"Will man uns für dumm verkaufen?": Warum derzeit ganz Polen über ein Video mit rammelnden Kaninchen redet

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KANICKEL
"Kein Schuss ins Knie, sondern in die Stirn": Warum derzeit ganz Polen über ein Video mit rammelnden Kaninchen redet | Screenshot
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  • Selten waren sich sowohl konservative als auch liberale Stimmen in Polen so einig wie bei einem jetzt veröffentlichten Video des Gesundheitsministeriums
  • Das Video will die Bevölkerung zum Kinderzeugen anregen
  • Doch der Vergleich mit Kaninchen geht nach hinten los

Polen ist dem Untergang geweiht. So sieht es zumindest die nationalkonservative Regierung. Denn in Deutschlands Nachbarland bekommen Frauen durchschnittlich nur noch 1,32 Kinder - zusammen mit Portugal und Zypern Schlusslicht in der Geburtenstatistik in der EU.

Deshalb geht das Gesundheitsministerium nun mit einem absurden Video in die Offensive. Dessen Botschaft: Die Bevölkerung sollte sich ein Beispiel an Kaninchen nehmen.

Mit dem halbminütigen Clip will die Regierung ihr "Nationales Gesundheitsprogramm" bewerben und einen "gesunden Lebensstil zur Fortpflanzung fördern", wie die konservative Zeitung "Rzeczpospolita" schreibt.

Bis Ende des Jahres soll die Werbung im polnischen Fernsehen ausgestrahlt werden. Doch schon unmittelbar nach Veröffentlichung sorgte die Kampagne in Polen für Empörung und Verwirrung.

"Nimm dir ein Beispiel an den Kaninchen"

"Willst du unser Geheimnis wissen? Erstens bewegen wir uns viel. Zweitens ernähren wir uns gesund. Drittens machen wir uns keinen unnötigen Stress. Und viertens trinken wir nicht. Wenn du also Kinder haben willst, nimm dir ein Beispiel an den Kaninchen. Ich weiß, von was ich spreche, mein Vater hatte 63 von uns", heißt es im Video.

Die Aussagen stammen offensichtlich von auf einer Wiese hoppelnde Kaninchen.

Ein Aufreger: Das vom Gesundheitsministerium finanzierte Video kostete 2,7 Millionen Zloty (640.000 Euro).

"Kaninchen sind schöne Tiere, aber sind fast 3 Millionen nicht woanders besser aufgehoben?", fragte sich die Sejm-Abgeordnete Joanna Schmidt, Vize-Präsidentin der liberalen Oppositionspartei Nowoczesna (Die Moderne).

Zudem kritisieren viele, dass das Video zwar für das Kinderzeugen wirbt, aber landesweit Entbindungsstationen geschlossen werden. Zudem protestieren in Polen seit Wochen Ärzte und andere Gesundheitsfachkräfte für bessere Löhne. Etliche befinden sich im Hungerstreik. Für viele Beobachter passt das Video einerseits und die Zustände im Land andererseits nicht zusammen.

"Kein Schuss ins Knie, sondern in die Stirn"

Die TV-Journalistin Monika Olejnik ärgert sich über die staatliche Bevormundung. In einem Gastbeitrag für die liberale Tageszeitung "Gazeta Wyborcza" schreibt sie: "Ich dachte, dass ich träume. (...) Will man uns für dumm verkaufen? Das beleidigt die Intelligenz der Polen."

Doch auch konservative Stimmen reiben sich an der Botschaft des Clips. So poltert das katholische Magazin "Gość Niedzielny": "Der Vergleich eines Menschen mit einem Kaninchen, dessen Fortpflanzungsverhalten nicht mit Gesundheit, sondern mit gedankenlosem Sexualtrieb assoziiert wird, ist kein Schuss ins eigene Knie, sondern in die Stirn."

Immerhin: Das Video ist in der seit Monaten aufgeheizten Stimmung in Polen wohl eines der wenigen Dinge, wo sich sowohl regierungsnahe als auch regierungskritische Stimmen einmal einig sind.

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(ll)

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