Zuckerbrüste und Sex-Kätzchen: Mitarbeiterinnen des britischen Parlaments berichten von sexueller Belästigung

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Zuckerbrüste und Sex-Kätzchen: Mitarbeiterinnen des britischen Parlaments berichten von sexueller Belästigung durch Abgeordnete | Tolga Akmen / Reuters
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  • Mitarbeiterinnen des britischen Parlaments berichten in der HuffPost von sexueller Belästigung durch Abgeordnete
  • Die Regierung will den Anschuldigungen nachgehen

Die Debatte um sexuelle Belästigung reißt nicht ab. Was nach den Enthüllungen um Hollywood-Produzent Harvey Weinstein als Welle des Aufschreis begann, hat sich in den vergangenen Tagen zu einem regelrechten Tsunami entwickelt. Dieser hat nun auch das britische Parlament erfasst.

Ausgelöst wurde die Debatte in Westminster durch einen Bericht der Zeitung "Daily Mail": Der Investitions-Staatssekretär Mark Garnier soll seine frühere Sekretärin losgeschickt haben, in einem Sexshop zwei Vibratoren zu kaufen. Zudem soll er der Frau den Namen "Zuckerbrüste" verpasst haben.

Ein Regierungssprecher hat inzwischen angekündigt, dass man den Anschuldigungen nachgehen wolle.

Sex-Kätzchen und Blusen-Lob

Doch Garnier ist längst nicht der einzige Abgeordnete, der sich unangemessen gegenüber einer weiblichen Kollegin verhalten hat. Ehemalige Regierungsmitarbeiterinnen schildern gegenüber der britischen Ausgabe der HuffPost ihre Erlebnisse mit sexueller Belästigung am Arbeitsplatz.

"Als junge Frau wurde ich davor gewarnt, zu gewissen Ministern ins Auto zu steigen", erzählt eine langjährige Assistentin für die Labour-Partei. "Mir wurde auch geraten, manche Politiker auf Konferenzen zu meiden."

Eine Ex-Beraterin für die Labour-Partei berichtet von einem unangenehmen Treffen auf der Terrasse des Palaces of Westminster: "Ich könnte zahlreiche Situationen anführen, in denen Männer eine völlig unzeitgemäße Haltung gegenüber Frauen gezeigt haben", sagt die Ex-Regierungsangestellte, "doch diese eine ist mir besonders im Gedächtnis geblieben."

Ein Abgeordneter der Tory-Partei sei mit einem Tablett voller Häppchen zu ihr herüber gekommen und habe gesagt: "Schauen wir mal, ob das Sex-Kätzchen eins meiner Sandwiches will."

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Doch der Abgeordnete schien sich, so die Angestellte, keines Fehlverhaltens bewusst zu sein. Schließlich habe er die Bemerkung in Anwesenheit anderer Politiker gemacht. "Er dachte wohl, dass er mir ein Kompliment macht", vermutet die Frau. Sie habe die Häppchen dankend abgelehnt.

Auch Männer sind betroffen

Ein anderes Mal habe ein hochrangiger Labour-Abgeordneter sie auf einer Party belästigt. "Er sprach immer und immer wieder über meine Bluse und was für eine tolle Figur ich darin machen würde", sagt die Ex-Beraterin. Es sei empörend, dass einige Politiker immer noch der Meinung seien, dass Frauen nur Zierde wären und sie mit ihnen sprechen könnten, wie sie wollten.

Was nicht bedeutet, dass männliche Politiker nicht auch von sexueller Belästigung betroffen sind. Der frühere Assistent eines konservativen Abgeordneten erzählt, sein Chef habe ihn mehrmals gebeten, sich Plastikbrüste umzuschnallen und durch das Büro zu tanzen.

Ein anderer berichtet von einem Abgeordneten, der zu einem Praktikanten ins Bett geschlüpft sei, den er bei sich in der Wohnung schlafen ließ.

Männliche Abgeordnete bleiben der Debatte fern

Die Anschuldigungen dominierten die Parlamentssitzung am Montag. Die Vorsitzende des Unterhauses, Andrea Leadsome, forderte das Einrichten eines Sonderausschusses, der sich mit anzüglichem oder anderweitig unangebrachtem Verhalten von Politikern befasst.

Allerdings offenbarte die Sitzung eine traurige Wahrheit: Viele Männer entziehen sich der Debatte um sexuelle Belästigung aus Prinzip. Ein Großteil der Abgeordneten blieb der Sitzung fern.

Somit waren Frauen an diesem Tag im Parlament in der Überzahl. Von den 208 weiblichen Abgeordneten – 21 Prozent davon sind Tories, 45 Prozent gehören der Labour-Partei an – nahmen 65 an der Sitzung teil. Bei den Männern waren es nur 56 Abgeordnete und damit bedeutend weniger, als normalerweise im Parlament erscheinen.

Gegen Ende der Sitzung hätten die Frauen sogar zwei Drittel der Anwesenden ausgemacht.

”Dürfen nicht zu viel Wind um die Sache machen”

Doch nicht nur männliche Abgeordnete zögern, sich offen gegen die Herabwürdigung ihrer weiblichen Kolleginnen auszusprechen. Die Baroness Anne Jenkin mahnt gegenüber der HuffPost an, nicht zu viel Wind um die Sache zu machen.

"Natürlich sind ungefragte sexuelle Anspielungen inakzeptabel und das nicht nur in der Politik", sagt Jenkin. Doch man müsse vorsichtig sein, dass die Diskussion nicht am Ende dazu führe, dass falsche Anschuldigungen gemacht werden. "Nicht, dass sich am Ende kein Mann mehr traut, überhaupt etwas zu sagen, das wäre schrecklich deprimierend."

Eine enttäuschende Aussage von der Mitbegründerin einer Initiative, die sich dafür eingesetzt hat, mehr Frauen in die Tory-Fraktion zu bekommen.

Premierministerin Theresa May sieht das anders: Sie hat im Zuge des Skandals einen Brief an den Sprecher des Unterhauses, John Bercow, geschrieben. Darin heißt es, die derzeitigen Disziplinarmaßnahmen für Parlamentarier hätten nicht genügend "Biss".

Weiter schrieb May: Es sei "wichtig, dass alle, die im Unterhaus arbeiten, anständig und fair behandelt werden - wie das an einem modernen Arbeitsplatz zu erwarten ist."

Dieser Text erschien zuerst bei der britischen Ausgabe der HuffPost und wurde von Anna Rinderspacher übersetzt und editiert.

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