Feldern gearbeitet haben. Aber ist ein solches Gesetz angesichts der Herausforderungen der digitalen Revolution noch zeitgemäß ist?

Nein, meinen dabei zum Beispiel die Sondierer, die für Union, FPD und Grüne derzeit eine Jamaika-Koalition ausloten. Sie wollen das Arbeitszeitgesetz in der nächsten Legislatur reformieren. Endlich.

”Vorstellung ist veraltet”

Zuletzt forderte der Wirtschaftsweise Christoph Schmidt eine Flexibilisierung der Arbeitszeit. Er sagte der “Welt am Sonntag”:

"Firmen, die in unserer neuen digitalisierten Welt bestehen wollen, müssen agil sein und schnell ihre Teams zusammenrufen können. Die Vorstellung, dass man morgens im Büro den Arbeitstag beginnt und mit dem Verlassen der Firma beendet, ist veraltet."

Die Reaktionen auf Schmidts Vorstoß waren heftig.

Der Berliner "Tagesspiegel" warnte am Montag, dass mit dem "Ende des Normarbeitstages ein Grundpfeiler der Republik wegbricht". Die Zeitung sieht nicht weniger als den gesellschaftlichen Frieden in Gefahr.

Anschlag auf die Arbeitnehmerrechte?

Linken-Fraktionschefin Sahra Wagenknecht sprach wiederum von einem "Schlag ins Gesicht aller Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer".

Und auch die Gewerkschaften wittern einen Anschlag auf die Arbeitnehmerrechte. Ihre Furcht: Massenhaft unbezahlte Mehrarbeit. Für sie ist Flexibilisierung nur ein anderes Wort für Ausbeutung.

Das sind harte Worte - aber sind sie angemessen?

Der Ökonom Oliver Stettes vom Institut der Deutschen Wirtschaft Köln (IW) empfiehlt einen nüchternen Blick auf die Debatte. Denn der zeige: Nicht nur Unternehmen würden von einem neuen Arbeitszeitgesetz profitieren, sondern auch die Angestellten.

"In einer Wirtschaft, die weltumspannend ist, macht es für viele Unternehmen keinen Sinn, ihre Mitarbeiter starr von Nine-to-Five einzusetzen", stellt er fest.

Nur interessiert sich in der aktuellen Debatte niemand wirklich für die Vorlieben der Mitarbeiter.

Deutschland ist im internationalen Vergleich ein Exot

Alternative Arbeitszeitmodelle, in denen die Mitarbeiter am Vormittag zum Beispiel ein paar Stunden am Schreibtisch sitzen und dann noch einmal am Abend vom Home Office aus arbeiteten, seien für die neue Wirtschaftswelt viel passender, wenn die beruflichen Anforderungen dies erlauben, sagt Stettes.

Das Arbeitszeitgesetz in Deutschland geht mit der gesetzlichen Regelung einer täglichen Höchstarbeitszeit sogar noch über die europäische Arbeitszeitrichtlinie hinaus, sagt Stettes.

Deutschland ist mit seinen starren Arbeitszeiten im Internationalen Vergleich ein Exot - der den Unternehmern und ihren Angestellten schadet.

Die Gründe für ein neues Modell

Stettes sieht vor allem drei Vorteile flexiblerer Arbeitszeiten:

Viele Angestellte wollen mehr zeitliche Souveränität, um private und berufliche Verpflichtungen besser ausbalancieren zu können - zum Beispiel bereits am Vormittag oder am Nachmittag sich mehr um ihre Kinder oder Eltern kümmern und die Arbeitszeit am Abend nachholen.

Ein solches Modell ist mit der aktuellen Regelung kaum möglich.

Auch Guido Zander, Geschäftsführender Partner bei der Personal- und Arbeitszeitagentur SSZ-Beratung, erklärt in einem Gastbeitrag für die HuffPost:

“Ein- und dieselbe Person hat in unterschiedlichen Lebensphasen wie zum Beispiel als ungebundener Single, als Elternteil mit kleinen Kindern oder als Elternteil mit erwachsenen Kindern ganz andere Möglichkeiten in Punkto Flexibilität.”

"Zudem ist das Arbeiten im Home Office oftmals souveräner als im Büro", sagt Stettes. Bedeutet: Die Arbeitszeit lasse sich besser selbst einteilen.

Diesen Vorteil sieht auch Zander. Er sagt: "Es gibt diverse Studien, die bestätigen, dass Beschäftigte, die ihre Arbeitszeit selbst bestimmen können, zufriedener sind als solche, bei denen die Arbeitszeit vom Betrieb vorgegeben wird."

Das bestätigt auch Jan Eppers. Der Geschäftsführer der Berliner Kommunikationsagentur Frische Fische hat in seinem Unternehmen im Februar 2015 die Vier-Tage-Woche eingeführt.

Die Mitarbeiter können sich seitdem aussuchen ob sie weiterhin das klassische "fünf Tage à acht Stunden"-Konzept wollen - oder ob sie lieber vier Tage die Woche arbeiten. Dafür dann zehn Stunden pro Tag bei gleichem Gehalt.

"Trotz zehn Stunden Arbeit am Stück konnte ich bisher noch nicht feststellen, dass es zu Fehlern meiner Mitarbeiter gekommen ist", schreibt er in einem Beitrag für die "Zeit". "Im Gegenteil: Es fördert die Selbstverantwortung der Kollegen und ermöglicht bessere Resultate."

Starre, hohe Abeitszeiten schrecken die Jungen ab

Einen weiteren Vorteil sieht Stettes darin, dass die Unternehmen bei flexibleren Arbeitsgesetzen besser auf die Wünsche der Arbeitnehmer eingehen könnten.

Ein möglicher Nebeneffekt, wie Fabian Kienbaum, Chef der gleichnamigen Personalberatung, sagt: “Mehr junge Menschen, die sich aktuell bewusst gegen eine Karriere als Führungskraft entscheiden, könnten für einen solchen Karriereweg gewonnen werden.”

Auch hier könnte eine Flexibilisierung helfen, mehr junge Menschen für Führungspositionen zu begeistern. Aktuell schrecken sie starre und sehr hohe Arbeitszeiten ab.

Zu all diesen Vorteilen kommt ein letzter: Die Unternehmen in Deutschland suchen händeringend Arbeitskräfte.

Arbeitszeitmodelle jenseits von Voll- und Teilzeit anbieten zu können, könnte vor allem viele Mütter und Väter dazu bringen, sich doch für einen Job neben der Kinderbetreuung zu entscheiden.

Anschlag auf die Arbeitnehmerrechte?

Wie eine Alternative zum aktuellen Modell aussehen könnte, erklärt Arbeitszeitberater Zander:

"Es wäre doch ausreichend vorzugeben, dass innerhalb einer Woche eine Kapazität von 38 Stunden benötigt wird. Ob man dann montags 8,5 oder 7 Stunden arbeitet und um 7:30 Uhr oder um 9:30 Uhr startet, ist für die Zielerreichung sekundär, solange die erforderliche Wochenarbeitszeit produktiv erbracht wird."

Tatsächlich erlaubt das EU-Recht aktuell schon eine solche Wochenarbeitszeit. Die liegt aber nicht bei 38 Stunden, wie Zander vorschlägt, sondern bei 48 Stunden.

Eine Hürde für flexiblere Arbeitszeiten müsse die Höhe der Wochenarbeitszeit aber nicht sein, sagt IW-Forscher Stettes.

Ein möglicher Kompromiss: “Tarifparteien können regeln, in welchen Bereichen eine flexible Arbeitszeit möglich sein soll und in welchen nicht, das ist dann Verhandlungssache.” Ebenso wie die Wochenarbeitszeit.

Am Ende könnte so ein Modell sogar für die Gewerkschaften attraktiv sein.

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