Warum "Bauer sucht Frau" die beste Wahlwerbung für die AfD ist

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BAUER SUCHT FRAZ
Bei André (60), dem charmanten Schweizer, müssen die Ziegen gemolken werden | MG RTL D
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  • "Bauer sucht Frau" ist zu einer Peep-Show für die Bessergestellten geworden
  • Denn in der RTl-Sendung werden Menschen aus der Provinz bloßgestellt - mit fatalen Folgen

Katastrophen fangen oft ganz harmlos an. So auch die neue Folge von „Bauer sucht Frau“, jener scheinbar putzigen und doch so giftigen Reality-Soap auf RTL.

Kameraschwenk über die thüringische Provinz. Hintergrundmusik: 70er-Jahre-Geträller. Rosi sitzt am Frühstückstisch eines Bauernhofs vor zwei drögen Scheiben Brot. Der Hausherr hat ein Milchtrauma aus der Jugend und kann keinen Käse riechen. Dafür hat er sie mit einem Pfund Butter überrascht.

Doch die Dame stellt ihn auf die Probe und drapiert den eigens mitgebrachten Edamer auf den Tisch.

Weibliche Stimme aus dem Off: „Auch Rosi erbringt einen Liebesbeweis, sie versteckt den Käse unter Marmelade.“ Der Bauer muss vor die Tür. „Nur die frische Landluft kann dem 66-Jährigen jetzt helfen. Rosi bleibt ratlos zurück. Muss sie sich vom Käse verabschieden, wenn sie bei Günter bleiben möchte?“, sagt die Sprecherin.

Nahaufnahme. Hintergrundmusik: italienisches Liebesgeschnulze.

Offenbarungseid der Sonderlichkeiten

Die ersten Minuten, die ersten Lacher. Das Muster bei „Bauer sucht Frau“ ist ewig gleich: Die ganze Sendung ist ein Spott auf die Mittelmäßigkeit der Provinz. Auf die Sorgen der Menschen. Auf deren Ausdrucksweise, Marotten und Schrullen. Das ist infam, und auch gefährlich.

Am größten ist die Freude bei dem Produzenten, wenn die ganzen, normalerweise aus verständlichen Gründen unbeleuchteten Peinlichkeiten des Kennenlernens mit der Lupe seziert werden.

Dann hält die Kamera drauf, als ginge es darum, den Mord an John F. Kennedy aufzuklären. Und ab und zu grinst Moderatorin Inka Bause in die Kamera.

Die kleinen und großen Fehlkommunikationen, die Missverständnisse. Das Offenbaren der eigenen Sonderlichkeiten, in der Hoffnung, der andere möge sie annehmen. Die Schwierigkeiten, sich ins Leben des anderen einzufühlen. All das ist hier ein großer Witz fürs Millionenpublikum.

Peep-Show für die Bessergestellten

So wird das Landleben zur Peep-Show für die Bessergestellten und für jene, die es werden wollen. Da können sich Lasse und Laura aus Prenzlauer Berg genauso wie Jupp und Jutta aus Krefeld in dem wohligen Gefühl ins Fernsehkissen drücken, dass sie in der besseren von zwei möglichen Welten an diesem Abend leben.

Nageldesignerin Christa darf die vollgeschissenen Kälber-Iglus abkärchern. In glänzenden Turnschühchen. Haha.

Der „waschechte Westerwälder“ Uwe trennt sich beim erzwungenen Küchenputzen schweren Herzens von einem, nach eigener Aussage, „jahrzehntealten“ Topflappen. Igitt, hihi.

Eine grantig schauende Bauernmama isst ein Gericht, das ihr die Schwiegertochter in spe zubereitet hat. Hintergrundmusik: „Spiel mir das Lied vom Tod“. Und, oh Wunder: Die ältere Dame ist eigentlich eine ganz liebe Person, bedankt sich, freut sich, macht ein paar ziemlich trockene, gute Witze. Hintergrundmusik: „Here Comes the Sun“. Hoho.

Die ganze Niedertracht der RTL-Fernsehmacher

Überhaupt: Am nervtötendsten ist der Soundtrack.

Mit schmalzigen Liebesliedern, die sich selbst der heißgelaufendste Kuchelrock-Ultra nicht in einer Öffentlichkeit zu spielen trauen würde, die größer ist als die eigene, demente Hauskatze; schunkeltauglichen Unterhaltungsschlagern aus der Wirtschaftswunderzeit mit dem Cool-Faktor von Schnarchpflastern; und amerikanischen Große-Welt-Songs, die einen ironischen Kontrast zu den Misthaufen der deutschen Provinz herstellen.

Hier wird die ganze Niedertracht der Fernsehmacher von RTL offensichtlich. Was für Eltern muss man haben, um anderen Menschen so eine spöttische Inszenierung anzutun?

Als Zuschauer kann solche Fernsehsendungen wegkonsumieren wie eine Tafel Milchschokolade, dafür sind sie ja gemacht.

Doch am Ende bleiben die Kalorien auf der Seele: Ist es wirklich richtig, dabei zuzusehen, wie ganz normale, bisweilen ziemlich liebenswert wirkende Menschen zum Belächelt- und Belachtwerden preisgegeben werden? Sollten wir wirklich dabei zuschauen, wie die deutsche Provinz als Hort der Unzulänglichkeiten dargestellt wird?

Eine bösartige Sendung

Nein, verdammt. „Bauer sucht Frau“ ist eine bösartige Sendung. Sie sorgt dafür, dass ganze Gesellschaftsschichten in Deutschland gegeneinander ausgespielt werden, nur damit RTL und der Bertelsmann-Konzern ihre Gewinnmarge steigern können.

Wenn wir über die Bruchlinien in unserer Gesellschaft sprechen, die derzeit zu immensen politischen Verwerfungen in Deutschland führen, dann fängt die Diagnose an einem beliebigen Abend bei Sendern wie RTL an. Wir haben verlernt, uns gegenseitig zu respektieren. Und das hat auch mit dem öffentlichen Bild zu tun, das von Milieus und Regionen medial produziert wird.

„Bauer sucht Frau“ ist Wahlwerbung für die AfD. Hier wird der Graben ausgeschaufelt, der Menschen in Deutschland trennt, und hinter dem jene Barrikaden errichtet werden, an denen derzeit gekämpft wird. Man kann RTL dafür nicht oft genug kritisieren.

2017-09-07-1504786616-8796518-CopyofHuffPost4.pngInside AfD - Die Community für Kritiker der Rechtspopulisten


(mf)

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