"Werft eure Schminke weg!" - der Rat einer Soziologin zeigt, was bei Feministinnen falsch läuft

Veröffentlicht: Aktualisiert:
FEMINAZI
Der Rat einer Soziologin zeigt, was bei Feministinnen falsch läuft (Symbolbild) | getty images
Drucken
  • Eine Soziologin rät allen Frauen, ihre Schminke und High Heels wegzuwerfen
  • Nur dadurch könnte die Gleichberechtigung angeblich endlich funktionieren
  • Ihre Argumente zeigen nur Eines: Dass die Autorin das eigentliche Problem nicht verstanden hat

Es klingt wie eine Satire oder der Befehl einer Nonne aus dem neunzehnten Jahrhundert: Eine Frau rät ihren Geschlechtsgenossinnen, ihre High Heels wegzuwerfen, sich nicht mehr zu schminken und keine körperbetonte Kleidung mehr zu tragen - und es ist ihr ernst damit.

Die Soziologin Barbara Kuchler wollte offensichtlich auch ihren Teil zur #MeToo-Debatte beitragen und hat bei "Zeit Online" einen fragwürdigen Text unter dem Titel "OhneMich" veröffentlicht.

Darin beschreibt sie das eigentliche Problem unserer Gesellschaft, das sie meint, erkannt zu haben. "Ein kurzer Griff" oder "ein markiger Spruch" von Männern sind ihrer Meinung nach nur die Oberfläche eines tiefergehenden Problems - dem Umstand, dass wir Frauen unserem Aussehen eine zu hohe Bedeutung verleihen würden.

Frauen würden freizügig ihre Reize zur Schau stellen, kritisiert Kuchler.

"Mädchen tragen Hotpants, Businessfrauen figurbetonte Kostüme und glänzende Strumpfhosen, feiernde Frauen im Nachtleben sind durchgestylt vom Scheitel bis zur Sohle", schreibt sie - und verlangt, dass wir Frauen aus diesem Muster "ausbrechen".

Die Autorin hat auch noch ein weltfremdes Männerbild

Die #MeToo-Debatte müsse sich ihrer Ansicht nach zu einer "#OhneMich-Debatte" weiterentwickeln. Mit #OhneMich meint die Autorin vor allem: ohne Schminke, enge Kleidung und High Heels. Sie verlangt, dass Frauen nicht mehr für ihr Aussehen tun sollen "als der durchschnittliche Mann".

Oder, schreibt sie, Männer müssten sich ebenso schön machen. Im Umkehrschluss könnte man der Autorin also unterstellen: Sie will selbst eigentlich nur halbnackte Männer sehen.

Mehr zum Thema: Brief an den verunsicherten Mann

"Frauen – findet ihr es nicht ungerecht, dass uns dieser Aufwand an Zeit, Geld und Lebensenergie abverlangt wird und den Männern nicht?", fragt die Autorin.

Dabei gibt es durchaus auch Männer, die sehr viel Wert auf ihr Äußeres legen und nicht nur "irgendeine Hose, irgendeine Jacke und irgendwelche Schuhe" tragen, wie die Autorin behauptet. Auch Männer gehen mittlerweile oft ins Kosmetik-Studio, rasieren sich - und zwar an mehr Stellen als nur im Gesicht -, gehen zum Friseur, färben sich die Haare, schminken sich manchmal sogar oder lackieren ihre Nägel, gehen ins Solarium und tragen körperbetonte Kleidung.

Sieht so aus, als hätte die Autorin nicht nur ein weltfremdes Frauen-, sondern auch ein mindestens ebenso weltfremdes Männerbild.

Die Autorin stellt Frauen wie willenlose Püppchen dar

Gar von einer "Doppelbelastung, ähnlich wie die von Karriere und Kind" spricht die Autorin. Als sei das morgendliche Schminken mit einem Kind vergleichbar. Natürlich stecken Frauen durchschnittlich sicher mehr Zeit und Geld in ihr Äußeres als Männer - das mit einem Kind zu vergleichen ist aber reichlich absurd.

Zugegeben: In einigen Punkten hat die Autorin Recht. Es wird kleinen Mädchen oft unbewusst anerzogen, dass hübsch auszusehen wichtig ist. Weil gerade kleine Mädchen nun einmal oft von anderen Menschen dafür gelobt werden, wenn sie niedlich oder hübsch aussehen. Und allein schon, weil sie das Schminken und Zurechtmachen von ihrer Mutter übernehmen.

Doch die Autorin übertreibt maßlos, tut gar so, als sei das Schminken ein innerer Zwang, dem wir Frauen uns ergeben müssen. Damit macht sie alle Frauen zu willenlosen, von den Männern abhängigen Püppchen.

Ihre Forderungen bringen die #MeToo-Debatte in Verruf

"Erzählt mir nicht, dass es keine Energie kostet, dass das Schminken morgens 'ganz schnell geht', das Klamottenkaufen nebenbei passiert und ja sowieso 'Spaß macht', und dass man sich 'gern' für abends schick macht", schreibt die Autorin an alle Frauen gewandt.

Wenn die Autorin keinen Spaß an derartigen Dingen hat, ist das ja schön und gut und ihre Sache - aber deshalb muss sie nicht gleich behaupten, dass es allen Frauen so geht. Viele Frauen kaufen nun mal gerne Klamotten und machen sich gerne schick - genauso wie viele Männer. Und was ist auch schlimm daran?

Gute Kleidung und ein gepflegtes Äußeres sind auch ein Zeichen von Respekt an sein Umfeld. Aber das ist der Autorin offenbar fremd.

Mit ihren Ratschlägen, unsere High Heels "auf den Müll zu werfen" und unsere Schminke zu verbannen, bringt Kuchler die ganze #MeToo-Debatte in Verruf. Eine höchst wichtige Debatte über Gewalt und Diskriminierung gegenüber Frauen missbraucht sie, um mit ihrem Frauenbild abzurechnen.

Wir Frauen sind selbst schuld, wenn wir uns schön machen

Aber natürlich wäre diese Soziologin keine gut Soziologin, wenn sie nicht auch die Verteidigung ihrer Geschlechtsgenossinnen vorweg nehmen würde. Frauen würden bestimmt argumentieren, dass sie sich auch für sich selbst schön machen würden, schreibt Kuchler. Das findet die Autorin aber naiv. "Gut aussehen" sei per Definition schon etwas, dass man für andere tue.

Überdramatisch schreibt die Autorin: "Wer morgens vorm Spiegel den Eyeliner zückt, malt mit an der schönen Seite einer gesellschaftlichen Ordnung, deren hässliche Seite das Grapschen und Einsammeln von Frauen als Jagdtrophäe ist."

Und genau damit holt sie ein uraltes und überholtes Argument aus der Motten-Schublade: Dass viele Frauen nun einmal selbst schuld seien, wenn sie angemacht oder angefasst werden, wenn sie sich doch so aufreizend kleiden - auch wenn die Autorin sich von dieser Aussage distanzieren will. Ihr Satz klingt verdächtig danach.

Sie handelt nicht im Sinne der Frauen - sie bevormundet sie

Und es zeigt nur, was bei manchen Feministinnen immer noch falsch läuft. Sie glauben, im Sinne der Frauen zu handeln und für eine bessere Welt für Frauen zu kämpfen. Doch was sie eigentlich tun, ist, Frauen zu bevormunden. Sie sagen ihnen, was sie anziehen sollen, wie sie aussehen sollen - anstatt ihnen zu sagen: Zieht euch an, was ihr wollt (sofern es einigermaßen den gesellschaftlichen Konventionen entspricht) - ihr habt den Respekt der Männer verdient, unabhängig von eurem Aussehen.

"Furchtlose, Pionierinnen, Vorkämpferinnen: Erscheint an eurem Arbeitsplatz ungeschminkt, ungeschmückt und ungestylt", fordert Kuchler stattdessen. Als könnten Feministinnen nicht geschminkt, geschmückt und gestylt sein. Als würde uns das schwächer machen.

Mehr zum Thema: Liebe Männer, nur weil ich eine Feministin bin, bin ich keine Männerhasserin

Dabei ist es doch genau das, was auch einige Männer noch lernen müssen: Dass Frauen auch intelligent und stark sein können, wenn sie in einem Rüschchen-Kleidchen herumlaufen und zudem noch hellblonde Haare haben. Zu oft sind gerade solche Frauen noch mit Vorurteilen belastet.

Die Autorin hat etwas Wichtiges nicht verstanden

Es ist fraglich, ob die Soziologin nicht einem großen Denkfehler unterliegt. Sie verlangt, dass Frauen sich nicht in irgendeiner Art und Weise schmücken dürfen. Ihren Worten zufolge kommen Frauen offenbar am besten ungeschminkt in einem bodenlangen Kartoffelsack mit Stehkragen und Gesundheitslatschen ins Büro. Frauen, die auch ohne Schminke noch zu aufreizend aussehen, müssen sich wahrscheinlich eine Papier-Tüte über den Kopf ziehen. Sicher ist sicher.

Die Frau hat etwas sehr Wichtiges nicht verstanden: Frauen sollten sich nicht von Männern unterdrücken lassen, in keinerlei Hinsicht. Das bedeutet: auch nicht in Hinsicht auf ihre Kleidung. Ganz egal, wie eine Frau herumläuft - ob im knappen Kleidchen, in Jogginghose oder im Teddybären-Pullover: Männer müssen sie respektieren. Und sie hätten nicht einmal das Recht, eine Frau unsittlich zu berühren, wenn sie nackt vor ihnen sitzt.

Wir brauchen ein neues Verständnis von Feminismus

Vielleicht wäre mal eine ganz andere Denkweise empfehlenswert: Ist es nicht gerade ein Zeichen von Stärke und Selbstbewusstsein, wenn eine Frau nicht das Bedürfnis hat, sich dem öffentlichen Bild einer "taffen Frau" anzupassen und nur noch im Hosenanzug und strengem Dutt herumläuft, voller Angst, andernfalls nicht als gleichwertig angesehen zu werden?

Würde es dem Frauenbild nicht viel weiter helfen, wenn auch Frauen, die nicht so tun, als seien sie eigentlich Männer, als Respektpersonen gesehen werden?

Eines steht fest: Wir brauchen dringend einen neuen, moderneren Feminismus, der Frauen fördern will, ohne sie in Möchtegern-Männer oder geschlechtslose Wesen zu verwandeln.

Frauen wie Barbara Kuchler helfen dabei nicht. Diese Frauen tragen höchstens dazu bei, dass das uralte Vorurteil der Latzhosen- und langes Achselhaar-tragenden, Männer-hassenden Feministin noch lange bestehen bleibt - und lebenswichtigen Debatten ihre Ernsthaftigkeit genommen wird.

2017-07-23-1500833626-3203653-DerHuffPostWhatsAppNewsletter6.png
Die wichtigsten News des Tages direkt aufs Handy - meldet euch hier an.

(ks)

Korrektur anregen