Ein Psychologe erklärt: Das ist einer der Hauptgründe, warum Männer Frauen Gewalt antun

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GEWALT FRAUEN
Warum tun Männern Frauen Gewalt an? Ein Psychologe sieht häufig dieselbe Ursache dahinter. | iStock
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  • Die Sexismus-Debatte wirft viele komplexe Fragen auf
  • Eine der drängendsten: Was ist der Grund, dass sexuelle Belästigung überhaupt noch so weit verbreitet ist?
  • Ein Sozialpsychologe erklärt, was er für die Hauptursache hält

Wie kommt es, dass Sexismus in unserer Gesellschaft noch immer so weit verbreitet ist? Was bringt Männer dazu, Frauen zu belästigen und ihnen im schlimmsten Fall sogar sexuelle Gewalt anzutun? Und was muss geschehen, dass sich etwas ändert?

Was als Hollywood-Skandal um den Produzenten Harvey Weinstein begann, hat sich schnell zu einer mächtigen und sehr emotional geführten Sexismus-Debatte entwickelt, die viele Fragen aufwirft.

Die meisten davon sind alles andere als einfach zu beantworten. Der Sozialpsychologe Rolf Pohl ist deshalb der Ansicht: Um die Kultur zwischen Männern und Frauen zu ändern, müssen wir zunächst verstehen, was der Auslöser der Diskriminierung ist.

Psychologisches Dilemma für viele Männer

"Es wird zu wenig über die Motivation hinter Sexismus und sexueller Belästigung gesprochen", sagte er dem Nachrichten-Webseite "Stern". "Einerseits sollen Männer autonom sein, andererseits sind sie sexuell abhängig von Frauen."

Viele Männer seien so in einer psychologisch vertrackten Situation.

Bei dem Männlichkeitsbild unserer Gesellschaft spiele Macht noch immer eine große Rolle. "Die Botschaft lautet: Ich brauche Frischfleisch in Serie, weil ich so potent bin und das allen zeigen will", sagte Pohl.

"Sie drücken damit aus, dass sie Frauen brauchen. Um das zu überspielen, machen die Männer Frauen zum Objekt und lassen sie das auch spüren: in Form von Anmache, Grapschen, bis zur Vergewaltigung."

Frauenfeindliche Strukturen

Die Folge: "Diese Männer machen Frauen dafür verantwortlich, dass sie ihr Begehren ausgelöst haben, dass sie von ihnen abhängig sind."

Dieses Dilemma, so erklärt der Psychologe, sei eine der wichtigen Ursachen von Gewalt gegenüber Frauen. Er ist der Ansicht, dass die Gesellschaft in Deutschland nach wie vor frauenfeindlich sei.

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"Wir leben in einer Gesellschaft mit männlicher Vorherrschaft, Frauenfeindlichkeit ist eine Folge davon", sagte er dem "Stern". Daran änderten auch eine Bundeskanzlerin oder einzelne Frauen in Führungspositionen nichts.

Tatsächlich: Zwölf Jahre Merkel-Kanzlerschaft haben so gut wie nichts an der Gleichstellung der Frauen in Deutschland verändert, das zeigen ernüchternde Zahlen.

Bei den Gehältern von Frauen schneidet Deutschland im internationalen Vergleich bemerkenswert schlecht ab. Im Schnitt verdienen weibliche Angestellte immer noch 21 Prozent weniger als Männer in derselben Position. Im OECD-Durchschnitt liegt der Gender-Pay-Gap bei knapp 17 Prozent. Grund dafür ist auch, dass überdurchschnittlich viele Frauen in Deutschland in Teilzeit arbeiten.

"Wir sind bei der Gleichberechtigung noch nicht so weit, wie wir glauben"

In den Vorständen der börsennotierten Unternehmen in Deutschland liegt der Anteil der Männer laut einer Studie der Allbright Stiftung bei 93 Prozent. Auch im Mittelstand herrscht bei den Führungskräften eklatanter Frauenmangel. Nur vier Prozent der Chefs dort sind weiblich.

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Für Pohl gibt es zwischen diesen Zahlen und dem Sexismus-Problem einen direkten Zusammenhang. Diskriminierung von Frauen sei nicht, wie es oft heißt, ein Relikt aus vergangener Zeit, das einige wenige alte Männer betreffe.

"Sexuelle Belästigung hat eben nichts Archaisches, sondern findet überall statt, wo Führungsebenen männlich dominiert sind", sagte der Psychologe. "Wir sind bei der Gleichberechtigung noch nicht so weit, wie wir glauben."

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(ll)

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