Alle reden über Steuerparadiese in der Südsee - doch der größte Steuerbetrug passiert täglich vor unserer Haustür

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Virgin Islands | getty
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  • Die Paradise Papers fachen die Debatte um Steuerbetrug erneut an
  • Doch nicht nur Steueroasen sind ein Problem
  • Milliarden gehen dem Fiskus wegen Betrugsfällen in Deutschland verloren

Die Namen der Inseln klingen exotisch, ebenso wie die Tricks, die die weltweite Elite nutzt, um Steuern zu sparen: die Bermudas, die Isle of Man, die Virgin Islands, die Cayman Islands und so weiter.

All diese Steuerparadiese tauchen in Unterlagen auf, über die unter anderem die “Süddeutsche Zeitung” berichtet. Demnach haben Prominente, Politiker und Wohlhabende über Tricksereien hunderte Milliarden Euro am Fiskus vorbeigeschleust - meistens völlig legal.

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Allein Deutschland entgehen pro Jahr Steuereinnahmen von rund 17 Milliarden Euro durch Steueroasen, hat der französische Ökonom Gabriel Zucman berechnet.

Betrug vor unserer Haustür

Die Aufregung, die auf die Veröffentlichung der Paradise Papers folgt, ist deshalb völlig verständlich und richtig. Dennoch übersieht sie etwas Wichtiges: Der größte Steuerbetrug passiert täglich vor unserer Haustür.

Bis zu 40 Milliarden Euro gehen dem deutschen Fiskus jährlich durch Steuerbetrug in Deutschland durch die Lappen, schätzt die Deutsche Steuergewerkschaft, andere Experten gehen sogar von noch höheren Schäden aus.

Ihr Vorsitzender Thomas Eigenthaler, erklärt im Gespräch mit der HuffPost, dass allein Gastronomen jährlich rund 10 Milliarden Euro an Steuern hinterziehen.

Vor allem Kleinstunternehmen wie Kioske nutzten häufig noch Bargeldkassen, erklärt Eigenthaler. Dadurch seien die Einnahmen nicht nachvollziehbar - der Betrug ist ein Kinderspiel. Das betrifft auch Taxifahrer und Glückspielhallen. Überall wo Bargeld im Spiel sei, hätten Betrüger leichtes Spiel.

Softwarebetrug gibt es nicht nur bei den Autobauern

Aber auch moderne elektronische Registrierkassen können für den Steuerbetrug missbraucht werden. Dabei hilft eine Software, die den Wareneingang und -Ausgang so klein rechnet, dass der Gesamtumsatz des Restaurants sinkt. Folglich fällt auch der zu versteuernde Gewinn kleiner aus.

Die Kasse registriert dann zum Beispiel, dass der Gastronom weniger Schnitzel und Pommes eingekauft hat als in Wirklichkeit - auch die Verkäufe rechnet die Software entsprechend klein.

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Bisher ist der Gesetzgeber gegen diesen Betrug machtlos. Und auch ein weiterer Steuertrick von dem Eigenthaler berichtet, löst Kopfschütteln aus.

Händler aus China prellen den deutschen Staat

So nutzen in China registrierte Unternehmen den Versandhändler Amazon, um massenhaft Produkte in Deutschland zu verkaufen. Die Produkte lagern bei Amazon in Deutschland, werden aber ohne den Aufschlag von 19 Prozent Mehrwertsteuer verkauft.

90 Prozent der chinesischen Händler würden an der Steuer vorbeiverkaufen, schätzt Eigenthaler. Auch Ebay ist betroffen.

Der Schaden für das Finanzamt: eine Milliarde Euro. Das Problem ist den Behörden schon länger bekannt. Im Mai erklärte der hessische Finanzminister Thomas Schäfer gegenüber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung": "Online-Handel boomt. Mit ihm boomt aber leider auch Steuerbetrug vor allem ausländischer Unternehmen."

Aber das ist noch nicht alles. So geben Privatpersonen ihren Arbeitsweg beim Finanzamt höher an als er tatsächlich ist. Bücher werden als Fachbücher deklariert, um sie steuerlich geltend zu machen und ein privates Weihnachtsessen wird als Geschäftsdinner deklariert.

All diese Betrügereien von Privatpersonen nennt Eigenthaler “Unehrlichkeiten im Tagesgeschäft” - sie seien im Gegensatz zum Betrug in der Gastronomie kein strukturelles Problem.

Dass diese strukturellen Probleme aber schnell gelöst werden, glaubt kaum ein Experte. Dafür fehlt den Finanzämter unter anderem schlicht das Personal - im Falle von Steuerausfällen bei Verkäufen bei Amazon und Ebay aber auch die passenden Gesetze.

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(jkl)

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