Mein Sohn wollte sterben, weil er es nicht mehr aushielt – aber ihr habt ihn leiden lassen

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  • Seit dem Jahr 2016 ist der begleitete Suizid in Kanada erlaubt
  • Allerdings nur in wenigen Ausnahmefällen
  • Der 27-jährige Kanadier Adam Maier-Clayton wollte das nicht hinnehmen und startete eine bedeutende Kampagne

“Wenn du an meiner Stelle wärst, hättest du dann gerne das Recht zu sterben?”

Es ist 3 Uhr nachts. Der 27-jährige Adam Maier-Clayton sitzt seinem Vater Graham Clayton in einem Wohnhaus im kanaadischen Windsor gegenüber.

Adam hat ihn geweckt. Aufgrund seiner Schmerzen konnte er nicht schlafen. Wieder einmal.

"Ja", antwortet Adams Vater.

“Wenn du also in meiner Lage wärst, dann würdest du nicht leben wollen?”

“Korrekt.”

Die Antwort bestärkt Adam. Denn er will sterben. Aber er darf nicht.

Im Video oben beschreibt Adam sein Leiden und spricht über seinen Wunsch, sterben zu dürfen

Adam spürt Schmerzen im ganzen Körper

Eine Somatoforme Schmerzstörung nimmt ihm alle Lust aufs Leben. Er hat Schmerzen, als würde er "mit Säure verbrannt werden". Im Gesicht, in der Brust, den Armen und Beinen. Im ganzen Körper. Fast rund um die Uhr.

Er kann nicht mehr lesen, nicht schreiben. Kaum noch reden.

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Seine Störung ist nicht ausreichend erforscht - und somit auch die Behandlungsmöglichkeiten. Jeden Tag schluckt Adam bis zu 15 verschiedenen Tabletten. Keine hilft.

Er will das nicht mehr. Aber er muss. Er muss weiter leben. Laut kanadischem Recht geht es ihm nicht schlecht genug, um sterben zu dürfen.

Er hält das Gesetz für diskriminierend

Nach langen Debatten legalisierte das kanadische Parlament zwar am 17. Juni 2016 den assistierten Suizid. Aber das Gesetz gilt nur für Menschen, die sich aufgrund einer körperlichen Krankheit nahe ihres Lebensendes befinden.

Adam ist von dem Gesetz ausgeschlossen. Seine Krankheit ist nicht körperlicher Natur, sondern psychischer.

Adam hält das Gesetz für verfassungswidrig und diskriminierend. Er startet eine Kampagne und fordert, dass auch Menschen mit psychischen Erkrankungen das Recht haben sollen, Suizidassistenz in Anspruch zu nehmen.

Denn wer kann beurteilen, wie sehr ein Mensch leidet? Wie aussichtslos eine Krankheit für die betroffene Person ist? Der Krebs kann uns das Leben rauben, aber die Depression nicht?

maierclayton

Adam wendet sich an zahlreiche Medien, um seine Geschichte mit anderen zu teilen. Er will Aufmerksamkeit für das Thema schaffen.

Auf YouTube veröffentlicht er zwischen Juni und August 2016 Videos, die seinen Leidensweg zeigen. Eins davon zeigt das Gespräch mit seinem Vater.

Von Kindheit an leidet Adam

Adams psychische Probleme begannen schon während seiner Kindheit. Er litt unter Zwangsstörungen, Angststörungen und Depressionen. Ständiges Zwinkern und das Nachahmen eines Seehund-Lautes gehörten zeitweise zu seinen Ticks.

Adams Mutter, Margaret Maier, erinnert sich noch gut: “Er hatte immer das Bedürfnis, mit seinen Fingern zu schnipsen", sagt sie im Gespräch mit der HuffPost. "Damit ihn das beim Fußballspielen nicht ablenkt, hat er seine Finger immer mit Tape zusammengeklebt.”

Mit 24 Jahren bekam Adam die Diagnose: Somatoforme Schmerzstörung. Die Schmerzen wurden immer größer. Es ging nur noch bergab.

“Er war sechs oder sieben Tage in verschiedenen Krankenhäusern”, sagt seine Mutter.

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Die Frage, wann ein Mensch das Recht hat zu sterben, wird auch in Deutschland immer wieder kontrovers diskutiert. Hier spricht die Rechtslage klar gegen die aktive Sterbehilfe und die geschäftsmäßige Suizidassistenz.

Psychische Erkrankungen seinen kaum einzuschätzen

Selbstmord würde sonst gesellschaftsfähig, sagen Kritiker. Und wo solle die Grenze liegen? Wer sterben wolle, finde schon die richtige Begründung.

Mehr zum Thema: 50 Depressive erklären, wie sich Depressionen anfühlen

Kritiker argumentieren auch, dass es bei psychischen Erkrankungen kaum einzuschätzen sei, ob ein Zustand chronisch oder unheilbar ist.

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“Wenn wir die richtige Behandlungsmethode finden und anwenden, kann der Großteil dieser Menschen wieder zu einem Punkt zurückfinden, an dem eine bestimmte Lebensqualität geboten ist”, sagt Trudo Lemmens, ein kanadischer Professor für Gesundheitsrecht.

“Wir wissen nicht, welche die Leute sind, die sich doch noch erholen. Das ist sehr schwierig zuvor festzustellen. Einige Menschen werden weiterhin leiden. Einige werden Suizid begehen. ”

Adam hat genug von seinem Leben

Am frühen Morgen des 13. April 2017 fährt Adam Maier-Clayton in ein Hotel in Windsor. Er frühstückt. Dann bringt er sich um. Er schluckt einen tödlichen Medikamentenmix, den er sich aus China bestellt hat.

Seine Eltern wissen nichts davon. Sie müssten sonst mit rechtlichen Konsequenzen rechnen.

“Adam liebte das Leben", sagt seine Mutter. "Er wollte weiterhin hierbleiben. Aber die Schmerzen sind unerträglich geworden. Selbst für unseren starken Sohn."

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(best/jds)