"Der Sektenführer": US-Religionsforscher erklärt, wie Trump Präsident werden konnte - und warum er noch immer regiert

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DONALD TRUMP
US-Präsident Donald Trump - für Religionswissenschaftler Reza Aslan ist er ein "Sektenführer" | Getty
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  • Wie konnte das nur passieren?
  • Vor einem Jahr wurde Donald Trump zum US-Präsidenten gewählt
  • Der Religionswissenschaftler Reza Aslan hat nun eine ebenso ungewöhnliche wie überzeugende Erklärung: Trump handelte wie eine Sektenführer

US-Präsident Donald Trump. Am 7. November 2016 hielten das die meisten Experten und US-Bürger für ausgeschlossen. Einen Tag später wurden sie eines Besseren belehrt.

Trumps Beliebtheitswerte sind seitdem auf ein historisch niedriges Niveau abgestürzt, seine Politik wirkt nicht selten chaotisch, er selbst scheint oft politisch umherzuirren. Zudem steht der Vorwurf der Lüge jeden Tag aufs Neue im Raum und auch die Russland-Affäre hängt wie ein Damoklesschwert über Trumps Präsidentschaft.

Doch egal was Trump sagt, tweetet oder tut. Die Anhänger des Republikaners scheinen in einer anderen Welt zu leben. Was andere als Makel sehen, sehen sie beim 74-Jährigen als Stärke. Er ist der Deal-Maker, seine Unberechenbarkeit gilt als sein größtes Ass. Trump sitzt bei seinen Fans ganz fest auf seinem Thron.

Der bekannte iranisch-amerikanische Religionswissenschaftler Reza Aslan hat für diese paradoxe Sicht eine ungewöhnliche wie überzeugende Erklärung: Trump ist der Guru, seine Anhänger Teil einer Sekte, die ihm schon zum Wahlsieg verhalf.

Wahlkampf wie ein Massengottesdienst

In einem Artikel für die "Los Angeles Times" begründet Aslan seine Behauptung:

"Während des Wahlkampfes und danach in persönlichen Auftritten nutzte Trump die Art von emotionaler Intensität zu seinen Anhängern, die eher typisch für einen religiösen Massengottesdienst, als für eine politische Versammlung ist."

So habe es bei Trump ebenso "ritualisierte Gesänge" gegeben. Dazu zählt der US-Forscher die fortwährenden gegen die demokratische Rivalin Hillary Clinton gerichteten Sprechchöre "Lock her up!" ("Sperrt sie weg!").

Ausgewachsener Trump-Kult

Angesichts der wenig schmeichelhaften Bilanz und etlicher nicht eingelöster Wahlversprechen ein Jahr nach der Wahl ist für Aslan klar: "Der Eifer einiger seiner Anhänger scheint immer mehr einem ausgewachsenen Kult zu ähneln."

Wohlgemerkt: Aslan verwendet das Wort mit einer negativen Konnotation, bei der eine engstirnige soziale Gruppe sich einem "charismatischen Führer" in extremster Weise hingibt.

Denn Trump-Anhänger weisen einige gemeinsame Merkmale mit religiösen Hardlinern auf:

Die Gruppe bildet sich um eine Person, der ein prophetischer und fast göttlicher Status zugeschrieben wird. "Trump war spektakulär erfolgreich seine Unterstützer dazu zu bewegen, seinen Liebkosungen und nicht ihren eigenen Augen zu glauben", schreibt Aslan.

Auch einige führende christliche Unterstützer wiesen Trump besondere Fähigkeiten zu. So soll er im direkten Kontakt mit Gott stehen.

Des Weiteren nähren sich die Kompetenzen eines Sektenführers davon, dass er sich als einzig wahre Informationsquelle geriert. Aslan bemerkt mit Blick auf Trump: Konkurrierende Ideen und Fakten werden nicht nur als falsch dargestellt, "sie sind dämonisch".

Der US-Präsident attackiert in regelmäßigen Abständen unliebsame und kritische Medienhäuser, bezichtigt sie der Verbreitung von "Fake News".

Journalisten sind für Trump "Lügner" und "kranke Leute", die "uns unsere Geschichte und unser Erbe wegnehmen wollen".

Eine gemeinsame Umfrage der US-HuffPost und des Umfrageinstitutes YouGov-Umfrage zeigte, dass auch Trumps Anhänger ähnlich denken: 60 Prozent bezeichneten die Medien als "Feind".

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Nur Trump könne das Land retten

Zugleich scheint den Trump-Anhängern egal, welche Beschuldigungen ihn treffen. Anders als beim Missbrauchsskandal um Hollywood-Produzent Harvey Weinstein, halten mehr als die Hälfte der Unterstützer des US-Präsidenten ähnliche Vorwürfe gegen Trump für "nicht glaubhaft".

"Einer der Wege, wie ein Sektenführer seine unbestrittene Autorität behält, ist, eine Belagerungsmentalität unter seinen Anhängern zu schaffen und sich als Gegenpol zu präsentieren", erklärt Aslan.

Denn glaubt man Trump, dann sei die USA ein dahinsichendes Land, in dem Islamisten und Migranten das Gewaltmonopol des Staates längst übernommen hätten. Jeder Gewaltakt, wie jüngst in New York, scheint das Weltbild zu bestätigen. Rassistische Ausfälle wie in Charlottesville werden dagegen umgedeutet.

Mantraartig wiederholte Trump deshalb schon während des Wahlkampfes: "Ich alleine kann es reparieren."

"Ich könnte jemanden erschießen - und würde keine Wähler verlieren"

Aslan zeichnet in seinem Beitrag ein düsteres Bild. "Kultmitglieder neigen dazu zu glauben, dass sie an einer kosmischen Leistung teilnehmen, dass sie an einem Kampf zwischen Gut und Böse teilnehmen."

Egal was passiert, es scheint, dass eine fast zwei jahre alte Prophezeiung Trumps Wirklichkeit geworden ist. Der jetzige US-Präsident erklärte im Januar 2016:

"Ich könnte mitten auf der 5th Avenue (im Zentrum Manhattans) stehen und jemanden erschießen - und würde trotzdem keine Wähler verlieren."

Das Problem: Wenn der "gute" Trump nicht gewinnt und das Lügen- und Phantasiegebilde des Sektenführes tatsächlich zusammenbrechen droht, könnten die Anhänger gewalttätig werden.

So erklärte Trump-Berater Roger Stone im August: Jeder Versuch, den Präsidenten aus dem Amt zu entfernen, würde in "diesem Land in einen Gewaltkrampf, einen Aufstand, enden, wie Sie ihn noch nie gesehen haben".

Das US-Magazin "Newsdesk" ist sich sicher: Bereits Aslans Theorie wird "Zorn provozieren".

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