Eine Frau bekam bei 100 Bewerbungen keinen Job, bis sie ein Detail in ihrer Bewerbung änderte

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Shani Dhanda ist eine ganz gewöhnliche Frau. Sie ist 30 Jahre alt, hat Eventmanagement studiert und liebt es, zu reisen. In ihrem Studiengang galt sie als eine der Jahrgangsbesten. Eine US-amerikanische Stiftung veröffentlichte sogar ihre Dissertation. Für ihre Arbeit an der Universität verlieh man ihr eine Auszeichnung.

Und trotzdem: Über ein Jahrzehnt lang bewarb sich Shani Dhanda auf mehr als 100 freie Stellenausschreibungen - ohne jemals eine Antwort zu bekommen, berichtet die 30-Jährige in der britischen HuffPost.

Im Video oben: Shanis Geschichte ist kein Einzelfall

Schuld daran war ein Detail in ihrer Bewerbung.

Shani ist 95 Zentimeter groß und hat die sogenannte Glasknochenkrankheit.

"Ich dachte, ich würde niemals einen Job bekommen - und das, obwohl ich unbedingt einen Beitrag zur Gesellschaft leisten wollte. Die Aussicht, vielleicht niemals arbeiten zu können, machte mich wirklich traurig”, klagt sie.

Bereits in der Schule gab man Shani mehr als fragwürdige Karrieretipps: “Mir wurde gesagt, dass ich versuchen sollte, einen Job in der örtlichen Gemeinde zu ergattern. Dort gäbe es eine jährliche Quote für Menschen mit Behinderungen.”

Behandelt wie Menschen zweiter Klasse

Shani empfand das als extrem beleidigend: “Ich wurde nicht an meinen Fähigkeiten oder Interessen gemessen. Andere sahen mich nur als eine Person mit Behinderung.” Der Fall der Britin zeigt ein Problem auf, das auch in Deutschland noch immer besteht. Auf dem Arbeitsmarkt sind Menschen mit Behinderung noch immer Menschen zweiter Klasse.

Erst als sich Shani dafür entschied, ihre Behinderung aus ihren Bewerbungsschreiben zu streichen, lud man sie zu einem Vorstellungsgespräch ein. Nur kurze Zeit später bekam sie eine Anstellung in einem Telekommunikationsunternehmen.

shani dhanda

Doch einen Job zu bekommen, ist nicht die einzige Herausforderung. "Es gibt viele verschiedene Probleme", erklärt Shani. "Es gibt Probleme bei der Jobsuche und es gibt Probleme, den Job tatsächlich zu halten."

Neben ihren brüchigen Knochen leidet Shani an Skoliose und Arthritis. Bei ihrer längeren Anfahrt zur Arbeit bekam sie schnell Gelenkschmerzen. Sie fragte daher ihren Arbeitgeber, ob sie öfter von daheim arbeiten könnte.

Doch ihr Antrag wurde abgelehnt: “Es war ein Schlag ins Gesicht.” Shani fühlte sich von ihrem Arbeitgeber im Stich gelassen. Immerhin arbeitete sie zu diesem Zeitpunkt bereits seit sechs Jahren für das Unternehmen.

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“Ich möchte nicht um besondere Behandlung oder spezielle Anpassungen oder etwas Anderes bitten, aber es ist etwas, was ich tun muss, um meine Arbeit zu machen.”

Sie beschloss daraufhin, ihre Kündigung einzureichen.

Sehr qualifiziert – trotzdem keinen Job

Ähnliche Erfahrungen musste auch Lukas Hoppe in Deutschland machen. Der 23-Jährige ist gehörlos und auf einen Schriftdolmetscher angewiesen. Nachdem er sehr erfolgreich sein Abitur abgeschlossen hatte, fand er schnell einen Ausbildungsplatz.

Auch für die Berufsschule sollte ihm ein Dolmetscher zur Verfügung gestellt werden. Doch die Agentur für Arbeit lehnte es ab, diesen zu finanzieren. Der offizielle Grund: Lukas’ Noten seien zu gut. Er könne erneut einen Dolmetscher beantragen, wenn seine Leistungen deutlich nachlassen würden.

Für Lukas und seine Mutter eine absolut inakzeptable Situation. Sie zogen vor ein Sozialgericht und bekamen Recht. Über den Fall berichtete die “Neue Osnabrücker Zeitung.”

Der Fall Lukas zeigt, mit welchen abstrusen Hindernissen Menschen mit Behinderung zu kämpfen haben.

Die Behinderten-Aktivistin Julia Probst setzt sich seit Jahren für Menschen wie Lukas ein. Sie kritisiert im Gespräch mit der HuffPost, die Arbeitslosenquote betrage bei Menschen mit Behinderung 13,9 Prozent. Sie ist damit deutlich höher als bei Nichtbehinderten.

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“Allerdings ist es nicht so, dass Menschen mit Behinderung schlecht ausgebildet sind. Die Mehrheit ist sogar gut ausgebildet. Ihnen wird der Zugang zum Arbeitsmarkt nur deutlich erschwert”, sagt Probst.

Das hänge besonders oft mit Vorurteilen über die Leistungsfähigkeit der Bewerberinnen und Bewerber mit Behinderungen zusammen.

“In Deutschland ist die Arbeitssuche für Menschen mit Behinderungen oft sehr mühsam”, berichtet die Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Verena Bentele, der HuffPost.

Nicht selten verhindern Vorurteile eine Einladung zum Vorstellungsgespräch bei privaten Arbeitgebern - und das trotz der geforderten Qualifikation.

Endstation Behindertenwerkstatt

Probst zufolge hat das vor allem einen Grund: Der Besuch einer Förderschule ende für viele Betroffene meistens in einer Behindertenwerkstatt, anstatt in einer regulären Ausbildung. Von dort fänden immer noch zu wenige behinderte Menschen den Weg in den regulären Arbeitsmarkt.

“Der einzig richtige Weg wäre, das teure und überflüssige Förderschulsystem abzuschaffen und alle Regelschulen inklusiv zu machen”, erklärte Probst.

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So werde ein normales Miteinander von der Kindheit an geschaffen und private Firmen hätten weniger Angst vor der Einstellung eines Menschen mit Behinderung.

Ähnlich sieht das auch Verena Bentele. Gegen Diskriminierung von Menschen mit Behinderung auf dem Arbeitsmarkt helfe langfristig sicher nur die inklusive Bildung.

“Wenn alle Kinder, ob mit oder ohne Behinderung, gemeinsam lernen, dann entstehen von Anfang an weniger Vorurteile bei Arbeitgebern und Kolleginnen und Kollegen”, so Bentele.

Die UN bezeichnet die Inklusionsbemühungen der Bundesregierung als mangelhaft

Schon mehrfach wurde Deutschland bei der offiziellen Staatenprüfung des UN-Menschenrechtsratausschusses heftig für die mangelhafte Umsetzung von Inklusionsmaßnahmen gerügt. Dies war zuletzt 2015 der Fall. Deutlich besser schneiden Länder wie Italien und Spanien ab.

Auch für die nächste Prüfung 2019 sieht Julia Probst für Deutschland schwarz: “Es hat sich im Prinzip nichts geändert.”

Es gäbe zwar eine Schwerstbehinderten-Abgabe für Firmen, die die offizielle Quote an behinderten Mitarbeitern nicht erfüllen, allerdings sei diese nicht hoch genug.

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Sind in einem Unternehmen mit mehr als 60 Mitarbeitern weniger als fünf Prozent der Arbeitsplätze mit Menschen mit schwerer Behinderung besetzt, muss das Unternehmen eine Gebühr entrichten. Diese beträgt jedoch nur maximal 320 Euro im Monat. Probst fordert, diese Sanktionen deutlich zu erhöhen.

“Der ehemalige Finanzminister Wolfgang Schäuble machte einen entsprechenden Vorschlag 2015. Der wurde allerdings nie umgesetzt.”

In zwei Jahren droht Deutschland so erneut die Note fünf - und das zurecht.

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