"Moskauer Blutspur" in Kiew? Eine Mordserie erschüttert die Ukraine

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KIEV
"Moskauer Blutspur" in Kiew? Eine Mordserie erschüttert die Ukraine | Getty
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  • Die Behörden in Kiew sehen russische Geheimdienste hinter Mordserie in der Ukraine
  • Der Kreml weist die Vorwürfe vehement zurück
  • Tatsächlich gibt es kaum Belege für russische Machenschaften - doch viele Gründe für Verdächtigungen

Er ahnte, dass sein Ende naht. "Ich weiß, dass ich in Gefahr bin“, sagte der frühere russische Parlamentsabgeordnete Denis Woronenkow (45) im März in einem Interview im Kiewer Exil.

Keine 72 Stunden später war der abtrünnige Russe, ein lautstarker Kritiker von Präsident Wladimir Putin, tot. Kaltblütig umgebracht mit zwei Kopfschüssen, am helllichten Tag, auf offener Straße.

Woronenkows Frau war zum Zeitpunkt des Mordes im vierten Monat schwanger; der Abgeordnete hinterließ drei Kinder.

Der frühere Duma-Abgeordnete der kommunistischen Partei war ein wichtiger Zeuge im Verfahren gegen den in Russland untergetauchten Ex-Präsidenten der Ukraine, Viktor Janukowitsch. Er wollte in Kiew ein "Zentrum des Widerstands“ aufbauen, und Korruption beim KGB-Nachfolger FSB aufdecken.

Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko warf Russland nach dem Woronenkow-Mord "Staatsterrorismus“ vor. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow wies das als "absurd“ zurück.

Dabei ist der Mord an Woronenkow nur die Spitze des Eisbergs.

Russischer Terror in Kiew?

Seit Juli 2016 kamen in der Ukraine mindestens sieben Menschen durch Bombenanschläge und Schüsse ums Leben.

Ukrainische Behörden sehen eine "Moskauer Blutspur“: Sie vermuten den russischen Geheimdienst als Drahtzieher. Eindeutige Belege können sie aber nicht vorlegen.

Der jüngste, tragische Höhepunkt der Mordserie: Bei einem Anschlag auf den nationalistischen ukrainischen Parlamentsabgeordneten Igor Mossijtschuk kamen vergangene Woche in Kiew ein Leibwächter und ein Passant ums Leben.

Drei weitere Personen mussten verletzt in ein Krankenhaus eingeliefert werden: Auch Mossijtschuk selbst, er kam auf die Intensivstation.

Offenbar hatten die Täter einen Sprengsatz in einem Motorrad vor dem Sender "Espreso TV“ deponiert und dann gezündet, als der Volksvertreter mit seinen Begleitern nach seinem Interview das Studio-Gebäude verließ.

Die ukrainischen Behörden sprachen von einem "Terroranschlag“.

"Das ist eindeutig das Werk des Geheimdienstes unseres Feindes", erklärte der Chef von Mossijtschuks "radikaler Partei“, Oleg Liaschko. Belege konnte er jedoch nicht nennen.

Eine Spur nach Moskau könne nicht ausgeschlossen werden, hieß es von den Behörden vage.

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Bombenanschläge auf offener Straße

Mossijtschuk war 2015 in einen Bestechungsskandal verwickelt und durch radikale Äußerungen über politische Gegner aufgefallen.

Anfang September wurde mitten im Zentrum von Kiew Timur Makhauri durch eine Autobombe getötet; seine Frau erlitt schwere Verletzungen. Der Georgier hatte als Mitglied eines ukrainischen Freiwilligenverbandes in der Ostukraine gegen die pro-russischen und russischen Kräfte dort gekämpft. Makhauri wurden Verbindungen zum organisierten Verbrechen nachgesagt.

Im Juni starb Oberst Maxim Schapoval bei einem Anschlag ebenfalls in Kiew. Im Wagen des hochrangigen Militär-Geheimdienstlers war ein Sprengsatz explodiert. Zwei Passanten wurden verletzt.

Ebenfalls bei einer Autobombe wurde im März ein hochrangiger Offizier der ukrainischen Spionageabwehr in Mariupol getötet.

Im Juli 2016 kam der bekannte Journalist Pawel Scheremet bei einem Bombenanschlag vor einem Hotel in Kiew ums Leben. Scheremet war ein enger Freund des früheren Vize-Premierminister von Russland, Boris Nemzow, der im Februar 2015 in Moskau in Sichtweite des Kremls erschossen wurde. Scheremet galt ebenso wie Nemzow als heftiger Kritiker von Präsident Wladimir Putin.

Auch wenn viel von Spuren nach Russland gesprochen und geschrieben wird - handfeste Belege dafür konnten die ukrainischen Behörden in allen geschilderten Fällen bislang nicht vorlegen.

Bei den meisten Mordfällen werden die Hintermänner nie gefunden werden

Kiewer Journalisten, die den Mordfall Scheremet untersuchten, indes hingegen Schlampereien der Kiewer Ermittler und eine Spur zum ukrainischen Geheimdienst.

Auch im Mordfall Woronenkow – dem oben erwähnten russischen Ex-Abgeordneten – weisen die Ermittlungen inzwischen eher auf persönliche Motive hin.

Anfang Oktober erklärte die Staatsanwaltschaft in Kiew, sie habe den mutmaßlichen Auftraggeber ausfindig gemacht: den früheren Lebensgefährten von Woronenkows Frau, den Russen Viktor Tjurin. Dieser sei eng verbunden mit dem organisierten Verbrechen und dem KGB-Nachfolger FSB, so die Kiewer Ermittler.

Bei den meisten der aufgezählten Mordfälle ist aufgrund der Erfahrungen aus der Vergangenheit wohl kaum davon auszugehen, dass die wahren Drahtzieher je ans Licht der Öffentlichkeit geraten: Die Hintermänner werden bei Auftragsmorden mit politischem Hintergrund in Russland und der Ukraine so gut wie nie ausfindig gemacht – bzw. nicht genannt.

So sehr auf der einen Seite handfeste Beweise für eine Verwicklung russischer Geheimdienste fehlen – dass es diese nicht gibt, kann auch nicht als Nachweis für deren Unschuld dienen: Das Ermorden politischer Gegner auch im Ausland ist seit fast 100 Jahren ein Markenzeichen des FSB bzw. seiner Vorgänger, wie des KGB und der Tscheka.

Russland und die Jagd auf "Terroristen" im Ausland

Der letzte, von einem unabhängigen Richter fixierte Fall in einer langen Liste von Auslandsmorden war die Vergiftung des früheren FSB-Agenten und Putin-Kritikers Alexander Litwinenko 2006 in London. Um ein Haar wäre der Mord nie als solcher erkannt und als ungeklärter Todesfall abgehackt worden.

Die Spur des hoch radioaktiven Poloniums, mit dem Litwinenko vergiftet wurde, führte schließlich zu den Tätern in Moskau – und belegte auch die Beteiligung der russischen Staatsspitze in den Mord.

Der Litwinenko-Mörder Alexander Lugowoi sitzt heute im russischen Parlament, wo er Immunität besitzt. Kurz nach der Ermordung von Putin-Kritiker Boris Nemzow wurde er von Wladimir Putin mit einem der höchsten Orden Russlands ausgezeichnet – gemeinsam mit Tschetschenen-Führer Ramsan Kadyrow, den viele in der Opposition als Hauptverdächtigen im Mordfall Nemzow sehen.

Für zusätzliche Fragezeichen sorgen auch mysteriöse Todesfälle unter hochrangigen Russen, wie etwa das rätselhafte Diplomatensterben dort.

Da anders als gegenüber Privatpersonen gegenüber Staaten, die des Mordens an ihren Gegnern überführt wurden, keine Unschuldsvermutung zwingend ist, bleibt ein Grundverdacht gegenüber Moskau bestehen.

Insbesondere, wenn man daran denkt, dass Putins Parlament den Geheimdienst wenige Monate vor der Ermordung Litwinenkos im März 2006 im neuen "Gesetz zur Terrorismusbekämpfung“ offiziell ermächtige, "Terroristen“ auch im Ausland zu töten. Moskau bezeichnet Regime-Gegner regelmäßig als "Terroristen“.

Die Morde destabilisieren die Demokratie in der Ukraine

Nicht von der Hand zu weisen ist allerdings auch, dass andere Motive wie etwa kriminelle oder politische Auseinandersetzungen innerhalb der Ukraine hinter den Morden stecken können.

Schon Anfang 2015 hatte eine Serie von mysteriösen Todesfällen in der Ukraine für Schlagzeilen gesorgt.

Innerhalb von drei Monaten waren mindestens zehn Menschen ums Leben gekommen oder hatten angeblich Selbstmord begangen, die in der früheren, eher moskaufreundlichen Regierung oder in deren „Partei der Regionen“ aktiv waren oder Verbindungen zu Personen dort hatten, wie die BBC berichtete.

Im April 2015 wurde der prorussische Publizist Oles Busina in der Nähe seines Hauses in Kiew auf offener Straße erschossen.

Zu Beginn des Jahres 2017 sorgte eine Serie von Morden in den von Russland kontrollierten Gebieten in der Ostukraine für Schlagzeilen.

"Sechs Tote in sechs Monaten – die Helden des Donbass sterben einen ruhmlosen Tod. Wer ermordet die zwielichtigen Rebellenführer in der Ostukraine?“, titelte die "Neue Zürcher Zeitung".

Während die von Moskau gesteuerten “Separatistenführer” den ukrainischen Geheimdienst verantwortlich machten, sprach Kiew von einer Säuberungskampagne der Moskauer Geheimdienste. Eine weitere Theorie besagte, mit den Attentate könnten offene Rechnungen zwischen den verschiedenen Separatistengruppen beglichen werden.

Wer auch immer hinter den Morden steht: Sie sorgen für Angst und Schrecken – und behindern eine friedliche Entwicklung und demokratische Stabilisierung der Ukraine.

Moskau kommt das sehr gelegen.

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