Erdogans Syrien-Pakt: Warum der türkische Präsident mit einem der gefährlichsten Terroristen zusammenarbeitet

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Erdogans Syrien-Pakt: Warum der türkische Präsident mit einem der gefährlichsten Terroristen zusammenarbeitet | Reuters
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  • Der türkische Präsident Erdogan unterhält in Syrien offenbar einen Pakt mit Dschihadistengruppen
  • Die ehemalige Miliz Al-Nusra duldet die türkischen Soldaten
  • Von der Region Idlib aus plant die Türkei weitere Offensiven

Dieses Mal hatte Noah Chomsky nur in Teilen Recht.

Der US-amerikanische Intellektuelle, auch im Alter von 88 Jahren von vielen Linken als scharfsinniger Beobachter gefeiert, richtete im Januar des vergangenen Jahres eine E-Mail an den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan.

Chomsksy warf Erdogan darin eine Doppelmoral bei der Terrorbekämpfung vor: "Die Türkei gibt dem IS die Schuld, (...) während sie selbst die Al-Nusra-Front unterstützt, die kaum anders ist."

Was Chomksy damals nicht verstand: Die Al-Nusra mag zwar islamistisch sein, doch mit dem IS hat sie wenig gemein. Was der Linguist dagegen erkannte: Die Türkei ist bereit, mit Terroristen zu kooperieren, um die eigenen Ziele im In- und Ausland zu erreichen.

In Syrien zeigt sich das heute so deutlich wie selten zuvor. Um die Kontrolle über die wichtige nordsyrische Region Idlib auszubauen, ist Erdogan einen Pakt mit einem der gefährlichsten Terrorführer unserer Zeit eingegangen: Abu Mohammad al-Jolani. Im Kampf um die Zukunft des türkischen Nachbarlandes hat sich Ankara so auf ein riskantes Spiel eingelassen.

Intensive Verhandlungen zwischen Türkei und Dschihadisten

Jolani ist Kopf des Dschihadisten-Bündnisses Tahrir-al-Sham (HTS), einem Nachfolger-Verbund der Al-Nusra-Front (später Jabhat Fatah asch-Scham), die sich erst im Sommer 2016 endgültig von Al-Kaida abspaltete.

Mit seinem weißen Turban, dem langen schwarzen Bart und der tarnfarbenen Militärjacke, die er bei einem seiner bekanntesten Auftritte trug, erinnert Jolani schon äußerlich an einen jungen Osama bin Laden.

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Dschihadistenführer Abu Mohammad al-Jolani

Fast zehn Millionen Euro zahlen die USA für Hinweise, die zum Aufspüren des Dschihadisten-Chefs führen. Für so gefährlich hält das US-Außenministerium Jolani offenbar.

Für die Türkei, die bei ihrer Unterstützung sunnitischer Milizen in Syrien schon immer Schnittmengen mit extremistischen Kampfgruppen akzeptiert, ist er in Syrien dagegen vor allem eins: ein notwendiges Übel.

Als türkische Truppen im Oktober mit über 50 bewaffneten Fahrzeugen in die Region vordrangen, kam es nicht etwa zu Gefechten mit den in Idlib stark präsenten HTS-Kämpfern. Nein: Die Dschihadisten eskortierten die türkischen Soldaten nach Idlib.

Der offensichtliche Pakt zwischen der türkischen Regierung und den Al-Nusra-Sukzessoren beweist die kompromisslose Agenda Erdogans im Nahen Osten.

"Mehrere einflussreiche Mitglieder der Opposition und der Dschihadisten berichten, dass der türkische Vorstoß nach Idlib ein Resultat intensiver Verhandlungen zwischen HTS und der Türkei war", schreibt Syrienkenner Charles Lister vom Middle East Institute in Washington D.C. in einer ausführlichen Analyse im US-Magazin "War on the Rocks".

Lister weiß, dass Ankara andere Ziele wichtiger sind, als der Kampf gegen die sunnitischen Extremisten: "Seine Grenzen zu verteidigen, die Kurden einzudämmen, Flüchtlingsströme zu minimieren und ein sicheres Gebiet zu schaffen, in das die Flüchtlinge in der Türkei zurückkehren können."

"Eine Konfrontation würde das Ende der Gruppe bedeuten"

Das Gebiet um Idlib ist die vierte von Russland, dem Iran und der Türkei ausgehandelte De-Eskalationszone in Syrien. In dieser wollen die Staaten Zusammenstöße zwischen Regimetruppen und Oppositionsgruppen verhindern.

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Im kasachischen Astana wurde zuletzt über Syriens Zukunft verhandelt, Bild: Reuters.

Die Türkei plant in der Zone, ein Machtzentrum in der Nähe zur eigenen Grenze aufzubauen: Einen türkisch kontrollierten Puffer, der sich vom Dorf Atmeh an der Westgrenze zur Türkei über Darat Izza bis West-Aleppo erstrecken soll.

HTS kontrolliert bislang große Gebiete in dieser Zone. Warum also akzeptieren die Dschihadisten die türkische Übernahme?

Der Politologe und ehemalige türkische Abgeordnete Aykan Erdemir sagt der HuffPost: "HTS weiß, dass Ankaras Hauptziel die kurdische YPG ist, deshalb zeigen sie Bereitschaft, die türkische Präsenz in Idlib zu dulden."

Analyst Ömer Özkizilcik von der Middle East Foundation in Ankara nennt einen anderen Grund. "HTS und insbesondere Jolani wissen ganz genau, dass eine Konfrontation mit der Türkei das Ende der Gruppierung bedeuten würde", sagt er der HuffPost.

Am Ende trägt wohl beides zum Nichtangriffspakt der beiden Parteien bei: Weder die Türkei noch Jolani wollen eine Konfrontation riskieren. Denn auch für Erdogan steht viel auf dem Spiel, wie Özkizilcik betont: "Wer versucht, die Idlib-Region von HTS zu befreien, wird zwangsläufig einen hohen Preis zahlen müssen."

Erdogans geheimer Syrien-Plan

Stattdessen deutet sich ein weitaus komplexeres Szenario an.

Die Lage ist schwierig zu durchblicken: Unter den syrischen Oppositionsgruppen gibt es breite Unterstützung für die türkische Offensive. Die Dschihadisten-Miliz HTS selbst ist heterogen aufgestellt – es gibt radikalere und weniger radikale Flügel. Zuletzt löste sich etwa die Miliz Nour al-Din al-Zenki aus der HTS-Gruppierung. Jolani muss um die Loyalität seiner Kämpfer bangen.

Hier könnte Erdogan ansetzen, glaubt Lister. Anders als gegen den IS gebe es gegen HTS keine militärische Lösung. Es gehe um einen ideologischen Kampf um Legitimität in der syrischen Opposition.

Die Türkei werde dazu übergehen, zu versuchen, die Dschihadsitengruppe zu teilen, glaubt der Experte – in "eine besser zu beherrschende Gefahr". Es gehe darum, die Mitglieder aus der Miliz zu lösen, "die nicht loyal zu einer extremistischen Vision stehen, wenn sie dem breiteren Ziel der syrischen Opposition im Wege steht".

Gelingt Erdogan das, kann er sich seinem größeren Ziel in Syrien widmen.

Krieg als Befreiungsschlag vor der Wahl

Er will verhindern, dass die kurdische YPG, die zuletzt weiter im Osten Rakka vom IS befreite, weitere Gebiete einnimmt. Die Kurden in Afrin, dem Westlichsten von der YPG gehaltenen Gebiet in Nordsyrien, rechnen zudem weiter mit einem Angriff türkisch geführter Truppen.

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Gelb das kurdisch kontrollierte Gebiet, Quelle: edmaps.com

Auch Türkeikenner Erdemir geht von einer solchen Offensive aus. "Idlib ist die Startrampe für Operationen in Afrin“, sagte er der HuffPost.

Innenpolitisch sei die Region für Erdogan von großem Interesse. Ein massiver Showdown mit den Kurden könnte im Hinblick auf die Präsidentschaftswahl 2019 einen "Rally-'round-the flag-effect" entfalten, also dafür sorgen, dass die Türken sich in der Ausnahmesituation hinter der Regierung vereinen.

"Neue Umfragen zeigen, dass die Unterstützung für Erdogan und die AKP zusammenschmilzt, das könnte den Präsidenten zu großen Militäraktionen verleiten", warnt der ehemalige Abgeordnete.

So könnte die De-Eskalationszone schon bald zum Ausgangspunkt eines neuen Gewaltausbruchs werden. Die regierungsnahe türkische Zeitung "Yeni Safak" zumindest titelte schon: "Heute Idlib, morgen Afrin!"

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(jg)

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