Wir dürfen es nicht zulassen, dass Stadtparks zu Orten der Angst werden

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TIERGARTEN
Wir dürfen es nicht zulassen, dass Stadtparks zu Orten der Angst werden | dpa
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  • Der Große Tiergarten in Berlin steht in den Medien stellvertretend für Gewalt und Prostitution
  • Dabei sollten Stadtparks Orte für Menschen sein

Es gab mal eine Zeit, da wurde der Berliner Tiergarten mit dem New Yorker Central Park verglichen. Und das ist weniger übertrieben, als es klingt:

Das 2,1 Quadratkilometer große Gelände zwischen Brandenburger Tor, Kanzleramt und Bahnhof Zoo hat eine fast 500-jährige Geschichte und wurde nach dem Zweiten Weltkrieg als naturnaher Erholungspark mit viel Liebe wieder hergerichtet.

Es gibt hier verwunschene kleine Bäche, historische Baudenkmäler und Bäume mit dichten Laubkronen, die im Sommer das Gefühl vermitteln, man könne mitten in der Stadt in die Wildnis abtauchen.

Doch seit einigen Monaten redet man in Berlin und anderswo nicht mehr über diese wunderbaren, innerstädtischen Naturerlebnisse, wenn vom Großen Tiergarten die Rede ist.

Der Berliner "Tagesspiegel" veröffentlichte am Donnerstag eine große Geschichte über den "Flüchtlingsstrich" in dem Parkareal, der bei Dunkelheit selbst Männern zu gefährlich geworden sei. Der Tiergarten sei auf dem Weg, "zum deutschlandweiten Synonym zu werden für unbewältigte Folgen der Flüchtlingskrise, für einen Staat, der seinen Aufgaben nicht nachkommt, für Wegschauen und Schönrederei, Angst und Elend".

Obdachlose, Junkies und ein Mord

In dem Text ist die Rede von Flaschen werfenden Obdachlosen und Junkies, die sich um Heroin prügelten. Im Detail wird beschrieben, wie sich Asylbewerber zur Finanzierung der eigenen Sucht prostituieren. Für Schlagzeilen sorgten auch Zeltlager von zugewanderten Obdachlosen.

obdachlose

Einen ersten Höhepunkt erlebte die Debatte Mitte Oktober: Eine Frau, die sich auf dem Weg zu einer S-Bahnstation befand, wurde von einem 18-jährigen Russen erwürgt und in einem Gebüsch verscharrt. Der junge Mann hatte es auf das Handy seines Opfers abgesehen. Er setzte sich nach der Tat ab, konnte aber in Polen gefasst werden, nachdem er versucht hatte, das Mobiltelefon in Betrieb zu nehmen.

Interessierte Gruppen aus dem fremdenfeindlichen Spektrum nutzen die Debatte um den Großen Tiergarten mittlerweile, um pauschal gegen Zuwanderer zu hetzen.

Das ist perfide, denn die Täter im Tiergarten sind nicht deswegen zu Tätern geworden, weil sie Ausländer sind – sondern weil sich unter den Augen einer in den vergangenen Jahren immer wohlhabender werdenden Stadtbevölkerung ein soziales Drama ereignet, für das die chaotische Berliner Landespolitik maßgeblich mitverantwortlich zeichnet.

Mehr zum Thema: Warum sich mitten in Berlin junge Flüchtlinge prostituieren

Wie Wahlwerbung für die AfD

Nirgendwo in Deutschland wird so wurstig mit menschlichen Schicksalen umgegangen wie in der Hauptstadt. Und aus der Kriminalistik ist seit Jahren bekannt, dass Verbrechen vor allem dort gedeiht, wo die sozialen Verhältnisse den Weg dazu bereiten.

Wahr ist aber auch, dass wir nicht länger dulden dürfen, dass in deutschen Großstädten unter der teilnahmslosen Beobachtung der Behörden Kriminalitätsbrennpunkte entstehen, die eine Stimmung der Angst generieren und dafür sorgen, dass Anwohner und Passanten ihre sozialen Routinen der real existierenden Gewalt anpassen müssen.

Genau dieses Gefühl des "Sich-eingeengt-Fühlens" funktioniert wie Wahlwerbung für radikale Parteien wie die AfD. Das weiß jeder, der am Tag der Bundestagswahl mit Menschen gesprochen hat, die der AfD ihre Stimme gegeben haben.

Natürlich hat es soziales Elend in Berlin auch schon lange vor der Flüchtlingskrise gegeben. Der an den Tiergarten grenzende Bahnhof Zoo war in den späten 1970er-Jahren für Eltern in ganz Westdeutschland ein Synonym für sämtliche Gefahren, die Jugendlichen in einer Großstadt drohen können. Und die Neuköllner Hasenheide galt schon in den frühen Nullerjahren als Umschlagplatz für weiche und harte Drogen. Lange, bevor die Flüchtlinge aus dem Nahen Osten und aus Afghanistan kamen.

Aber solche Rationalisierungsversuche helfen derzeit nicht weiter. Wir brauchen Lösungen für jene Probleme, die derzeit im Alltag bestehen.

Kurzsichtige Vorschläge

Der grüne Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel hat kürzlich gefordert, "auffällige Obdachlose", die im Tiergarten aufgefunden werden, in ihre Heimatländer abzuschieben. Ob das der richtige Weg ist, darf bezweifelt werden.

Zutreffend ist, dass Kriminelle für ihre Taten auch bestraft werden müssen, unbesehen ihrer Herkunft. Für Asylbewerber heißt das ab einem Strafmaß von drei Jahren Haft, dass sie laut bestehendem Recht abgeschoben werden können.

Drei Jahre Haft bekommt man allerdings in der Regel weder für Prostitution noch für einfache Drogendelikte. Deswegen ist von Dassels Vorschlag kurzsichtig und hilft wenig dabei, die Situation im Tiergarten zu ändern.

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Was wirklich helfen würde

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Besser investiert wäre das Geld in eine wirkungsvolle Suchtbetreuung für Asylbewerber; in Sozialarbeiter mit Migrationshintergrund, die sich besser in die Situation der Obdachlosen einfühlen können; in vermehrte Polizeistreifen; und notfalls eben auch in punktuell eingesetzte Videoüberwachung von Orten, die für ihre Stricherszene bekannt sind. Kein Freier lässt sich gerne beim Vollzug des Geschlechtsaktes von Polizeikameras beobachten.

Parks sind Orte, in denen die Stadt allen Bürgern gehört – und nicht den Reichen, den Autofahrern oder den Behörden. Wenn Menschen ihre Stadtparks meiden, weil sie sich nicht mehr sicher fühlen, verlieren diese Orte ihre Funktion, und der Weg in die totale Verwahrlosung ist nicht mehr weit.

Dem muss man frühzeitig entgegentreten. In Berlin, und überall in Deutschland.

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