Iran, Saudi-Arabien, Israel: Wie drei Mächte um den Libanon streiten – und was bei einer Eskalation droht

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HISBOLLAH
Hisbollah-Kämpfer an der libanesisch-syrischen Grenze (Archivbild) | dpa
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  • Im Libanon droht ein neuer Stellvertreterkrieg zwischen Saudi-Arabien und dem Iran
  • Die HuffPost beantwortet die 5 wichtigsten Fragen über den Konflikt

Der Libanon ist seit Jahren ein Land auf der Kippe. Mehrere Bürgerkriege, instabile Regierungen, der große Einfluss der schiitischen Hisbollah-Miliz – und zuletzt die massive Flüchtlingskrise, während der mehr als eine Millionen Syrer in das kleine Mittelmeerland strömten.

Jetzt droht dem Libanon wieder einmal eine gewaltige Eskalation. Der Rücktritt des Ministerpräsidenten Saad Hariri am vergangenen Wochenende hat einen Kampf um die Machtverhältnisse in der Region neu eröffnet.

Einen Kampf, in dem neben Saudi-Arabien und dem Iran auch Israel mitzumischen scheint.

Wir haben die 5 derzeit brennendsten Fragen zum Libanon-Konflikt beantwortet.

1. Wieso ist Hariri zurückgetreten?

Hariri hatte am Wochenende von Saudi-Arabien aus seinen Rücktritt von der Spitze der libanesischen Koalitionsregierung angekündigt. Zugleich warf er der Hisbollah vor, Unruhe zu schüren.

Hariri sprach von einem Mord-Komplott gegen ihn.

Nach der Ankündigung kamen in Medien Gerüchte auf, der libanesische Premier stehe in Saudi-Arabien unter Hausarrest. Auch Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah beschuldigte die saudische Führung, Hariri festzuhalten. Die französische Regierung betonte jedoch, Hariri könne sich in Saudi-Arabien frei bewegen.

Dass er zum Rücktritt gedrängt wurde, scheint hingegen unzweifelhaft. Fast wirkte es, als habe der in Riad geborene Hariri seine Rücktrittserklärung, die er von einem Blatt ablas, noch nie zuvor gesehen.

Die Autorenschaft könnte bei Saudi-Arabien liegen: Riad erwartet von der libanesischen Regierung eine klare Haltung gegen die schiitische Miliz Hisbollah, die vom Iran unterstützt wird – und deren politischer Arm an der Regierung in Beirut beteiligt ist.

Die saudische Führung, so viel scheint sicher, glaubt nicht daran, dass Hariri der richtige Mann ist, den schiitischen Einfluss im Libanon einzudämmen.

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2. Was plant Saudi-Arabien?

Nahostexperte Heiko Wimmen glaubt, es gehe dem saudischen Kronprinz Mohammed bin Salmen auch darum, sich selbst im ideologischen Krieg gegen den Iran zu profilieren.

Der Thronfolger wolle zeigen, "dass er als Führungspersönlichkeit sozusagen den Ton angibt, dass er strategisch gegen Iran Stellung nimmt und damit dann natürlich sein eigenes Publikum zu Hause hinter sich scharrt", sagte Wimmen dem Deutschlandfunk am Samstag.

Dazu könnte im ersten Schritt gehören, den Druck auf die libanesische Regierung zu erhöhen. "Saudi-Arabien könnte eine Liste von Forderungen an die libanesische Regierung stellen, wie damals im Falle Katar", schrieb der Literaturwissenschaftler und Nahostkenner Elias Muhanna bei Twitter.

Eine Forderung könnte dabei sein, die Hisbollah dauerhaft aus der Regierung zu entfernen.

Wimmen glaubt, dabei könnte Saudi-Arabien ähnlich drastische Maßnahmen ergreifen wie bei der Katar-Krise, als Riad zusammen mit weiteren Golfstaaten einen vollständigen Wirtschaftsboykott durchsetzte.

Rund 350.000 Auslandslibanesen würden am Golf arbeiten. Jedes Jahr würden diese vier bis fünf Milliarden Dollar zurück nach Hause schicken – "und das wiederum sind etwa zehn Prozent des libanesischen Bruttosozialprodukts", sagte Nahost-Experte Wimmen.

Er betonte: "Wenn das abgeschnitten wird, wenn diese Transfers erst einmal gestoppt werden durch Maßnahmen der Banken vielleicht, wenn Leute ausgewiesen werden und ihre Aufenthaltsgenehmigung verlieren in Saudi-Arabien, (...) das ist ganz klar ein ökonomisches Problem."

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3. Was will der Iran?

Für den Iran ist der Libanon einer der wichtigsten Außenposten in der Region. Mit der Hisbollah kontrolliert Teheran nicht nur die militärisch stärkste Einheit des Landes, sondern auch die politisch einflussreichste.

Auch wenn die Hisbollah bei den Parlamentswahlen zu den schwächeren Parteien zählt, übt die Gruppe innerhalb der lokalen Strukturen des Libanons einen größeren Einfluss aus als alle anderen politischen Akteure.

Dadurch, dass die USA und Saudi-Arabien ihren Kurs gegenüber Teheran verschärfen, gerät das Land in der Region weiter unter Druck. Den Libanon wird man nicht kampflos aufgeben, so viel scheint sicher.

4. Wieso mischt sich Israel ein?

Der Libanon liegt in Israels unmittelbarer Nachbarschaft. Von der Konfrontation zwischen der Hisbollah und den Saudis erhofft sich Premierminister Benjamin Netanjahu offenbar einen Vorteil im Machtkampf in der Region.

Zum einen könnte der Einfluss des Erzfeindes, der Hisbollah, im Libanon nun zurückgedrängt werden. Zum anderen will Israel auch den Iran in die Schranken weisen.

In einem geleakten Telegramm instruierte Premierminister Netanjahu seine Diplomaten im Ausland, für die Unterstützung Saudi-Arabiens zu werben.

Der Rücktritt von Hariri habe deutlich gemacht, welches Sicherheitsrisiko der Iran und die Hisbollah für den Libanon darstellen würde, zitierte der arabische Nachrichtensender Al Jazeera aus dem Telegramm.

Zuletzt probte Israel im September den Ernstfall gegen die Hisbollah-Miliz, berichtete unter anderem "Spiegel Online". Die derzeitige Krise möchte das Land nun nutzen, seine Position gegenüber dem Nachbar zu verbessern.

5. Droht nun ein Krieg?

Vieles mag derzeit auf eine militärische Auseinandersetzung hindeuten. Experten halten die Wahrscheinlichkeit für einen Krieg im Nahen Osten allerdings für gering.

Zwar würden einige Beobachter bereits davon sprechen, dass die Gefahr einer militärischen Eskalation ansteige, sagte Sebastian Sons, Experte für Saudi-Arabien bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, kürzlich im Gespräch mit der HuffPost.

Allerdings könne er sich nicht vorstellen, "dass Saudi-Arabien tatsächlich ein Interesse daran hat, mit Iran militärisch aneinander zu geraten".

Auch Nahost-Experte Wimmen sah im Gespräch mit dem Deutschlandfunk keinen Krieg heraufziehen. "Im Libanon haben die Saudis, denke ich, keine militärische Option, da selber aktiv zu werden, das ist einfach geografisch zu weit weg", sagte er.

Zudem sei Saudi-Arabien bereits mit dem Krieg im Jemen beschäftigt, der seit zwei Jahren Geld und Ressourcen verschlingt, aber immer noch weit entfernt von einem Abschluss ist.

Auch Israel werde wohl nicht die Hisbollah im Libanon angreifen, glaubt Wimmen. Netanjahu sei zu sehr mit einer Korruptionsaffäre beschäftigt. Seine Empfindung sei, dass Israel dafür sorge, dass "andere diplomatischen Druck auf Hisbollah ausüben, Hisbollah vermitteln, dass es Grenzen gibt, wo es gefährlich wird".

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