Ich schaltete eine Wohnungs-Anzeige im Internet – Männer boten mir alles an, nur keine Unterkunft

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A young woman standing on a balcony in the cityhttp://195.154.178.81/DATA/i_collage/pu/shoots/805445.jpg | jeffbergen via Getty Images
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Langsam möchte ich bei mal bei meinen Eltern ausziehen, ich bin 22. Also schaltete ich vor kurzem eine Wohnungsanzeige im Internet, als erstes auf dem Portal “WG-gesucht” – und als ich dort nicht viele Angebote erhielt, auch auf Facebook. Ich hatte von Anfang an kein gutes Gefühl dabei, deshalb wartete ich auch so lange damit.

Die Anzeige war eine klassische Wohnungsanzeige mit kurzen Angaben zu mir (Alter, Beruf und so weiter) und was ich mir für eine Wohnung vorstelle (Preis, Lage, ...). Ich stellte sie in die Gruppe “WG & Wohnung in München gesucht”.

Schon nach wenigen Stunden hatte ich die ersten Nachrichten im Postfach. Erschreckenderweise waren ungefähr 80 Prozent davon definitiv keine brauchbaren Wohnungsangebote. Einige Männer hatten meine Anzeige wohl eher als Sexangebot verstanden.

Eine der Nachrichten, die ich erhielt, lautete: “Ich hoffe du schmeckst besser als eure Burger”. Ich kellnere nämlich neben meinem Studium in einem Burger-Restaurant und hatte das in meiner Anzeige erwähnt.

Ich hätte sogar ein kostenloses Bett haben können - aber nicht für mich alleine

Manche boten mir eine Unterkunft an, allerdings verbunden mit der Aussage: “Wie viel die Wohnung für dich kostet, entscheide ich dann, sobald ich dich gesehen habe”.

Ich hätte sogar ein kostenloses Bett bekommen können – aber nur, wenn ich es mit einem Mitbewohner teilen würde.

Nachdem ich auf alle diese sehr eindeutigen Angebote nicht antwortete, bekam ich erneut Nachrichten derselben Männer, die mich jetzt “unanständig” und “unfreundlich” nannten, weil ich nicht reagierte. Oder sie beschimpften mich als “eingebildete Schlampe”.

Selbst nach mittlerweile zwei Wochen, die diese Anzeige nun alt ist, kommen einige wohl nicht mit meiner Zurückweisung zurecht und schreiben und bepöbeln mich immer noch weiter.

Ich bin nicht die Einzige, der so etwas passiert ist

Ich wurde also in all meinen Bedenken, die Anzeige auf Facebook zu posten, bestätigt. Wenn ich ehrlich zu mir bin, hatte ich es ja so oder ähnlich erwartet. Dass es so ausarten kann, wenn man als Frau einfach nur nach einer Wohnung sucht.

Ich bin sexuell belästigt worden. Erst als ich mit einer Freundin später über meine Erlebnisse sprach, wurde mir wirklich bewusst, was diese Typen mir da eigentlich geschrieben und angeboten hatten. Ich war angeekelt.

Dass ich die Nachrichten so einfach hinnahm, zeigte mir, wie normal es mittlerweile für Mädchen und Frauen geworden ist, auch im Internet Opfer von Belästigungen zu werden.

Ich bin bei weitem nicht die Einzige, der es nach einer Wohnungsanzeige auf Facebook so erging. Immer wieder sehe ich schon direkt unter Anzeigen Kommentare wie: “Bei mir könntest du gerne umsonst wohnen.” Oder: “Ich hab zwar kein Zimmer frei, aber mit dir teile ich gerne mein Bett.”

Da will ich gar nicht wissen, was für Nachrichten in den Postfächern landen, wo nur die Empfängerin mitbekommt, was sich Männer erlauben.

Man kann nicht wirklich etwas gegen solche Belästigungen unternehmen

Wirklich unternehmen kann man dagegen leider nicht viel, denn es ist ja noch nichts “Schlimmes” passiert. Aber muss denn erst etwas passieren, damit Leute bestraft werden, die sich so etwas erlauben?

Reichen sexuelle Angebote und Beleidigungen nicht aus, um einen Menschen zu verletzen? Muss Gewalt körperlich sein, damit sie vor dem Gesetz als Gewalt gilt?

Eine Wohnung habe ich immer noch nicht gefunden. Aber wenn das der Preis ist, den ich zahlen müsste, wohne ich lieber noch eine Weile bei meinen Eltern.

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