7 Dinge, die Deutschland von Frankreichs Startup-Welt lernen kann

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7 Dinge, die Deutschland von Frankreichs Startup-Welt lernen kann | Stephane Mahe / Reuters
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  • Frankreich schickt sich an, Europas wichtigste Startup-Nation zu werden - und an Deutschland vorbeizuziehen
  • Bei entscheidenden Indikatoren hat das Nachbarland Deutschland tatsächlich schon überholt
  • Hier sind sieben Dinge, die Deutschland von Frankreich lernen kann

Deutschlands Wirtschaft geht es auf den ersten Blick fantastisch: Maschinen werden weltweit gekauft und bewundert, auf dem Arbeitsmarkt sieht es entsprechend gut aus, die Wirtschaft schwingt sich von Rekord zu Rekord.

Wenn es aber um die Zukunft geht, schauen junge Unternehmer, Politiker und Investoren auf einmal immer öfter auch nach Frankreich.

Das Nachbarland schickt sich an, Europas wichtigste Startup-Nation zu werden - und an Deutschland und Großbritannien vorbeizuziehen.

"Frankreich will zur wichtigsten Anlaufstelle für junge Unternehmer in Europa werden und dabei Deutschland den Rang ablaufen", sagt etwa Frank Baasner, Direktor des deutsch-französischen Instituts in Ludwigsburg, im Gespräch mit der HuffPost.

Bei entscheidenden Indikatoren hat Frankreich Deutschland tatsächlich schon überholt.

Im vergangenen Jahr wurde in Frankreich zum Beispiel erstmals mehr Risikokapital in Startups investiert als in Deutschland.

Das kommt nicht von ungefähr. Der Boom fußt auf Erfolgsgeschichten wie Blabla-Car, Europas größter Mitfahrzentrale. Oder jener von Station F in Paris, dem weltgrößten Startup-Campus. Ein wichtiger Faktor aber ist auch der neue französische Präsident Emmanuel Macron, der Frankreich wie ein junges Unternehmen führen möchte.

Hier sind sieben Dinge, die Deutschland von Frankreich lernen kann.

1. Frankreich hat einen jungen, technologiefreundlichen Präsidenten

Wer wissen will, was die französische Startup-Welt von der deutschen unterscheidet, muss im Élysée-Palast anfangen.

Es macht nunmal einen Unterschied für Investoren und Gründer, ob eine Regierung das Thema spröde angeht wie etwa Kanzlerin Angela Merkel oder so leidenschaftlich wie Macron.

Macron hatte sich schon als Wirtschaftsminister in die Startup-Welt eingearbeitet.

"Mein Job ist es, dass wir in den kommenden Jahren tausende neue Unternehmen gründen, die die alten ersetzen. Mein Job ist es, unseren Bürgern zu ermöglichen, innovativ zu sein und Risiken einzugehen", sagte er bereits damals.

Als Präsident verfolgt Macron das Thema nun weiter. "Frankreich muss denken, arbeiten und sich weiterentwickeln wie ein Startup", erklärte der junge Präsident mehrfach. Auch deshalb schuf er ein Digitalministerium.

Merkel hingegen fremdelt mit der Startup-Welt. Das Internet ist für sie zwar kein "Neuland" mehr. Man kann ihr auch nicht vorwerfen, dass sie sich nicht mit der Materie auskenne. Leidenschaft aber hat sie für das Thema nie erkennen lassen.

Man kann nur hoffen, dass sich das unter einer mögliche Jamaika-Koalition ändert, sonst wird Deutschland bald wieder der "kranke Mann Europas", wie der britische "Economist" die deutsche Wirtschaft noch nach der Jahrtausendwende beschrieb.

Mehr zum Thema: Macron will Frankreich den sozialistischen Geist der Vergangenheit austreiben - und Europa neu begründen

2. Macron lockt Gründer aus der ganzen Welt nach Frankreich

Als einer seiner ersten Amtshandlungen setzte Macron ein Tech-Visum auf - das sogenannte French-Tech-Ticket.

Es soll Gründer und Tech-Talente aus der ganzen Welt nach Frankreich locken, um das Land zu einer "Startup-Nation" zu machen. Diese Personen erhalten in sehr kurzer Zeit eine Aufenthaltsgenehmigung, staatliche Förderungen und Hilfe beim Umzug.

"Das French-Tech-Ticket könnte auch in Deutschland implementiert werden", sagt Erkan Kilicaslan vom deutschen Büro des Investors Iris Capital der HuffPost.

"Das würde ausländische Gründer ermutigen, ihr Startup in Deutschland zu gründen - besonders im Kontext des Brexit eine interessante Idee." Der EU-Ausstieg der Briten hat viele Gründer auf der Insel verunsichert.

3. Die Regierung unterstützt Gründer mit niedrigen Krediten und Arbeitslosenhilfe

Arbeitslose, die in Frankreich gründen wollen, erhalten drei Jahre finanzielle Unterstützung von der Regierung. In Deutschland fällt die Hilfe deutlich geringer aus.

Außerdem hat das Land ein gigantisches Kreditprogramm für junge Unternehmer aufgelegt.

Die staatliche Investmentbank Bpifrance gewährt Gründern etwa Kredite zu niedrigen Zinsen. Die Bank ist mit einer Milliarde Euro der größte Risikokapitalgeber im Land.

Von solchen Größenordnungen ist die deutsche KfW noch weit entfernt. Erst im Sommer kündigte sie an, ihr Investitionsvolumen auf 200 Millionen Euro bis 2020 steigern zu wollen.

Kürzlich kündigte Macron auch einen zehn Milliarden Euro schweren öffentlichen Fonds an, der Innovationen fördern soll, was auch Startups zugute käme.

Wie das Land junge Unternehmen unterstütze, “ist sehr, sehr krass”, sagt auch Tobias Eichenwald. Er hat das Berliner Hardware-Startup Senic gegründet, das eine Fernbedienung für das Smart Home baut.

Wenn er auf Elektronikmessen geht, seien dort maximal drei bis vier weitere Hardware-Startups aus Deutschland. "Aus Frankreich sind es hunderte!", sagt er.

Wer in Deutschland hingegen ein Hardware-Startup aufbauen wolle, "hat schlechte Karten", sagt er. Denn es sei hier ungleich schwerer, an Investoren zu kommen.

Der Großteil von Eichenwalds Geldgebern kommt deswegen aus dem Ausland. "Das ist eigentlich absurd in einem Land, das so stolz auf seine Maschinenbauertradition ist."

4. Gründer und Investoren sparen Steuern

Frankreichs hohe Steuern sind ein echtes Hindernis für Investoren und wachsende Startups. Zumindest aber am Anfang erhalten Gründer und Investoren massive Steuererleichterungen, wie es sie in Deutschland nicht gibt.

"Frankreich ist in den ersten zwei Jahren ein Steuerparadies für Startups", sagt Gil Doukhan von der französischen Investor-Firma Iris Capital im Gespräch mit der HuffPost.

Seit 2004 hat die Regierung so mehr als 1,17 Milliarden Euro an Steuererleichterungen für 6600 Startups gewährt. Junge, innovative Unternehmen zahlen so bis zu 30 Prozent weniger auf Gewinne.

"Das bildet ein Gegengewicht zu den sonst sehr hohen Steuern und Sozialabgaben in Frankreich", sagt Doukhan.

In Deutschland können Geldgeber, die in Startups investieren, seit 2016 immerhin Verluste steuerlich geltend machen.

5. In Paris steht der weltweit größte Startup-Campus

Frankreichs Zukunft soll nach dem Willen des Telekom-Milliardärs Xavier Niel im Südosten von Paris entstehen.

Hier eröffnete im Juni der weltgrößte Startup-Campus mit 1000 Unternehmen. Fast doppelt so viele Unternehmer hatten sich aus 50 Ländern beworben.

Selbst im Silicon Valley ist die Dichte junger Firmen geringer. "Der Campus symbolisiert Frankreichs Ambitionen, Europas Startup-Hauptstadt zu werden", schreibt etwa die "New York Times".

Die Station F erregt gar im Silicon Valley Aufmerksamkeit. Facebook und Amazon unterstützen den Campus. Und der Software-Gigant Microsoft zieht hier derzeit ein neues Startup für Künstliche Intelligenz hoch.

6. Für Franzosen ist es günstiger und einfacher, zu gründen

Unzählige Formulare, Behördengänge und undurchsichtige Auflagen: Gründen ist in Deutschland nicht vergnügungssteuerpflichtig.

In Frankreich haben es junge Unternehmer hingegen weitaus leichter, zeigen Zahlen der Doing-Business-Studie der Weltbank.

Demnach dauert es in Frankreich nur 3,5 Tage, ein Startup zu gründen. In Deutschland sind es hingegen 10,5 Tage. Auch die Kosten sind in Frankreich weitaus niedriger.

Während in Frankreich die Gründung von Unternehmen 0,7 Prozent des Pro-Kopf-Einkommens verschlingt, sind es in Deutschland fast zwei Prozent. Die Kosten umfassen "alle staatlichen Gebühren und Honorare für Beratungen, die üblicherweise in Anspruch genommen werden", heißt es in dem Ranking.

Kein Wunder, dass Frankreich beim "Starting Business"-Ranking der Weltbank auf Platz 27 kommt, während Deutschland erst auf dem 114. Rang steht.

7. Frankreich hat ein "Made in Germany" für Startups

Als "French Tech" treten französische Startups auf der ganzen Welt auf. In der Startup-Welt ist es das Label zu einem Qualitätsmerkmal geworden.

Mit Erfolg: Auf der CES in Las Vegas, der weltweit größten Messe für Consumer Electronics, waren die französischen Startups sowohl 2016 wie auch 2017 die größte ausländische Delegation.

Außerdem verleiht die Regierung französischen Städten und Regionen dieses Label, wenn sie besonders Startup-freundlich sind. So ist auch die Stadt Bordeaux, sonst eher für Rotwein bekannt, ein "French Tech".

Mehr zum Thema: BLOG: Der Ruf von Startups ist so schlecht wie nie, dabei wird die Szene jetzt erst richtig erfolgreich

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(ll)

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