Wie Medien und Linke in Deutschland die Herrschaft der russischen Kommunisten verherrlichen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
OCTOBER REVOLUTION
In Berlin verkleiden sich Menschen und feiern den fragwürdigen Jahrestag | Fabrizio Bensch / Reuters
Drucken
  • Viele Deutsche hegen Sympathien für die russischen Kommunisten
  • Dabei blenden sie deren Verbrechen aus
  • Auch Medien vermitteln teilweise ein falsches Bild der "Oktoberrevolution"

Würde ein öffentlich-rechtlicher Sender in Deutschland die Machtergreifung von Mussolini und seinen Faschisten in Italien feiern? Den Ausbruch des Ersten Weltkriegs? Oder den Jahrestag eines Putsches in Südamerika?

Aus guten Gründen käme sicher kein Redakteur jemals auf so eine Idee.

Ganz anders, wenn es um den Kommunismus geht.

Der öffentlich-rechtliche, deutsch-französische Sender Arte kündigte auf seiner Facebook-Seite an, er werde die russische "Oktoberrevolution", die sich am 7. November zum 100. Mal jährt, mit zahlreichen Beiträgen "feiern".

arte

Alles spricht dafür, dass es sich bei der Formulierung nur um den Missgriff eines einzelnen Mitarbeiters handelt – denn die Sendungen selbst, die Arte zur Oktoberrevolution sendete, waren kritisch und wurden dem tragischen Ereignis durchaus gerecht.

Sympathie für Lenins Putsch

Aber es ist kein Zufall, dass sich ein Journalist so vergaloppieren konnte. Und dass der Post mit dem "feiern" tagelang online blieb – und erst nach Berichten darüber in den sozialen Netzwerken kommentarlos von der Seite verschwand.

Der verbale Missgriff auf der Arte-Seite ist ein Symptom – und auch nur deshalb der Erwähnung wert: Bis hinein in weite Teile der politischen Elite in Deutschland herrscht heute noch eine, zuweilen klammheimliche, zuweilen offene Sympathie für Lenins Putsch, der zu den größten Tragödien des 21. Jahrhunderts gehört.

In Berlin, Hamburg und Bremen gab es Umzüge zur Feier der Revolution; mitsamt sowjetischem Panzer und Attrappen des Panzerkreuzers Aurora feierten Kommunisten ausgelassen die Machtübernahme durch Lenin und seine Komplizen. Was für ein Hohn für die Opfer von Stasi & Co., von denen immer noch viele gerade in Berlin leben.

Gräuel Stalins werden ignoriert

Dass der Kommunismus ein schrecklicher Irrweg der Geschichte war – darüber herrscht kein grundlegender, über alle politischen Lager gehenden Konsens, wie wir ihn beim Faschismus haben.

Gäbe es diesen Konsens, wären verbale Entgleisungen wie das "feiern" der Oktoberrevolution ein Tabu. Und so würden zumindest so schnell wieder von der Seite eines öffentlich-rechtlichen Senders verschwinden wie sie dort veröffentlicht wurden.

Viele haben die Lehre des großen Sozialdemokraten Kurt Schumacher vergessen, wonach die Kommunisten (unter Stalin) nichts anderes als "rot lackierte Nazis" seien. Vergessen ist auch, dass Stalin nach Kriegsende seine Gegner, darunter auch Sozialdemokraten, wieder in den alten, von ihm wieder eröffneten Konzentrationslagern der Nazis einsperren ließ.

Schumachers Urteil zeigt, wie zynisch die in Deutschland immer noch weit verbreitete Unsitte ist, die unglaublichen Verbrechen von Hitler und seinem Regime zu instrumentalisieren, um Stalin und Lenin zu relativieren und verharmlosen.

Falsche Berichte über die Revolution

Wer Diktatur und Massenmord durch den Vergleich mit Hitler schönredet, verhöhnt auf unerträgliche Weise die Opfer.

Der Terror der Kommunisten gegen ihre eigenen Völker, die Millionen Opfer – all das ist im Bewusstsein vieler Menschen in Deutschland (und anderswo) nicht (mehr) verankert. Die Ursache dafür liegt teilweise schon im Schulunterricht.

Selbst in den Medien sind die Wissenslücken zum Teil gewaltig: So schrieb eine große deutsche Tageszeitung dieser Tage, Lenin habe 1917 den Zaren gestürzt und die Monarchie in Russland beendet.

Genau das war aber schon im Februar 1917 geschehen, bei der Februar-Revolution, als Lenin noch im Ausland war. Die damals entstandene provisorische Regierung wollte Russland zu einer Demokratie machen.

Die "Oktoberrevolution" war ein klassischer Putsch

In den USA ist die Lage nicht besser. Ein Drittel der jungen Amerikaner glaubt laut einer Umfrage des Instituts YouGov von 2016, dass unter Stalin weniger Menschen getötet wurden als unter George W. Bush.

Die Verklärung der Ereignisse vom 7. November (nach dem damals in Russland gültigen Kalender war es der 25. Oktober) zeigt sich schon darin, wie wir sie nennen: Unter Revolution verstehen wir heutzutage zumeist eine radikale Veränderung der Verhältnisse, die von unten ausgeht, also von den Menschen.

Dass Lenin am 7. November 1917 die Minister der Provisorischen Regierung festnehmen ließ, war ein klassischer Putsch. Treffender wäre also der Begriff "Oktober-Putsch" statt "Oktober-Revolution".

Auch in der frühen Sowjetunion wurde das Wort "Revolution" nicht gebraucht. Erst Stalin führte es in den 1920er Jahren ein, wie der russische Philosoph Igor Tschubais betont.

Lenin lässt Gegner erschießen

Auch den legendären "Sturm auf den Winterpalast" in Sankt Petersburg hat es demzufolge nie gegeben – die Wachen ließen Lenins Handvoll Kämpfer kampflos und unspektakulär in das Gebäude.

Bei den freien Wahlen im November 1917 erhielten Lenins Bolschewiken nur rund 25 Prozent.

Als die frisch gewählte Verfassungsgebende Versammlung im Januar die Erlasse Lenins für illegal erklärte, ließ dieser sie einfach auflösen – und auf Demonstranten schießen, die für ihre gewählten Vertreter auf die Straße gingen. Lenins Schwergen töteten mehr als hundert Menschen.

Nicht mehr als ein Tropfen in dem Meer von Blut, dass die Bolschewiken später anrichteten.

Putin hält Lenin für einen Verräter

Selbst Wladimir Putin, sonst Sowjet-Nostalgiker, hält sich auffallend zurück, was Lenin und die Oktoberrevolution angeht.

Mehr noch: Der heutige russische Präsident warf Lenin vor, er habe eine Atombombe unter den russischen Staat gelegt.

"Putin setzt ganz offensichtlich große Stücke auf Stalin, aber nicht auf Lenin", glaubt der Philosoph Tschubais: "Lenin hält er zurecht für einen Verräter, der im Auftrag der damaligen deutschen Regierung handelte."

Diese Version der Geschichte ist in Moskau derzeit weit verbreitet: Der große Revolutionsheld als eine Marionette der Obersten Heeresführung in Berlin, die mit seiner Hilfe den Kriegsgegner Russland schwächen wollte. Und tatsächlich war einer der ersten Erlasse Lenins, einen Tag nach seiner Machtergreifung, die Kapitulation Russlands, auf die Kaiser Wilhelm II. in Berlin gehofft hatte.

An den Folgen der "Oktoberrevolution" leidet Russland bis heute

Stalin dagegen ist in den Augen von Putin und der KGB-Männer aus seinem Umfeld der Retter ihres Vaterlands im Zweiten Weltkrieg. Wobei sie geflissentlich ausblenden, dass ihr Idol in diesem zwei Jahre lang auf der falschen Seite kämpfte und als Komplize Hitlers zahlreiche Länder überfiel und besetzte.

All das betrachten Putin und seine Gefährten ebenso wie den Terror als "Kollateralschaden" auf dem Weg zum Sieg.

Massenterror gegen die eigene Bevölkerung, bei dem jeder zu jeder Zeit willkürlich Opfer werden konnte, der GULAG, der Hunger-Terror gegen das eigene Volk, Abermillionen Toter – das sind nur die schlimmsten Folgen der „Oktoberrevolution“. Die Liste der Verbrechen und verheerenden Folgen des bolschewistischen Umsturzes ließe sich schier endlos fortsetzen.

Lenin setzte explizit das Recht außer Kraft, auch das Völkerrecht.

An den Folgen der "Oktoberrevolution" leidet Russland bis heute

An den Folgen leidet Russland bis heute. Selbst der Putin-Intimus Dmitrij Medwedew beklagte, im Land herrsche Rechtsnihilismus – freilich ohne auf dessen Wurzeln hinzuweisen.

Stalin beging Völkermord am eigenen Volk, schreibt der Philosoph Tschubais.

Man müsste wohl hinzufügen, dass er auch das Bewusstsein seines Volkes massiv beschädigte. Er pervertierte die Moral, normalisierte die Lüge, versuchte, die Geschichte auszuradieren. Und er pflanzte den Verfolgungswahn tief im Bewusstsein der politischen Elite ein.

All das tat er im Namen des "Guten".

Die Schrecken des Kommunismus werden in Moskau heute allenfalls beiläufig erwähnt. In Russland denken laut Umfragen heute 46 Prozent der Menschen positiv über Stalin. Als unentschuldbares Verbrechen betrachten seinen Terror gegen die eigenen Bürger nur noch 39 Prozent.

Putins Propaganda wirkt.

Warum gibt es in Deutschland eine solche Sympathie für den Kommunismus?

Umso erstaunlicher ist es aber, dass auch im Westen noch so viel Sympathie für das sowjetische System herrsct.

Die Begeisterung für Stalin bei westlichen Intellektuellen wie Jean-Paul Sartre oder Lion Feuchtwanger, die seine Verbrechen beschönigten und so zu Komplizen wurde, ist nie richtig aufgearbeitet worden.

Dies ist wohl einer der Gründe dafür, warum Verteidiger von Putin wie Altkanzler Gerhard Schröder oder die Ex-ARD-Korrespondentin Gabriele Krone-Schmalz heute noch auf relativ große Zustimmung bei Russlandfreunden in Deutschland stoßen.

Die Methoden, die Putins Helfer nutzen, erinnern an die von Stalins ausländischen Unterstützern: Kritik an dem Herrscher im Kreml wurde gleichgesetzt mit Kritik am Land. Der Hinweis auf Missstände wurde als "antikommunistische Hetze" (heute: "Dämonisierung") und "überdrehte Medienkampagne" hingestellt, mit denen der Westen von den eigenen Verbrechen ablenken wolle.

Wagenknecht hat sich nie von Stalins Verbrechen distanziert

Besonders unerklärlich sind die Sympathien für den Kommunismus in Deutschland, das unter der Teilung, der Berliner Mauer und der Unterdrückung durch Stalin und seine Schergen viel stärker litt als seine westlichen Nachbarn.

Mit der "Linken" ist heute die umbenannte SED so gut wie in der politischen Mitte Deutschlands angekommen. Stalins politische Ur-Enkel haben sich nie überzeugend von der DDR distanziert. Doch das scheint viele nicht zu stören in Deutschland.

Wie selbstverständlich beteiligt sich die "Linke" aktiv am "Kampf gegen Rechts" - so als drohe eine Gefahr für die Demokratie nur aus dieser Richtung.

Sahra Wagenknecht ist gern gesehener Gast in Talkshows und mitten in der Gesellschaft angekommen – eine Frau, die sich nie überzeugend von ihrer früheren Sympathie für den Massenmörder Stalin distanziert hat.

Für wie selbstverständlich wir inzwischen die weit verbreitete Sehschwäche auf dem linken Auge halten, zeigt die Reaktion auf die massive linke Gewalt beim G20-Gipfel in Hamburg diesen Sommer. Teile unserer Medien und Politik reagierten mit Feindseligkeiten gegen die Polizei und manchmal kaum verhohlenem Verständnis für die Gewalttäter.

Die Lehren der Geschichte

Wer Gewalt anwende, sei kein Linker, weil Linke ja gegen Gewalt seien – so ein damals weit verbreitetes Credo, das sich auch SPD-Vize Stegner zu eigen machte.

Im "Spiegel" war gar sinngemäß zu lesen, linker gewaltbereiter Extremismus sei nicht mit rechtem gewaltbereiten Extremismus zu vergleichen, weil ersterer ja guten Zwecken diene und letzterer nicht.

Wer so argumentiert, hat aus der Geschichte nichts gelernt. Und zeigt ein fast schon infantiles Schwarz-Weiß-Denken.

Gerade sollten wir uns wieder die Lehren der Geschichte bewusstmachen: Wo immer sich Machthaber, mit welcher Begründung auch immer, über das Gesetz stellen, wo immer staatliche Gewalt missbraucht wird, um Andersdenkende zu unterdrücken, müssen wir das nicht nur verurteilen – sondern alles in unserer Macht Stehende dagegen tun.

Wer auch immer Demokratie, Freiheit und Rechtsstaat in Frage stellt, verdient keine Sympathie, sondern unseren entschiedenen Widerstand. Ganz egal, aus welcher politischen Ecke er kommt. Und welche angeblich hehren Ziele er als Begründung nennt. Die Geschichte zeigt: Das Böse ist immer dann besonders gefährlich, wenn es im Gewand des Guten daherkommt.

2017-07-23-1500833626-3203653-DerHuffPostWhatsAppNewsletter6.png
Die wichtigsten News des Tages direkt aufs Handy - meldet euch hier an.

(ben)

Korrektur anregen