"Ich habe immer vor der Arbeit geweint": Wie sexuelle Belästigung mich zur Kündigung getrieben hat

Veröffentlicht: Aktualisiert:
ABUSE JOB
11 Prozent der Frauen zwischen 25 und 39 Jahren wollen ihren Job wegen sexueller Belästigung aufgeben, können es aber nicht - wegen finanziellem Risiko | olaser via Getty Images
Drucken
  • Viele Frauen haben das Gefühl, sich an niemanden wenden zu können, wenn sie sexuell belästigt werden - besonders, wenn das am Arbeitsplatz passiert
  • Zwei Frauen berichten, wie sie sexuelle Belästigung zur Kündigung getrieben hat
  • Eine Expertin erklärt, was betroffene Frauen tun können, um in ihrem Job zu bleiben

Von Hollywood bis Westminster, von Immobilienbüros zu Restaurantküchen - seit dem Skandal um den Regisseur Harvey Weinstein tauchen jeden Tag immer mehr Geschichten über sexuelle Belästigung auf - am Arbeitsplatz und darüber hinaus.

Aber was passiert mit den Frauen, die das Gefühl haben, dass sie sich an niemanden wenden können? Manche Frauen berichten sogar davon, entlassen worden zu sein, weil sie sich bei ihren Vorgesetzten beschwerten?

Die HuffPost UK hat mit Frauen gesprochen, die aufgrund sexueller Belästigung ihren Job aufgeben mussten. Eine Expertin erklärt, was Betroffene gegen die Sorge über Schikane und das Abrutschen in die Opferrolle machen können.

Sarah hatte keine andere Wahl als zu kündigen

Sarah* war 16 Jahre alt, als sie das erste Mal sexuelle Belästigung bei der Arbeit erfahren musste. Sie arbeitete in einem kleinen Laden - der Besitzer, ungefähr 30 Jahre alt, fand zu viel Gefallen an ihr.

“Er fing an mich zu berühren, in kürzester Zeit. Er fasste mich an, wenn ich an ihm vorbei lief, er drückte sich eng an mir vorbei - eines Tages versuchte er mich zu küssen", erzählt sie.

Mehr zum Thema: Ich wollte nur einen Job - ich bekam ihn, inklusive sexueller Belästigung

“Er legte meine Schichten so, dass wir die einzigen zwei Menschen im Laden waren. Ich wusste nicht, was ich machen sollte - er war schließlich mein Chef. Aus meiner Sicht war er die Autoritätsperson, also dachte ich, ich kann nichts sagen.” Sarah, inzwischen 50 Jahre alt, sagt, sie hatte keine andere Wahl gehabt, als ihre Kündigung einzureichen.

“Ich fühlte mich schrecklich, denn wenn du jung bist, hast du so viel vor. ‘Ich werde dies machen und dann werde ich das machen’ denkt man dann. Danach dachte ich aber nur noch: ‘Meine Güte, wenn ich für jemand anderen arbeite, wird das dann immer so sein?’”

In der Gastronomie ist sexuelle Belästigung überdurchschnittlich hoch

Sarah bemerkte durch dieses Erlebnis eine Veränderung bei sich: “Ich denke, dieser Vorfall ließ mich mehr auf mein Umfeld achten und mir wurde bewusst, wie Menschen handeln und wie sich eventuell benehmen könnten."

Und selbst als Sarah älter wurde, dachte sie, sie müsse solche Dinge einfach aushalten, denn “im Verkauf ist das einfach so mit der sexuellen Belästigung”.

In einem Bericht des “Trade Union Congress”(TUC) aus dem vergangenen Jahr gaben durchschnittlich 52 Prozent der Frauen an, schon einmal eine Form der sexuellen Belästigung am Arbeitsplatz erlebt zu haben. In bestimmten Branchen ist der Anteil aber deutlich höher. In der Gastronomie sind es beispielsweise 67 Prozent.

Sarah arbeitete in ihren 20ern mit Kunden aus der Gastronomie, als sie in London als Verkäuferin angestellt war.

Viele der Kommentare der Kunden, denen sie begegnete, ließen sie “unwohl” und “eingeschüchtert” fühlen. Die männlichen Kunden sagten Dinge wie: “Schau dir mal die an”, “Sie ist wirklich heiß, deswegen hab ich dich hierhin mitgenommen.”

"Ich fühlte mich so schrecklich schuldig"

“Ich kam zu dem Punkt, an dem man einfach erwartet und akzeptiert, dass man schmutzige Kommentare bekommt”, sagt sie.

Eines Tages wurde es ernster, als sie für ein Meeting mit einem neuen Kunden verabredet war. Er schloss die Tür des Ladens ab und versuchte sie zu küssen.

“Innerhalb von zehn Minuten war er plötzlich über mir, versuchte mich zu küssen, egal wie und ich versuchte, mich von ihm los zu kämpfen”, erinnert sich Sarah. “Ein Teil von mir fühlte sich schrecklich schuldig, weil ich dachte, ich hätte mich niemals in diese Lage bringen dürfen.”

Sie schaffte es, sich aus der Situation zu befreien und meldete den Vorfall der Polizei. Der Mann wurde dennoch nicht weiter strafrechtlich verfolgt.

Es war ein finanzielles Risiko, zu kündigen

Als Sarah 40 Jahre alt war, drückte sich der Besitzer des Betriebs in dem sie arbeitete, bei jeder Gelegenheit so nah wie möglich an sie - und fragte sie, ob sie nicht eine Affäre mit ihm anfangen möchte.

“Meine Ehe war erst seit sechs Monaten vorbei und ich war unglaublich verletzbar. Dieser komplett unangebrachte Kommentar fühlte sich an, wie damals mit 16, ich wusste einfach nicht, was ich machen sollte", sagt sie der HuffPost.

Zu diesem Zeitpunkt war Sarah alleinerziehende Mutter - und damit eigentlich finanziell abhängig von ihrem Job. Doch sie sah nur die Kündigung als Ausweg: “Ich musste kündigen, ich fühlte mich furchtbar. Ich fühlte mich einfach schrecklich.”

Sie habe nicht gewusst, an wen sie sich mit einer Beschwerde in solchen Fällen wenden könnte, sagt Sarah. Besonders in den Fällen, in die der Unternehmensleiter verwickelt war.

Im Grunde genommen habe sie keine andere Wahl gehabt, wegen dieser Männer ihre jeweilige Arbeit zu kündigen: “Es macht mich wütend. Es ist unfair, dass sie jemanden in so eine Lage bringen, nur weil sie ihre Macht demonstrieren können. Das ist doch das einzige, worum es ihnen dabei geht.”

Viele Frauen wollen kündigen - aber können nicht

Scarlet Harris, Frauenbeauftragte bei TUC, sagt, dass einige Frauen ihre Jobs nicht kündigen können, da sie sonst keine finanzielle Absicherung mehr haben.

“Es ist wichtig hervorzuheben, dass viele Frauen ihre Arbeit nicht aufgeben - und das, obwohl sich sich nicht sicher fühlen oder sogar schon diskriminiert und belästigt wurden. Es ist eine finanzielle Notwendigkeit für sie.” sagt Harris gegenüber der HuffPost UK.

scarlet harris

Scarlet Harris, Frauenbeauftrage der TUC (Foto: TUC)

Die Umfrage der TUC ergab auch, dass elf Prozent der Frauen zwischen 25 und 39 Jahren ihren Job wegen sexueller Belästigung aufgeben wollen, es aber nicht können - wegen dem finanziellen Risiko oder anderen Faktoren.

Mehr zum Thema: Eine 18-Jährige fragt einen Geschäftsmann nach Karriere-Tipps - seine Reaktion ist abscheulich

Das Handeln der Firma war beinahe schlimmer als das des Täters

Joy* war Anfang 40 als sie ihren Job als Maklerin bei einem Immobilienbüro in London verlor. Sie glaubt, dass ihre Beschwerde wegen sexueller Belästigung im Büro einige Wochen zuvor der Grund für ihre Entlassung war.

Die Beschwerde reichte sie ein, nach dem ein männlicher Manager des Büros sie eines Tages für ein Gespräch in einen kleinen Raum bat.

“Als wir dann alleine in diesem Raum standen umarmte er meinen Schrittbereich und dann hielt er mein Gesicht fest und küsste meine Wangen. Der Kerl war riesig, etwa 1,98 Meter groß", sagte sie.

Obwohl sie die Handlungen des Vorgesetzen “unwohl” fühlen ließen, sagt sie: “Das Vorgehen der Firma war viel schlimmer.”

Es war ein komplettes Machtspiel für ihn

Denn in der Firma habe es ein “sehr altes Männer-Netzwerk” gegeben. Sie sorgte sich, dass besagter Manager “Zugriff" auf alle jungen Makler hätten - die meisten davon Frauen.

“Er kam einfach ins Büro und betatschte jede junge Maklerin neben mir und gab ihnen Küsse auf jede Wange und ich dachte nur, er würde einfach in jedes Büro der Firma laufen und genau das bei jeder Frau machen - mit der Ausrede einfach nur freundlich zu sein”, erinnerte sie sich.

Sie glaubt, dass seine Taten gegenüber Frauen in den Büros ein "komplettes Machtspiel" waren. Also ging sie mit der Angelegenheit zu den Leitern der Firma. Sie garantierten ihr, dass sie nie wieder alleine mit ihm in einem Raum sein würde.

Als sie gefragt wurde, ob sie nun zufrieden sei, sagte sie ja - inzwischen glaubt sie, dass genau diese Aussage sie wehrlos machte.

Der Vorfall hinterlässt Spuren

"Das Meeting war nicht ganz zufriedenstellend, aber ich dachte es wäre unangemessen es nicht zu akzeptieren", sagt Joy rückblickend. "Die Chefs sagten, er würde nie wieder mit mir alleine sein. Darüber konnte ich mich nicht wirklich beschweren - zumindest dachte ich das."

"Ich hätte nach mehr Zusicherung fragen sollen. Er hätte in einen Kurs oder etwas ähnliches geschickt werden sollen. Das hätte ihn eingestehen lassen, dass er nicht einfach rumlaufen und Menschen antatschen kann."

Drei Wochen nach der Beschwerde wurde Joy entlassen. Sie vermutet, dass diese zwei Dinge, die Beschwerde und die Entlassung, miteinander verknüpft sind - aber sie war erst seit weniger als einem Jahr angestellt. Sie fühlte sich nicht in der Lage, diese Entscheidung anzufechten.

"Ich hatte einen guten Ruf", sagt Joy. "Mir hat zunächst niemand geglaubt, als ich sagte, ich wurde entlassen. Denn ich hatte mich an meinem Arbeitsplatz immer richtig verhalten."

Obwohl sie einen anderen Job in einem anderen Immobilienbüro fand, hat der Vorfall seine Spuren hinterlassen und ihr Selbstvertrauen geschwächt.

Frauen werden zum Opfer wenn sie sexuelle Belästigung melden

Über sechs Monate hinweg brach sie jeden Sonntag in Tränen aus, weil sie wusste, sie muss am nächsten Tag zur Arbeiten.

“Ich hatte ständig Angst, für ein Gespräch mit dem Chef ins Hinterzimmer gerufen und dann ohne Grund entlassen zu werden. Dabei ist das so irrational”, fügt sie hinzu.

“Ich fühlte mich nicht wie ein Opfer, als das passierte, denn ich bin stark, ich bin in einem bestimmten Alter. Aber es war die Reaktion der Firma die mich zum Opfer machte.”

Es passiert oft, dass Frauen zum Opfer werden, wenn sie sexuelle Belästigung melden.

Ein Bericht der TUC “Still a bit of a banter?” (Eng.: Ist das noch Spaß?”), der letztes Jahr veröffentlicht wurde, zeigt, dass es es immer noch häufig dazu kommt, dass sich Vorgesetzte unangemessen Verhalten. Sei es “die Frau, die sich beschwert in eine andere Abteilung zu versetzen, ihre Aussage anzuzweifeln oder sogar Schikane und Abschiebung in die Opferrolle.”

Die Opferrolle kann sich in verschiedenen Formen zeigen. Eine Frau, die ihren Job verliert oder bei einer Promotion übergangen wird, bis zu einer Frau die plötzlich anders behandelt wird, nach dem sie eine Beschwerde eingereicht hat.

Frauen müssen in einem sicheren Rahmen angehört werden

Harris erklärt, dass ungerechte Behandlung dann auftreten kann, wenn eine Frau sich über sexuelle Belästigung beschwert - das aber laut Meinung der Vorgesetzten nicht hätte tun sollen.

“Frauen sollten Vorfälle voller Zuversicht melden können, ohne in eine Opferrolle fallen zu müssen und mit dem Wissen, dass ihr Vorgesetzter und die Personalstelle eingreifen wird.”

Mehr zum Thema: Ich wurde in der Bahn sexuell belästigt - hört auf, mir zu sagen, dass ich selbst schuld daran bin

“Ich denke, das wir wirklich sicher gehen müssen, dass Frauen beschützt werden und dass sie wirklich eine Beschwerde einreichen können, ohne Angst haben zu müssen, damit ihrer Karriere zu ruinieren - oder ihre Beziehungen am Arbeitsplatz. Sie müssen einfach fair behandelt werden”, sagt Harris.

Was zu tun ist, wenn man belästigt wird

Harris hat eine Liste für Frauen erstellt, die sexueller Belästigung ausgesetzt sind:

Was zu tun ist, wenn man Opfer sexueller Belästigung wird:

Aufschreiben, was passiert (ist) - entweder eine Art Tagebuch oder Kopien von Online-Schrifverkehr festhalten
Über Arbeitnehmerrechte informieren - zum Beispiel beim Deutschen Gewerkschaftsbund
Sich jemandem anvertrauen - bei der Personalstelle oder einem Freund
Im Handbuch für Angestellte nach dem weiteren Vorgang in der Firma nachsehen
Mit dem Gewerkschaftsvertreter sprechen
Wenn man kein Gewerkschaftsmitglied ist, beitreten
Sobald sexuelle Belästigung sträflich wird, sofort die Polizei kontaktieren

“Lass dich von der Schikane nicht aufhalten”, fügte Harris hinzu. “Das Recht ist auf deiner Seite und es ist wichtig, dass Frauen ihre Rechte kennen um sie zur Geltung bringen zu können.”

"Ich weiß nicht, ob sich etwas ändern wird"

Inzwischen ist Joy ihr eigener Chef. Sie führt ein Immobilienbüro, gemeinsam mit ihrem Ehemann in London. Was das Immobiliengeschäft betrifft, ist Joy trotzdem der Meinung, dass das Provisionsmodell in der Immobilienbranche für Vorgesetzte eine Möglichkeit bietet, die Situation auszunutzen.

“Ich denke, es ist diese Art von Beruf, der männlichen Vorgesetzten die Möglichkeit gibt, jemanden zu misshandeln, wenn sie das wollen - denn im Normalfall hat der Geschäftsführer schließlich das Sagen und entscheidet, wer Führungskraft wird und wer nicht", sagt sie.

Momentan ändere sich die traditionell männerdominierte Branche aber langsam, merkt Joy an. Vorsichtig fügt sie dennoch hinzu: “Mit der Vergütungsstruktur, dass man für die Anzahl der Aufträge bezahlt wird, steigt auch der Druck den Chef beeindrucken zu müssen. Von daher weiß ich nicht, wie sich da in Zukunft etwas ändern soll."

* Sarah und Joy möchten anonym bleiben, deshalb wurden die Namen von der Redaktion geändert.

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der HuffPost UK und wurde von Martina Zink aus dem Englischen übersetzt und bearbeitet.

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

(ks)

Korrektur anregen