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11/11/2017 18:17 CET | Aktualisiert 11/11/2017 18:41 CET

Journalist Yücel berichtet von der absurden Haft in der Türkei: "Ich muss den Strom selber bezahlen"

dpa
"Muss den Strom selber bezahlen": Inhaftierter Journalist Yücel über die absurden Zustände im türkischen Gefängnis

  • In einem Interview berichtet der in der Türkei inhaftierte "Welt"-Korrespondent Deniz Yücel von seinen teilweise absurden Haftbedingungen

  • Yücel wirft der türkischen Justiz bei seinem Prozess eine "Verschleppungstaktik" vor

Seit neun Monaten sitzt "Welt"-Korrespondent Deniz Yücel in der Türkei in Haft - ohne Anklageschrift. Seinen Humor hat der deutschtürkische Journalist bisher nicht verloren.

Davon zeugt ein Interview mit der Berliner "taz", das am Samstag erschien. Um Yücel befragen zu können, schickte die "taz" laut eigenen Angaben Fragen an den Anwalt Yücels, der diese dann weiterleitete.

Das so entstandene Gespräch gibt Einblick in die Absurditäten der türkischen Justiz - und in die Haftbedingungen von Yücel.

"Den Strom muss ich selber bezahlen"

Das Hochsicherheitsgefängnis Silviri Nr. 9, in dem Yücel derzeit inhaftiert ist, gleiche keinem Gefängnis aus einer US-Serie, schreibt Yücel. Es gebe keinen gemeinsamen Hofgang, keinen Wärter, der abends das Licht ausknipse. "Dafür muss ich den Strom selber bezahlen", sagt Yücel.

Einmal im Monat komme dafür die Rechnung. Seine Zelle sei nur spärlich eingerichtet, berichtet der Journalist weiter. "Wenn ich mir aus den wöchentlichen Einkäufen im Knastladen etwas Warmes zu essen zubereiten oder das Gefängnisessen aufbessern möchte, bleibt mir nur der Dampf aus dem Wasserkocher und ein Gurkenglas."

Yücel sitzt in Einzelhaft, fast völlig isoliert. Mit seinem Zellennachbarn unterhalte er sich brüllend "von Hof zu Hof". Sehen werde er den Mann nebenan wahrscheinlich nie.

Nach 100 Tagen hatte Yücel in einem Brief, der in der "Welt" erschien, davon berichtet, erstmals wieder den freien Himmel gesehen zu haben. Zuvor war ihm kein Sport im Freien erlaubt. Mittlerweile dürfe er für eine Stunde in der Woche auf den Sportplatz.

Aber selbst dort sei er weiterhin allein. "Vorteil: Ich verlasse den Platz stets als Sieger – könnte auch für den HSV oder die türkische Nationalmannschaft ein interessantes Modell sein", witzelt Yücel gegenüber der "taz".

"Isolationshaft ist Folter"

Yücel war im Februar in Polizeigewahrsam genommen worden, seitdem sitzt er in U-Haft. Das Gericht begründete das mit dem Verdacht der Terrorpropaganda und der Volksverhetzung. Eine Anklageschrift hat die Staatsanwaltschaft immer noch nicht vorgelegt.

Im Interview mit der "taz" scherzt Yücel selbst über diesen Umstand: Er wisse ja, warum er eingesperrt worden sei - "weil ich, so meine ich mir einbilden zu können, meinen Job als Journalist ordentlich gemacht habe."

Auch wenn sich Yücel im dem nun erschienenen Interview locker und humorvoll gibt: Der Türkei wirft er eine "Verschleppungstaktik" vor. Und sagt: "Isolationshaft ist Folter. Auch wenn ich eigentlich guter Dinge bin, kann ich nicht absehen, welche langfristigen Folgen das haben wird."

Mehr zum Thema: 7 Aussagen von Deniz Yücel, die ihr kennen solltet, um zu verstehen, was momentan in der Türkei passiert

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