Putin und Erdogan wollen Einigkeit beschwören – doch finden beim wichtigsten Thema nicht zusammen

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Putin und Erdogan wollen Einigkeit beschwören – doch finden beim wichtigsten Thema nicht zusammen | Sputnik Photo Agency / Reuters
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  • Erdogan und Putin haben bei einem Treffen ihre Partnerschaft betont
  • Bei ihrer Pressekonferenz wurde jedoch klar, wie weit die beiden Akteure beim Thema Syrien auseinander liegen
  • Dort droht die neue Freundschaft beider Länder wieder zu zerbrechen

Zwei Stunden und zehn Minuten dauerte ihr Gespräch. Dann wollten sie Einigkeit demonstrieren. Die Präsidenten aus Russland und der Türkei, Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan haben am Montagabend im russischen Sotschi alles gegeben, um sich als starke Partner zu präsentieren.

Doch dass ihre Freundschaft fragil ist, vermochten die Staatschefs nicht zu vertuschen. Sie scheiterten bei dem Versuch, über die offensichtlichen Differenzen bei der Syrienpolitik hinwegzutäuschen.

Während die Staatsmänner vor laufenden Kameras versuchten, möglichst wenig zu sagen, schoss Erdogan in einem Zeitungsinterview quer.

Putin: "Beziehungen sind ganz normal"

Eigentlich begann die Pressekonferenz am Abend für beide Staatschefs verheißungsvoll.

Wirtschaftlich, so viel war zumindest schnell sicher, ziehen Russland und die Türkei nach den Differenzen der Vergangenheit wieder an einem Strang.

Der türkische Präsident forderte ein, alle Sanktionen gegen die Türkei vollständig aufzuheben und die Visabeschränkungen für türkische Staatsbürger zu beenden. Wegen des Abschusses eines russischen Kampfjets durch die türkische Luftwaffe 2015 hatte Russland etwa die Einfuhr von Tomaten aus der Türkei verboten und weitere Sanktionen gegen das Land verhängt, darunter ein Einstellungsstopp türkischer Bürger durch russische Unternehmen.

Zuletzt hatte Russland aber nach fast zwei Jahren wieder den Import türkischer Tomaten erlaubt.

Putin sagte, sie hätten darüber gesprochen, weitere Beschränkungen zu beenden. Zudem sprachen sie über das geplante Atomkraftwerk Akkuyu in der Türkei, an dessen Bau der russische Konzern Rosatom beteiligt ist. Der erste Reaktor solle 2023 starten, sagte er.

“Unsere Beziehungen sind wieder ganz normal”, kommentierte Putin.

Beim größten Streit-Thema Syrien wurden die Differenzen der beiden Länder dann aber offenkundig. Und das, obwohl Erdogan und Putin alles gaben, um einen Minimal-Konsens als gemeinsame Vision zu verkaufen.

Weniger Konsens geht nicht

Putin und Erdogan sprachen sich für weitere Bemühungen um eine politische Lösung des Syrien-Konflikts aus. Weniger geht nicht.

Einen geplanten Kongress der Völker Syriens thematisierten die beiden Staatschefs in der Pressekonferenz nicht. Russland will auf diesem Kongress über eine Nachkriegsordnung für das in weiten Teilen zerstörte Land beraten lassen. Dazu soll allerdings auch die syrische Kurdenpartei PYD eingeladen werden, die von Ankara als Teil der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK bekämpft wird.

Auch Erdogans im Vorfeld geäußerte Kritik an Russland und den USA ihre Truppen aus Syrien abziehen, kam nicht zur Sprache.

Stattdessen forderte Putin von Erdogan – fast als sei dessen Kritik nicht in Moskau angekommen – sich der gemeinsamen Erklärung von Russland und den USA anzuschließen.

In dem Papier geht es unter anderem darum, die Terrormiliz Islamischer Staat endgültig zu besiegen und die syrische Souveränität zu wahren, sagte Putin. Russland und die USA hatten das Dokument am Rande des Apec-Gipfels in Vietnam am Wochenende aufgesetzt.

Erdogans Drohungen verhallen


Erdogan hatte gepoltert, wenn es für Syrien keine militärische Lösung gebe, wie es in dem Papier heiße, dann sollten Russland und die USA auch ihre Truppen von dort abziehen. "Ich habe Probleme zu verstehen, was diese Kommentare heißen sollen", sagte Erdogan demnach der "Hürriyet".

Ein Satz sinnbildlich für das geheuchelte Verständnis zwischen Ankara und Moskau.

In Syrien können die vermeintlichen Partner in den kommenden Monate zeigen, wie ernst es den beiden Ländern mit ihrer Freundschaft ist.

Mehr zum Thema: Erdogans Syrien-Pakt: Warum der türkische Präsident mit einem der gefährlichsten Terroristen zusammenarbeitet

Denn während Russland an der Seite Assads in der jüngeren Vergangenheit große Erfolge im Kampf um die staatliche Rückgewinnung von Gebieten verzeichnen konnte, ist Erdogan dabei, sich als Schutzmacht der sunnitischen Rebellen zu profilieren.

Jener Kämpfer, die alles für einen Sturz Assads tun würden.

Mit Material der dpa.

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(mf)

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