Liberale Moschee in Berlin: Weiteres Gründungsmitglied verlässt Prestigeprojekt

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MOSQUE BERLIN ATES
Ates im Gespräch mit einem französischen, homosexuellen Imam | JOHN MACDOUGALL via Getty Images
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  • Das zweite Gründungsmitglied hat die liberale Berliner Moschee verlassen – offenbar im Streit
  • Der Fall deutet an, wie gespalten die Vorkämpfer des progressiven Islams sind

Die Gründung war ein Paukenschlag. Ein lautes Statement, begleitet von einem ganzen Konzert an Berichten: Im Sommer hat die bekannte Juristin, Frauenrechtlerin und Imamin Seyran Ates in Berlin ihre liberale Moschee eröffnet. Zusammen mit sechs weiteren Gesellschaftern.

Inzwischen hat wieder einer von ihnen, der zweite schon, der Moschee den Rücken gekehrt. Ganz leise: der Notarzt Akram Naasan.

"Die Moschee wird ihrem Auftrag als liberal nicht gerecht"

"Die Moschee war eine gute Sache, aber sie wird ihrem Auftrag als liberal nicht gerecht", sagte Naasan der HuffPost. Er habe sich in der Moschee engagiert, weil im heutigen Islam arabische, türkische oder persisch-schiitische Kräfte dominierten. "Ich wollte mich damit nicht identifizieren und eine Moschee aufbauen, die für einen deutschen Islam steht. Einen, der unseren Kindern Frieden beibringt, die deutsche Verfassung."

Konkret stört sich Naasan etwa daran, dass eine Veranstaltung über den muslimischen Aufklärer Said Nursi, nicht stattgefunden habe. Um zu verstehen, warum Naasan das so wichtig ist, muss man wissen, was der Arzt über Nursi erzählt:

1908, also zur Zeit des Osmanischen Reiches, habe Nursi gesagt, dass Kurdistan den christlichen Armeniern und Kurden gehöre, nicht den muslimischen Türken. Damals eine revolutionäre Haltung. Außerdem sei Nursi – nicht Kemal Atatürk - Vordenker der Trennung von Religion und Staat gewesen.

Nach dessen Tod habe die türkische Armee Nursis Leichnam gestohlen. Türkische Rechtsextremisten und die Gülen-Bewegung hätten Nursis Andenken instrumentalisiert und für ihre Zwecke umgedeutet.

Differenzen mit Ates

Naasan sagt, er habe mit der Veranstaltung wieder klar machen wollen, wofür Nursi wirklich gekämpft habe. "Und Frau Ates war erst begeistert, dann hieß es auf einmal Nein, machen wir doch nicht", sagte Naasan. Über die Gründe wolle er nicht spekulieren.

Spekuliert haben dagegen andere. Die türkische Religionsbehörde Diyanet hatte vor Monaten behauptet, die Moschee sei Teil eines Projekts der Gülen-Bewegung. Jener Bewegung also, die die türkische Regierung für den Putschversuch 2016 verantwortlich macht. Jeder, der sich gegen die Regierung wendet, muss seither damit rechnen, als Gülen-Anhänger verfolgt zu werden.

Ates hat die Vorwürfe dementiert. "Wir haben mit denen Null zu tun", sagte Ates. "Wir sind denen viel zu progressiv, viel zu liberal."

Differenzen mit Ates

Marlene Löhr, die die Pressearbeit für die Moschee leitet, stellt den Austritt Naasans, der zwar sei einiger Zeit angekündigt, aber noch nicht formell vollzogen ist, etwas anders dar. Naasans sei es um die Kurdenfrage gegangen – er ist im kurdische Teil Syriens geboren.

Doch aus diesen politischen Themen habe sich die Moschee immer herausgehalten. Es sei keine Nursi-Veranstaltung geplant gewesen, vielmehr habe Naasan sich teure Veranstaltungen gewünscht, die sich die Moschee nicht habe leisten können.

Schon im Sommer war Mimoun Azizi, ebenfalls Arzt, unter höchst dubiosen Umständen aus der Moschee ausgetreten.

Das fatale Signal

Was auch immer bei ihm und Naasan vorgefallen sein mag: Der Streit zeigt, wie unendlich uneinig die progressive muslimische Szene ist, wie groß die Spannungen sind, in religiöser, kultureller, politischer Hinsicht.

Moschee-Sprecherin Löhr sagt der HuffPost, der neuerliche Austritt sei kein Problem für die Gemeinde. Naasan sei nach der Eröffnung kaum noch aktiv gewesen.

Das mag aus praktischer Sicht stimmen. Kritiker des liberalen Gedankens aber werden es als weiteren Beweis des Scheiterns verkaufen. Als Signal dafür, dass es liberale Kräfte nicht schaffen werden, ihre Ideen weiterzutragen. Es ist kein gutes Signal.

2017-09-04-1504512891-8209760-CopyofHuffPost.png Young Urban Muslims - das Sprachrohr für alle jungen Muslime, die keine Lust haben, dass immer nur über sie geredet wird.

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