Liebe Jamaika-Politiker: Tut endlich etwas gegen den Mietwahnsinn in unseren Städten!

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BERLIN SKYLINE
Die Skyline von Berlin | ullstein bild via Getty Images
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Liebe Jamaika-Politiker!

Deutschlands Immobilienmarkt ist ein Arschloch geworden. Angesichts drastisch steigender Mieten in den Großstädten bilden sich in den deutschen Metropolen jene Zwei-Klassen-Gesellschaften heraus, die Politiker seit Gründung der Bundesrepublik eigentlich immer versucht haben zu verhindern.

In Berlin zum Beispiel versuchen Zugezogene seit zwei Jahrzehnten, eine Wohnung "innerhalb des S-Bahnrings" zu bekommen. Das war lange Zeit auch kein Problem, und die Älteren wissen noch davon zu berichten, dass in Neukölln mal eine Drei-Zimmer-Wohnung mit Stuck an der Decke für 500 Euro warm zu haben war. Mittlerweile müssen Mieter mindestens das Doppelte auf den Tisch legen.

Der Staat hat auf ganzer Linie versagt

Aber das Problem sind nicht nur die Großstädte. Und es sind nicht nur die vergangenen Jahre, die dazu geführt haben, dass Wohnen ein immer kostspieligerer Teil unseres Lebens geworden ist.

Die Wahrheit ist, dass der Staat auf ganzer Linie dabei versagt hat, die Preisrallye einzudämmen.

Und überall in Deutschland leiden darunter Menschen, sofern sie nicht gerade in den sich langsam entvölkernden Regionen der ostdeutschen Peripherie auf Wohnungssuche sind.

Auf den Punkt gebracht hat das kürzlich ein SPD-Politiker, der bereits ab 1960 als Oberbürgermeister einer der größten deutschen Städte beobachten konnte, wie der Markt an den Bedürfnissen des Menschen vorbei funktioniert.

Die soziale Kluft im Land wächst

Hans-Jochen Vogel, mittlerweile 91 Jahre alt, ehemaliger Münchner OB und Bauminister unter Bundeskanzler Willy Brandt, glaubt, dass steigende Baulandpreise ein genauso großes Problem für die Zukunft der Menschen in Deutschland sind wie die Folgen des Klimawandels.

Vogel forderte den neuen Bundestag auf, Gesetze zu beschließen, um die Spekulation mit Grundeigentum einzudämmen.

"Ich tue das aus Sorge, dass wir die Dinge weiter treiben lassen und damit die soziale Kluft in unserem Lande noch weiter verbreitern", so der ehemalige SPD-Kanzlerkandidat in einem Gastbeitrag für die "Süddeutsche Zeitung".

Der Erwerb von Grundeigentum ist die Voraussetzung, um Wohneigentum schaffen zu können. Vogel kritisiert, dass die Kosten dafür in den vergangenen 55 Jahren weit stärker gestiegen seien als die übrigen Lebenshaltungskosten. Und damit trifft er einen wunden Punkt.

Überproportionale Preissteigerung seit 1962

Nimmt man die Daten des Statistischen Bundesamts zu den Kaufwerten von Bauland zum Maßstab, dann lässt sich tatsächlich eine überproportionale Preissteigerung seit 1962 feststellen.

Die Kosten für baureifes Land sind in der alten Bundesrepublik bis 1991 binnen 29 Jahren um 845 Prozent gestiegen – von 7,58 Euro pro Quadratmeter auf 64,12 Euro pro Quadratmeter. Darin enthalten sind auch Baulandpreise auf dem Land – wir sprechen hier also nicht nur von den Städten.

Mehr zum Thema: Die Zahl der Obdachlosen steigt dramatisch - so reagieren deutsche Städte

Auch nach der Wiedervereinigung hielt dieser Trend an, wenngleich er sich (wohl auch wegen der niedrigen Immobilienpreise in der ostdeutschen Provinz) ein wenig verlangsamt hat. In den 25 Jahren seit 1992 sind die Kosten für baureifes Land um 311 Prozent gestiegen. Zum Vergleich: Im selben Zeitraum haben die Verbraucherpreise nur um knapp 50 Prozent angezogen.

Mit anderen Worten: Was uns jetzt als offensichtlicher Missstand ins Auge fällt, hat seine Wurzeln bereits in den goldenen Jahren der alten Bundesrepublik. Und wenn man Vogel Glauben schenken darf, sind in den vergangenen 50 Jahren sämtliche Versuche gescheitert, diese Entwicklung aufzuhalten.

Die schlechte Nachricht: Vor allem in den Großstädten hat sich der Trend in letzter Zeit noch beschleunigt. Wie der "Spiegel" im vergangenen Jahr berichtete ...

...zogen die Preise für Bauland in Berlin innerhalb des Berliner S-Bahn-Rings innerhalb nur eines Jahres um 50 Prozent an!

In München, Hamburg und Stuttgart stiegen die Preise zwischen 10 und 20 Prozent.

Die Folge: In Berlin wurden 2015 22.000 Bauvorhaben genehmigt, nur 12.500 wurden fertiggestellt.

Der "Spiegel" kommentierte damals: "Verantwortlich für die Preisexplosion ist unter anderem das Verhalten der Eigentümer: Sie halten ihre Grundstücke zurück und treiben so die Preise in die Höhe." Dieses Verhalten wird auch als Spekulation bezeichnet.

"Eigentum verpflichtet"

"Ich sträube mich dagegen, dass das Gemeinwohl auf diesem Gebiet vor der Macht des Marktes kapituliert", schreibt Vogel in seinem Gastbeitrag. Und eigentlich, liebe Jamaika-Sondierer, sollte das ein Weckruf für Euch sein.

Die Immobilienpreise in Deutschland sind eines der dringendsten Probleme. Bisher spielt es bei Euren Verhandlungen jedoch kaum eine Rolle.

Warum eigentlich?

Was die soziale Marktwirtschaft in Deutschland einmal ausgezeichnet hat, war ein Gefühl der gegenseitigen Verantwortung füreinander. Im Grundgesetz etwa wird das Recht auf Privateigentum gewährleistet – gleichzeitig heißt es jedoch dort auch, dass "Eigentum verpflichtet".

Dem gegenüber stehen die Renditeerwartungen von Immobilieninvestoren, die mittlerweile nicht mehr nur in den Großstädten ihr Unwesen treiben.

Was verpflichtet einen Fondsmanager eigentlich noch zur Verantwortung gegenüber der Gesellschaft, wenn die Anleger von ihm nichts weiter als Profite einfordern?

Hier müsste der Staat aktiv werden. Denn Grunderwerb kann nicht genauso behandelt werden wie der Handel mit Schrauben oder mit Dübeln.

Wer über Mietpreise spricht, muss beim Erwerb von Bauland anfangen. Eine neue Koalition, die wirklich etwas auf dem Weg bringen möchte, sollte sich nicht vor diesem Thema drücken.

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