Wenn ihr morgens Kapseln in eure Kaffeemaschine schiebt, solltet ihr dieses Bild kennen

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  • 2015 hat eine Schlammlawine in Brasilien 19 Menschen unter sich begraben
  • Was das mit Kaffeekapseln zu tun hat, erklärt der Soziologe Stephan Lessenich

Es ist leicht, es ist bequem - und George Clooney macht es auch: der Kaffee aus der Kapsel.

20.600 Tonnen der Kapseln haben die Deutschen 2015 verbraucht. Zehn Jahre zuvor waren es gerade einmal 800 Tonnen. Ein sprunghafter Anstieg.

Dabei gelten die kleinen Kapseln schon länger als wahre Umweltsünder. Das Verhältnis von Inhalt zu Verpackung ist völlig unverhältnismäßig - und das Material, Aluminium, ist häufig umweltschädlich.

Das Ergebnis: 5000 Tonnen Abfall an Aluminium. Wem diese Zahl zu abstrakt ist, der kann sich auch dieses Foto ansehen. Es macht deutlich, welche Schäden ein scheinbar harmloser Genuss wie Kaffeetrinken anrichten kann:

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Quelle: Getty

Die Aufnahme zeigt das brasilianische Dorf Bento Rodrigues. Am 5. November 2015 kamen hier 19 Menschen ums Leben, sie wurden von einer Schlammlawine überrollt.

Und neben uns die Sintflut

Ursache war ein Dammbruch im Rückhaltebecken der Eisenerzmine Samarco in der brasilianischen Bergbaustadt Mariana. Durchsetzt mit Schwermetallen überzog eine giftige Schicht von Schlamm das Tal. Die Wasserversorgung für Millionen von Menschen ist seitdem gefährdet.

Schlamm und Tote hier, unschuldiger Kaffeekonsum dort - beides hänge zusammen, erklärt der Soziologe Stephan Lessenich in seinem Buch "Neben uns die Sintflut", über das er am Sonntag im Deutschlandfunk sprach.

Mehr zum Thema: Wie ein Brasilianer seit 40 Jahren Baum für Baum den Regenwald rettet

Am Beispiel des Dammbruchs in Brasilien versucht Lessenich, die Zusammenhänge von Konsum und Ausbeutung der Natur verständlich zu machen.

Kaffeekonsum und die Zerstörung von Lebensgrundlagen

Für Lessenich dient Samarco als Beispiel für den Rohstoffhunger des Westens in Brasilien. Das Bergbauunternehmen Rio Tinto, das einen Anteil an der Mine hält, hat seine Eisenerzförderung zwischen 2006 und 2014 drastisch gesteigert. Sicherheitsmängel im Rückhaltebecken der Mine seien ignoriert worden, schreibt Lessenich in seinem Buch.

Rio Tinto steigerte im gleichen Zeitraum auch seine Förderung von Bauxit drastisch. Dieses Erz wiederum dient der Herstellung von Aluminium. Und Aluminium steckt dann etwa auch in den kleinen, fein portionierten und leicht verwendbaren Kaffeekapseln, die in den vergangenen Jahre immer beliebter wurde.

"Da kann man sehen, dass es da bestimmte Verbindungen gibt", sagte Lessenich im Deutschlandfunk. "Also der lockerleichte, nebenher betriebene Kaffeekonsum hierzulande und die Zerstörung von Lebensgrundlagen von vielen, vielen Menschen anderswo in der Welt."

Zuletzt brach März 2006 eine Talsperre mit Abraumschlamm aus einem Bauxitabbau in Brasilien, später brach der Damm schließlich komplett. Die Bilder ähnelten denen von Mariana. Für Lessenich dienen die Fotos des Dammbruchs von 2015 als Sinnbild für das, was der Konsum in den Industrieländern verursachen. Die Kaffeekapseln zeigen, wie klein der Anteil der Konsumenten manchmal sein kann.

In der Regel würden die Verbindungen nicht so klar hervortreten. Im Fall des Dammbruchs mit seinen 19 Toten aber bleibe die Verbindung von Rohstoffhunger und die “Zerstörung von Lebensgrundlagen” nicht verborgen. In der Tat: Sie ist auf den Fotos überdeutlich.

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Quelle: Getty

Mit dem Beispiel will Lessenich deutlich machen, wie sehr kleine Entscheidungen im Alltag größere Folgen nach sich ziehen können - und wie kompliziert das mit dem Konsum in einer modernen, globalisierten Welt geworden ist.

Wenn jede Entscheidung plötzlich zählt

"Konsum ist Politik mit dem Einkaufswagen", kommentierte kürzlich die Wochenzeitung "Die Zeit" die Verwirrung, die verantwortungsvolle Käufer zwangsläufig überkommt. Wie wahr dieser Satz ist. Der Fortbestand des Regenwalds entscheidet sich eben auch an der heimischen Kaffeemaschine.

Jede Entscheidung will gut überlegt sein, jede Kaufentscheidung kann einen ganzen Rattenschwanz von Folgen mit sich bringen. Manchmal gute, manchmal schlechte, manchmal verheerende.

Im Falle der Kaffeekapseln gibt es allerdings auch mehrere mögliche Lösungen, um den Schaden für die Umwelt zu begrenzen. Man steigt um auf Filterkaffee - oder man gewöhnt sich einen Handgriff an: Man wirft die Kapseln zumindest in den gelben Sack. Nespresso etwa, der größte Hersteller von Kaffeekapseln, bemüht sich darum, das Recyceln so leicht wie möglich zu machen.

Wie viele Kaffeetrinker die Kapseln dort reinwerfen, weiß der Hersteller nicht. Es ist eine Entscheidung, die jedem selbst überlassen bleibt.

Aber auch eine, die Folgen am anderen Ende der Welt haben kann.

Anmerkung: Der Text wurde um die Klarstellung ergänzt, dass es sich bei der Mine Samarco um eine Abbaustelle für Eisenerz handelt.

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(lk)

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