Ein Vorfall in Dortmund zeigt: Nicht nur Teile Ostdeutschlands haben ein massives Neonazi-Problem

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  • Wenige Ereignisse verdeutlichen den Judenhass der Nazis so sehr wie die Reichspogromnacht
  • Auch in Dortmund erinnerten die Stadt und die jĂĽdische Gemeinde an die Zerstörung der Synagogen und den Holocaust
  • Doch Rechtsextreme störten die Gedenkveranstaltung - und machen damit erneut deutlich, dass die Ruhrmetropole eine westdeutsche Neonazihochburg ist

Ein Großaufgebot von Polizisten, ein gesperrter U-Bahnhof und eine mobile Schallschutzwand. Doch nichts hat geholfen, um eine Störaktion Dortmunder Neonazis zu verhindern.

Ausgerechnet am 9. November, am 79. Jahrestag der Reichspogromnacht, protestierten ein Dutzend Rechtsextreme gegen eine Gedenkstunde in der Nähe der im Dritten Reich zerstörten Synagoge im Stadtteil Dorstfeld - dem selbsternannten "Nazi-Kiez".

Am jĂĽdischen Mahnmal sprach neben BĂĽrgermeister Manfred Sauer (CDU) auch der Dortmunder Rabbiner Baruch Babaev. Auch er musste antisemitische Parolen der Neonazis, die extra eine Lautsprecheranlage herbei geschafft hatten, ĂĽber sich ergehen lassen, wie Augenzeugen der HuffPost schildern.

Der Vorfall zeigt: Nicht nur Teile Ostdeutschlands haben ein massives Neonazi-Problem.

Antisemitische Rufe in Hörentfernung einer jüdischen Gedenkveranstaltung

"Die Hemmungen fallen, die Populisten spielen dabei eine groĂźe Rolle. FrĂĽher war es ein Tabu, sich als Antisemit zu geben", sagte der Rabbiner Babaev dem WDR. Mitglieder seiner Gemeinde wĂĽrden sich kaum mehr trauen, eine Kippa, die jĂĽdische Kopfbedeckung, in der Ă–ffentlichkeit zu tragen.

Vermutlich auch wegen solcher Vorfälle wie dem am Donnerstag in Dortmund-Dorstfeld.

Mehrfach skandierten die Neonazis in nächster Nähe zur Gedenkveranstaltung "Nie, nie, nie wieder Israel!". Unter den Rufern war auch Michael Brück, der für das rechtsextreme Parteienbündnis aus NPD und Die Rechte im Dortmunder Stadtrat sitzt.

Dazu sollte man wissen: Ein wichtiges Hausprojekt der Rechtsextremen liegt nur etwas mehr als hundert Meter vom Veranstaltungsort weg.

Der freie Journalist Robert Rutkowski war am Donnerstag vor Ort und hat ein Video des Vorfalls aufgenommen. Er bestätigt im Gespräch mit der HuffPost, dass die etwa 150 Teilnehmer der Gedenkveranstaltung die Rufe hörten.

Mehr noch: Der rechtsextreme Politiker Brück habe in Redebeiträgen zu "Rundumschlägen" ausgeholt. So solle man den 9. November wegen des Mauerfalls feiern, das heißt die "Wiedervereinigung von West- und Mitteldeutschland", sagt Rutkowski. Zugleich hätte Brück ein "Ende des Schuldkults" gefordert. Gemeint ist damit die Erinnerung an den Holocaust und seine Millionen, zum Großteil jüdischen, Opfer.

Für Rutkowski ist das "pure Provokation". "Schon seit Jahren versuchen die Neonazis das Gedenken zur Reichspogromnacht zu stören", erklärt der Journalist.

Er ist seit Jahren im Kampf gegen rechts aktiv. Deshalb gab es in der Vergangenheit bereits fingierte Todesanzeigen gegen ihn, sein Haus wurde mit Hakenkreuzen beschmiert und er wurde am Telefon bedroht.

Nazihochburg in Westdeutschland

Eine weitere Teilnehmerin der Gedenkveranstaltung erklärte der HuffPost: "Die Neonazis hatten große kreative Proteste angekündigt, deswegen sollte die Aktion nicht überbewertet werden. Dennoch schafften sie es, das Gedenken akustisch zu stören."

Ihr zufolge verdeutlicht die Aktion der Neonazis wie auch die Tatsache, dass die Rechtsextremen "in mehreren Straßenzügen optisch präsent" sind: "Dortmund ist eine Nazihochburg in Westdeutschland."

Diese Sicht bestätigt auch Katharina Dannert, Geschäftsführerin des Anti-Rechtsextremismusvereins "BackUp - ComeBack". "Wir haben es mit einer neuen Qualität der Bedrohungssituation zu tun", betont Dannert. "Wir registrieren vermehrt politische Aktivitäten der Neonazis in der Stadt: Demonstrationen, Outings, Bedrohung von Journalisten."

Nachdem der Verein im November 2011 eine Beratung für Opfer rechtsextremer Einschüchterungen und Gewalt gestartet hat, wurde das Angebot sukzessive ausgebaut. Statt nur eines sind mittlerweile sechs Berater bei "BackUp - ComeBack" tätig. "Seitdem haben wir in weit über 250 Fällen beraten. Allein das zeigt das Ausmaß rechter Aktivitäten in Dortmund", berichtet Dannert.

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Perfides Angstszenario

Sie sagt, dass die Dortmunder Rechtsextremen zunehmend am Rand der Legalität agieren. "Sie schaffen ein perfides Angstszenario und gehen gezielt gegen Kritiker vor. Das beginnt im Internet mit Hassbotschaften und setzt sich im Alltag mit 'Weihnachtsbesuchen', Aufmärschen vor der Haustür oder gar ungewollten Bestellungen von Pizzas fort."

Gerade bei letzterem ist es schwer bis unmöglich festzustellen, von wem die subtile Bedrohung herkommt.

Auch "BackUp - ComeBack" steht im Fokus der Rechtsextremisten. Über einen längeren Zeitraum bekam der Verein beängstigende Postkarten geschickt, "die Polizei ermittelt nach wie vor in dem Fall", erzählt Dannert.

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(ll)

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